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Von Marie zu Maria – und retour

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Die Schweiz – die Schweizer: pünktlich, zuverlässig, präzis wie ihre Uhren, leicht pingelig, proper, praktisch unfehlbar. So sieht uns das Ausland, und so sehen wir uns meist auch selber. Gut, unsere Banken und ihr Finanzgebaren haben vor einigen Jahren leichte Kratzer erlitten (also in Wahrheit sind es zünftige Schrammen, eigentlich fast Totalschaden…), aber die Eidgenossenschaft bleibt das Land mit der stabilsten Regierung, der sichersten Währung und den korrektesten, unfehlbarsten Menschen hinter den Schaltern ihrer Ämter.

Meinte ich jedenfalls, bis mir mein alter Freund Jakob jüngst von seinem Erlebnis berichtete. Seine Frau, die Erna, brauchte eine neue Identitätskarte, und so machten sich die Beiden auf zur Stadtverwaltung. Bei der Einwohnerkontrolle erkundigte sich am Schalter ein junger Mann (wohl ein Lehrling) freundlich nach ihrem Anliegen. Es dauerte bloss ein paar Mausklicks, und schon lag ein Papier mit den Personalien bereit, das es zu unterzeichnen galt. «Prüfen Sie die Angaben sorgfältig», was Erna auch tat – und stutzte: «Also meine Mutter wurde auf den Namen Marie getauft, und garantiert nicht auf Maria!», wandte sie ein.

Womit das Problem des jungen Manns auf dem Tisch lag, denn sein Computer sagte etwas anderes. Hilfesuchend wandte er sich an seinen Chef, der in seiner ganzen Autorität alsbald am Schalter stand und sich die Sache erklären liess. Wortlos begab er sich zu einem grossen Registraturkasten, zog ein Mäppchen hervor und präsentierte meinen Freunden jene amtlichen Papiere, ohne die man praktisch nicht existiert. «Hier, sehen Sie», belehrte er Erna, «Ihre Mutter heisst Maria!» Den hilflosen Widerspruchsversuch wischte er beiseite. «Gehen Sie doch ins Zivilstandamt – gleich im Büro nebenan – und lassen sich die Papiere Ihrer Mutter zeigen», gab er sich weiterhin unerschütterlich. Das Ändern eines Namens sei in der Schweiz eine ganz schwerwiegende Sache, ohne das korrekte Beschreiten eines komplizierten Instanzenwegs schlicht und einfach strafbar.

Meine Freunde gaben klein bei, beugten sich der Amtsgewalt, verliessen leicht geknickt das Gebäude, und Erna murmelte «Ich weiss doch, wie meine Mutter heisst!» vor sich hin.

Bald darauf starb die hoch betagte Frau, und wieder wurde ein Gang zur Verwaltung nötig, zum Zivilstandsamt. Der sehr verständnisvolle und zuvorkommende Zivilstandsbeamte tippte kurz auf der Tastatur seines Computers herum, und hurtig spie der Drucker die Todesbescheinigung aus. Und wie hiess die Verstorbene? Richtig: Marie – anders als im Büro gleich nebenan. Ernas Mutter ruht jetzt auf dem Friedhof, und bis der Grabstein einst gesetzt werden kann, verkündet ein schlichtes, von der Stadtverwaltung montiertes offizielles Schildchen, dass hier «Marie» ruht. Hoffentlich entdeckt es der Einwohnerkontrolleur nicht…

Mein Vertrauen in die Ämter und ihre Hüter ist indessen ziemlich verbeult. Nächstens ist für mich nämlich eine neue Identitätskarte fällig, und mich beschleicht schon heute ein mulmiges Gefühl eingedenk der Unwägbarkeiten, die mich erwarten könnten: «Nein, Ihre Frau heisst nicht Mathilde, sondern Mathilda – und übrigens sind Sie gar nicht mit ihr verheiratet! Da haben Sie vor bald 50 Jahren etwas nicht richtig gemacht.»

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