FrontLebensartVom Wallfahrtsort zum Marktflecken

Vom Wallfahrtsort zum Marktflecken

Zurzach nennt sich seit 2006 Bad Zurzach und ist heute vor allem durch sein Thermalbad bekannt. Doch Zurzach lebte bis ins frühe 19. Jahrhundert hauptsächlich von den Messen mit Händlern aus ganz Europa bis Konstantinopel, die hier zweimal jährlich ihre Waren austauschten. Das typische Ortsbild erinnert daran.

Die ansehnlichen Bauten und geschlossenen Häuserzeilen haben den Charakter einer Kleinstadt, aber Zurzach blieb stets ein Marktflecken. Jeder eingesessene Zurzacher hatte das Recht, in seinem Haus Wein auszuschenken und Messebesucher zu beherbergen. So baute man vom Keller bis unters Dach die hintersten Winkel zu vermietbaren Lagerräumen oder Schlafkammern aus. Die Häuser erhielten oft exotisch klingende Namen wie Zitronenbaum, Affenwagen oder Meerfräulein.

Jedes Haus beherbergte früher Marktfahrer. Das Einkommen während den zweimal jährlich stattfindenden Messen reichte für das ganze Jahr.

Etliche Häuser wurden im 17. Jahrhundert aufgestockt und rückseitig mit Anbauten versehen. So entstanden die mit Laubengängen umschlossenen Innenhöfe der typischen Messehäuser. Man konnte hier mit Pferd und Wagen durch das Tor hineinfahren und die Waren in einem Raum lagern und verkaufen. Es gab Schlafräume und wie im Gasthof Waag bis heute ein Restaurant, zudem noch einen Tanzsaal. Die Marktfahrer sollten sich neben den guten Geschäften auch amüsieren, dafür sorgten Damen, die sich dem Tross der Marktfahrer angeschlossen hatten.

Das heutige Hotel zur Waag wurde 1695 als Messehaus und Gasthof erbaut. Der Innenhof diente als Markt und Handelsplatz, der Tanzboden der Unterhaltung. Foto: Aargauer Zeitung

Die Zurzi Mäss war seit dem Mittelalter weit über die Region hinaus bekannt und wurde zweimal im Jahr durchgeführt: die ältere Verenenmesse, nach der Heiligen Verena genannt, und die Pfingstmesse. Eine Messe dauerte ursprünglich einen Tag, wurde aber im 15. Jahrhundert auf drei Tage verlängert und später mit einem Wochenmarkt ergänzt.

Die Waren wurden mit Weidlingen und Lastkähnen über den Rhein transportiert. Da die römische Brücke nur noch zur Hälfte bestand, setzte eine Fähre Personen über den Fluss. Gehandelt wurde mit Leder, Pelzen, Wolle, Tuch und Stoffen, aber auch mit Büchern und Drucken. Im 17. und 18. Jahrhundert mit Nürnberger Waren: Kleinartikel aus Metall, wie Nadeln, Knöpfe, Beschläge oder Holzspielwaren. Glas kam aus Böhmen, Leinenfäden und Bänder aus den Niederlanden, Spitze aus Sachsen. Auch der Fabrikant Johann Rudolf Meyer aus Aarau bot hier seine Seidenbänder an. In Zurzach waren die Händler meist Grosshändler mit höheren Umsätzen als bei anderen Messen.

Die Zurzacher Messe mit dem Rossmarkt und dem Dirnentanz. Kolorierter Holzschnitt aus der Stumpf Chronik von 1549. Foto: de.wikipedia.org

Mit der Pest erfuhr die Messe erste Regulierungen durch Quarantänebestimmungen. Bei Kriegshandlungen wurden Schutzbriefe ausgestellt. Doch durch das Aufkommen der Eisenbahn, neuer Strassen und der Industrialisierung brach der Messehandel im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr ein.

Die Zurzacher Erfolgsgeschichte begann bereits bei den Römern. Sie nannten Zurzach Tenedo, errichteten ein Kastell und sicherten den Rheinübergang mit einer Steinbrücke. Ein Militärlager beschützte die Strassen nach Vindonissa, Kadelburg und ins Klettgau. Ihre Gräberfelder befanden sich dort, wo heute das Verena-Münster steht. Die heilige Verena kam bereits in spätrömischer Zeit nach Zurzach. Dank ihr und den mirakulösen Legenden um sie herum entwickelte sich früh eine blühende Wallfahrt und ein reger Handel.

Heilige Verena mit Krug und Kamm, Wandmalerei Ende 15. Jahrhundert an der Chor Nordwand im Münster St. Verena, Zurzach

Die heilige Verena lebte der Legende nach um 300 und entstammte einer angesehenen Familie im damals bereits christlichen oberägyptischen Theben (heute Luxor). Mit einem Zug christlicher Legionäre und ihrer Angehöriger folgte sie ihrem Verlobten. Als sie in Mailand vom Märtyrertod der christlichen Legionäre und ihres Befehlshabers Mauritius im Wallis (heute St.Maurice) hörte, ging sie dorthin, um sie zu bestatten.

Verena zog weiter nach Solothurn, wo sie in einer Höhle (heute in der Verena-Schlucht) asketisch lebte, junge Mädchen im christlichen Glauben erzog , Kranke pflegte und heilte, so dass sie bald als Heilige verehrt wurde. Der römische Stadtkommandant sperrte sie ins Gefängnis, wo ihr Mauritius und die Legionäre im himmlischen Licht erschienen. Doch nachdem sie den erkrankten Stadtkommandanten heilte, liess er sie frei, aber sie musste den Ort verlassen.

Auf einem Mühlstein (vermutlich auf einem mit Mühlsteinen beladenen Schiff) setzte Verena ihre Reise aareabwärts fort über Koblenz bis nach Zurzach. Hier besorgte sie dem Priester der Marienkirche den Haushalt (sie ist die Patronin der Haushälterinnen). Mit Krug und Kamm ging sie jeden Tag vor die Stadt und wusch und entlauste die Aussätzigen. Der Priester liess ihr eine Zelle bauen, wo sie bis zu ihrem Tod mit dem heilenden Wasser einer Quelle Kranken das Haupt wusch, sie kämmte, heilte und salbte. Sie soll im Jahr 344 gestorben sein.

Verena-Grab, Platte von 1613 in der Krypta des Münsters St. Verena

Die erste frühchristliche Kirche wurde nach dem Rückzug der römischen Truppen in das römische Kastell eingebaut. Hier befand sich auch die erste Kapelle der Heiligen Verena und des Heiligen Mauritius. Das heutige Münster St. Verena im Flecken – wie Zurzach bis heute genannt wird – wurde über einem Friedhof erbaut. Ursprünglich stand an dieser Stelle eine kleine Friedhofkapelle. In der Frühromanik folgte der erste Monumentalbau und das Grab der Heiligen Verena erhielt seinen heute noch bestehenden Platz.

Münster St. Verena mit den romanischen Bögen und der barocken Ausstattung

Das Kirchengebäude erfuhr verschiedene Neuerungen nach einem Einsturz, nach einem Brand, nach dem Bildersturm von 1529 und besonders durch die Barockisierung im 18. Jahrhundert. Auch die Funktion der Kirche änderte sich. Im 8. Jahrhundert gehörte sie zu einem Männerkloster, im 13. Jahrhundert zum Chorherrenstift mit einer Schule. Nach der Aufhebung des Stifts 1876 wurde sie zur römisch-katholischen Pfarrkirche der Gemeinde Zurzach. Die ehemalige Marien-Pfarrkirche gleich daneben wird heute vor allem als Konzertraum und für Ausstellungen genutzt.

Das Wahrzeichen von Zurzach ist der Turm der Verena-Kirche mit dem Hahn als Dachreiter.

Die Orgel im Verena-Münster stammte von Franz Josef Remigius Bossart 1819/1820. Die nötige Renovierung erachtete man 1884 aber als zu teuer und so verkaufte man die Orgel der reformierten Kirche. Diese liess sie renovieren und baute sie in ihre Kirche ein. Es zeigte sich, dass die Orgel von hervorragender kunst- und musikhistorischer Bedeutung ist. Mittlerweilen kommen die besten Organisten aus der ganzen Welt, um hier zu spielen.

Die Reformierte Kirche an der Schwertgasse wurde 1716-1725 vom Zürcher Baumeister Matthias Vogel (ca. 1676-1748) erbaut, der kurz zuvor die Reformierte Kirche in Baden realisiert hatte. Sie gehört zu den ersten Querbauten auf achteckigem Grundriss mit einem Frontturm. Der helle Innenraum wirkt ernst und würdig und ist in protestantischer Manier ganz auf das Wort ausgerichtet. Die erhöhte Kanzel steht im Zentrum genau gegenüber dem Eingang. Um sie herum sind auf drei Seiten die Emporen und Kirchenbänke angeordnet, über dem Portal die Meisterorgel von Remigius Bossart.

Reformierte Pfarrkirche Zurzach, erbaut vom Zürcher Baumeister Matthias Vogel als eine der ersten Predigerkirchen im frühen 18. Jahrhundert.

Heute pilgert man zur Linderung von Krankheiten nicht mehr zur Heiligen Verena, sondern besucht das Thermalbad. Die Mineralquelle wurde bei Bohrungen 1914 entdeckt, doch aus wirtschaftlichen Gründen erst 1955 erschlossen. Ob Verena dieses heilkräftige Wasser schon aus ihrem Krüglein gegossen hatte, sei dahingestellt.

Fotos: Ruth Vuilleumier

Dieser Beitrag entstand dank einer Führung durch Zurzach, organisiert von der Aargauer seniorweb Regionalgruppe «Rüeblistamm».

Das Historische Museum Höfli ist aufschlussreich und Zurzach Tourismus bietet verschiedene Führungen an.

 

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