Kolumnen

Über die ewige Wiederkehr des Gleichen

Trotz Hast und Hetze leben wir in der immer gleichen einen Welt.

Es ist gewiss nicht angebracht, negativ über die heutige Jugend zu lästern. Schliesslich ist sie in einer Welt angetreten, die Generationen vor ihr geschaffen haben. Vielmehr müsste man die Vorfahren, also uns, aufs Korn nehmen, aber das liegt mir nicht. Moralisieren ist nicht meine Sache. Den modernen Menschen hat der Strom der Zeit mitgerissen, und unversehens lebte er in einem Mainstream, den kein Einzelner persönlich zu verantworten hat. Der Mainstream zieht dort durch, wo das Geld liegt und wo es vermehrt wird. Seine Anziehungskraft ist mythisch, ja metaphysisch. Er schafft Wachstum, an dem alle teilhaben möchten, und führt fast unmerklich in die Wachstumsfalle, so wie der Mensch durch falschen Glauben in der metaphysischen Falle sitzt.

Was mir neulich im Bus auffiel, gab mir dennoch speziell zu denken. Ich las im ältesten Epos der Welt, das noch ursprünglich in Keilschrift geschrieben worden ist. Das Werk, so der Autor, der es neu übersetzt hat, sei mindestens zweitausend Jahre vor Christus geschrieben worden. Es sei aus Überresten ab Steintafeln rekonstruiert worden. Die Erzählung aber beruhe auf noch älteren mündlichen Erzählungen. Sie berichten über die Sintflut, lange bevor sich die biblischen Schriftsteller mit der Arche Noah beschäftigt hätten. Ich las fasziniert. Bei der nächsten Haltestelle setzte sich eine junge Frau, vielleicht knapp zwanzig Jahr alt, vis-à-vis von mir auf den Sitzplatz. Sie nahm ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Ich freute mich sehr, denn lesende junge Menschen erfreuen mich immer. Sie las eine oder zwei Seiten des Buches, legte den Finger zwischen die Seiten und nahm das Handy aus der Tasche, tippte auf die Tasten, legte es weg, öffnete wieder das Buch, las, aber schon einige Minute später klappte sie es wieder zu und nahm erneut den Apparat in die Hand, und so ging es, bis ich an meiner Haltestelle ausstieg.

Mich beschlich ein seltsames Gefühl, das arg mit meiner Lektüre kontrastierte. Das Epos setzt stark ein: «Der, der die Tiefe sah, die Grundfeste des Landes, / der die Wege kannte, der, dem alles bewusst / Gilgamesch…», las ich. In der Einführung schrieb Stefan M. Maul, der Übersetzer und Kommentator, das Werk habe nichts an Aktualität verloren, denn es handle «von ganz grundlegenden und wohl durch alle Zeiten unveränderlichen Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Schwächen und Ängsten der Menschen.» Da fragte ich mich in der Konfrontation mit dem nervösen Schweifen vom Buch zum Handy und vom Handy zurück zum Buch, ob sich nicht doch etwas geändert habe. Die Mittel, denen sich der moderne Mensch bedient, sind gewiss anders. Alles geht schneller. Die Zeit ist flüchtig und nervös geworden. Dass die Zeit eine andere Zeit ist als jene, in der mit Keilschrift auf Tontafeln über das gewaltige Schicksal des Gilgamesch gehandelt wird, lässt sich nicht bestreiten. Und dennoch stellte sich mir die Frage, ob das Wesen des Menschen mit seinen Wünschen und Hoffnungen nicht vielleicht doch ähnlich oder gleich geblieben sei.

Haben wir wirklich noch Wünsche, Hoffnungen, Gefühle, Schwächen und Ängste wie unsere Vorfahren? Auch im Gilgamesch Epos wird schon über Verführungskunst und Verstellung geschrieben und dargetan, wie ein starker Held mit List besiegt werden kann. Es agieren Götter, Fallensteller, Dirnen, Wächter, menschenköpfige Stiere und weitere Wesen, die heute einen modernen Namen haben, aber doch sind, was der Mensch einst war. Im Unterschied zur Frühzeit der Menschheit mit ihrer imaginären Götterwelten toben sie sich im digitalen Raum aus. Sie handeln wie einst die Babylonier und die griechischen Olympier aus Eifersucht und Geltungsstreben, mit Intrigen und Zwist, aber auch aus Liebe und Freundschaft. Der griechische Hermes, der Götterbote, trug die Botschaften der Götter so schnell durch den Himmel wie heute digitale Informationen verbreitet werden. Es scheint mir, Nietzsche hatte schon Recht, als er von der ewigen Wiederkehr des Gleichen sprach.