Kultur

Ein Künstler meditiert über das Alter

Der spanische Kult-Regisseur Pedro Almodóvar schuf mit «Dolor y gloria» eine persönliche und gleichzeitig universelle fiktionale Autobiografie.

Der berühmteste Filmautor Spaniens, Salvador Mallo, den Antonio Banderas glaubhaft verkörpert, ist trotz seiner Reputation derzeit absolut unfähig, ans Arbeiten nur zu denken. Depressionen und Krankheiten blockieren ihn. Erst eine versprochene Wiederaufführung seines restaurierten Klassikers «Sabor» gibt ihm zumindest etwas Schwung. Er will sich wieder in die Öffentlichkeit wagen und diesen Film zusammen mit seinem Hauptdarsteller Alberto präsentieren, mit dem er sich beim Dreh verkracht und seither nicht mehr verkehrt hat. Auch dieser ist arbeitslos, brennt aber darauf, wieder spielen zu können. Seine Heroinsucht, die einst zum Streit geführt hat, scheint unter Kontrolle. Als er jedoch Salvador bei einem Besuch die Droge anbietet, nimmt dieser sie aus Neugierde und kommt kaum mehr davon los. Erst die Begegnung mit seinem ehemaligen Geliebten Federico bei der Aufführung des gefeierten Films verändert alles.

Der Mittelpunkt von «Dolor y gloria» ist das heutige Madrid: das Zentrum des kreativen Schaffens und der Lebensmittelpunkt des 1949 in Spanien geborenen Cineasten Pedro Almódovar. An eben diesem Ort lebt und arbeitet nun Salvador Mallo, sein Alter Ego. Das vielschichtige, zeitumspannende Selbstporträt des Filmemachers umfasst Begegnungen mit alten Weggefährten in verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen.

Pedro Almodóvar, der Regisseur, mit Mutter und Salvador im Film

Ein Leben im Schwebezustand

Petro Almodóvars 21. Film, vielleicht sein erster wirklich persönlicher, nimmt man über weite Strecken als Vexierspiel, in seinen Worten als «Autofiktion» wahr. Er richtet sich an seine Fans, die am Menschen hinter seinen Filmen interessiert sind und seine Leidenschaft für das Kino verstehen möchten. Die Geschichte gefällt aber wohl auch einem breiteren Publikum, das sich mit dem Alter in all seinen Facetten auseinandersetzen möchte. Salvador, der Regisseur im Film, ist eine widersprüchliche Figur, ein bemitleidenswertes Wrack, gequält von chronischen Leiden, gedämpft von Schmerzmitteln, umhergetrieben von alternden Gefühlen, zurückgezogen in seiner mit Kunstwerken gefüllten Wohnung, wo sich eine alte Freundin um ihn kümmert und eine Haushälterin die Alltagsgeschäfte erledigt.

Seine Selbstverliebtheit und sein Selbstmitleid manifestieren sich im neuen Film zurückhaltender als in früheren. Formal gemeinsam ist allen etwas Besonderes, schwer zu Beschreibendes; schliesslich stammt auch das neue Werk von Almodóvars Stammkameramann José Luis Alcaine: mit satten Farben, strahlenden Kontrasten und faszinierenden Kompositionen. Das inhaltlich Seltsame und Eigenartig an diesem wie den meisten seiner Filme ist seine besondere Mischung aus Distanz und Sentimentalität.

In seinem Leben und seinen Filmen haben Mütter eine besondere Bedeutung. Penélope Cruz spielt diesmal die junge, Julietta Serrano die alte Mutter, beide verklärend und zugleich realistisch. Berührend und tiefsinnig das lange Gespräch Salvadors mit seiner greisen Mutter. Der ganze Film steht in einem Spannungsverhältnis zwischen klarem Blick und liebenswürdiger Sentimentalität und lässt uns in einem besonderen Gefühl schweben, mit leidenschaftlichen und sehnsüchtigen Blicken, zupackenden und aggressiven Umarmungen und Küssen, so lang und tief, als wollen die Partner sich gegenseitig verschlingen.

Salvador mit seiner alten Mutter

Almodóvars Dreiklang: Mütter, Katholiken und Sex

In einer der schönsten Szenen findet Salvador zufällig in einer kleinen Galerie eine farbige Zeichnung, die ihn als Zehnjährigen beim Lesen eines Buchs zeigt. Diese hat damals der junge Handwerker Eduardo angefertigt, dem der Junge das Lesen und Schreiben beigebracht hat. Der Ältere hat damals beim Jüngeren auch die ersten sexuellen Gefühle geweckt. In einem höchst ästhetischen und dennoch unschuldigen Akt schildert der Film, wie der Junge den muskulösen Körper des Arbeiters scheu begutachtet, als dieser nach der Arbeit bei ihm zu Hause ein Bad nimmt.

Dass die knalligen und herrlich queeren Tage des Filmemachers vielleicht vorbei sind, ist schade. Doch der stille, kontemplative Blick des Künstlers im aktuellen Film verrät eine neue Qualität: eine stille und verstehende Alterswürde. Und es weht auch ein Hauch von altem Kino, mit Fellini und Bergman, durch den fast zweistündigen Film. Hoffen wir, dass «Dolor y gloria» nicht Almodóvars Schwanengesang ist, sondern dass wir, nach dem vorletzten Film „Julieta“ und dem letzten künftig noch auf Filme mit etwas weniger Leiden und ein bisschen mehr Herrlichkeit warten dürfen.

Alberto und Salvador

Fünfzig intensiv gelebte Jahre

Stück um Stück zwischen heute und den 1960er und 1980er Jahren wechselnd, setzt sich das Leben von Salvador zum eindrücklichen Gemälde einer schillernden Persönlichkeit zusammen. Es sind vor allem die Augenblicke leidenschaftlicher Liebe, egal ob zur Mutter, zum Kino oder zu Männern, die immer wieder aufflackern, was bei andern Regisseuren leicht ins Melodrama abdriften könnte. Almodóvar gelingt der Balanceakt zwischen Widersprüchen und Ungereimtheiten, zwischen Bekenntnissen und Träumen. Bei aller Trauer und Melancholie bleibt schliesslich ein starker Wille zum Leben. Als Salvador vor einer weiteren Operation erzählt, dass er vielleicht wieder arbeiten werde, fragt ihn der Arzt: «Drama oder Komödie?» Und er antwortet: «Das weiss man erst am Ende.» Ein Satz, der «Dolor y gloria» perfekt umreisst.

Pedro Almodóvar, der Regisseur

Liebe zu den Menschen: trotz allem

Zwischendurch blickt Salvador auf seine einfache, aber glücklich behütete Kindheit in der Provinz von Paterna zurück, wo besonders seine über alles geliebte Mutter der Orientierungspunkt war. Mit Bildung soll es der intelligente Junge aus der Armut herausschaffen, rät man der Familie. Doch statt eine klischeehafte Aufstiegsgeschichte zu erzählen, nutzt Almódovar diesen Abstecher, um einmal mehr seinen Lieblingsmotiven, der verehrten Mutter, dem allgegenwärtig dominierenden Katholizismus und dem ersten Keimen der Sexualität zu huldigen. Auch wenn eine lange Dauer zwischen den Zeitebenen liegt, kann man nach und nach Verbindungen und Bezüge herstellen und bekommt das Gefühl, dass man sich so an die komplexe und ambivalente Hauptfigur herangearbeitet hat. Auf diese Weise verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit emotional und intellektuell. Je länger der Film dauert, desto mehr Empathie empfindet man für diesen strauchelnden Star, der wieder auf die Beine kommen will.

Salvador ist sich seiner schlechten Konstitution, deren wahrer Zustand sich für uns erst nach und nach enthüllt, nur zu gut bewusst. Doch ist es die Begegnung mit einer alten Liebe, die ihn seelisch und moralisch reaktiviert. Das Ganze strahlt einen glaubwürdigen Optimismus aus für die Menschen, trotz allem. «Wir alle gehen mit einem Rucksack durchs Leben, gefüllt mit Schmerz und Trauer, aber auch mit Freude und Erfüllung. Diese Wahrhaftigkeit macht den Film universell», meint Antonio Banduras, Pedro Almodóvars Weggefährte seit vierzig Jahren und sein Alter Ego im Film und im Leben, der soeben in Cannes als «bester Darsteller» ausgezeichnet wurde.

Titelbild: Regisseur Salvador Mallo, gespielt von Antonio Banderas

Regie: Pedro Almodóvar, Produktion: 2019, Länge: 118 min, Verleih: Monopol Pathé