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Die verschwundenen Liebesbriefe

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Der junge Mann (eigentlich noch fast ein grosser Knabe) und die junge Frau (eigentlich…) waren schrecklich verliebt. Und kaum hatten sie sich schrecklich verliebt, kam die erste Trennung: Der Jüngling musste in die Rekrutenschule einrücken, auf dass aus ihm ein richtiger Mann werde.

Die Trennung war brutal, geradezu unerträglich, jeweils fast eine ganze Woche, manchmal sogar zwei – einfach grauenhaft. Und weil das Handy noch nicht erfunden war (noch lange, lange nicht) und in der Kaserne für etwa 500 Männer gerademal zwei Telefonkabinen mit den entsprechenden Warteschlangen vorhanden waren, schrieben sich die beiden – täglich. Erlebte Banalitäten wohl, aber vor allem – und zwar täglich! – vom ganz schrecklich verliebt Sein und dass die Trennung eigentlich gegen alle Menschenrechte verstosse. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten sich am Wochenende, wenn sie sich im Urlaub trafen, auch noch geschrieben.

So läpperten sich in 118 Tagen Rekrutenschule zwei ganz ansehnliche Bündel von Couverts zusammen, und weil sich an die RS subito Unteroffiziersschule und Abverdienen und höhere Unteroffiziersschule und Abverdienen anschlossen, wurde die Sammlung an Liebesbriefen immer umfassender. 351 feldgraue Tage im Dienst des Vaterlands.

Dann kam der Tag, an dem der nun zum Mann gereifte Jüngling und das erwachsen gewordene Mädchen einen gemeinsamen Haushalt gründeten. Der Mann brachte eine Schuhschachtel voll Militär-Briefe in die Ehe, derweil die Frau ihre Schriftstücke fein säuberlich in einem mit Herzchen verzierten Ordner beisteuerte. Die Briefe fanden sich in einem grösseren Karton zusammen, und die Eheleute waren sich ganz sicher, dass sie immer mal wieder darin lesen würden.

Was allerdings nicht geschah. Aber bei den Umzügen von der kleinen Wohnung in die grosse Wohnung und schliesslich ins neue Haus kam der «Schatz» immer wieder zum Vorschein und wurde sorgfältig gezügelt. Denn eine Entsorgung kam nicht in Frage – wie auch? In die Kehrichtverbrennung? Im Garten vergraben? Oder gar der Ortschronik übergeben? Eben, gar nicht so einfach! Doch als schliesslich die Goldene Hochzeit in Sichtweite geriet und einmal mehr die Frage «Wohin mit den Briefen?» diskutiert wurde, war sich das Paar dann doch endlich, endlich einig: Unsere Liebesbriefe brauchen wir nicht mehr. Und wir wollen nicht, dass sie später einmal in falsche Hände geraten – was dabei heraus kommen kann, hat der gute alte Gottfried Keller schliesslich in seiner Novelle «Die missbrauchten Liebesbriefe» trefflich beschrieben.

Gesagt, getan. Nachdem die Frau zielgerichtet das Schlafzimmer und der Mann schnurstracks das Arbeitszimmer angesteuert hatten, trafen sich die beiden mit leeren Händen im Wohnzimmer wieder: Ihre Liebesbriefe waren verschwunden, weg, fort. Das Haus wurde durchstöbert, auf den Kopf gestellt – zwecklos: Die Briefe blieben unauffindbar.

Und so suchen meine Frau und ich unverdrossen weiter nach unserem «Schatz». Es fehlte ja noch, dass er mal unsern kichernden Kindern in die Hände fiele und diese ihren Kindern erklären würden: «Wisst ihr, vor dem Handy hat man sich früher – wie sagt man doch gleich? – von Hand Briefe geschrieben…»

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