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Taubblindheit – Vieles neu lernen

In der Schweiz sind etwa 50’000 Menschen von Hörsehbehinderung oder Taubblindheit betroffen. Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen SZBLIND rückt zum Internationalen Tag der Taubblindheit am 27. Juni die nur wenig bekannte Behinderungsform ins Licht.

Marco Melchior sitzt am Wohnzimmertisch, vor sich ausgebreitet die Zeitung. Auf der Nase trägt er seine Lesebrille, zusätzlich hält er eine halbkugelförmige Lupe in der Hand. Lesen ist für ihn keine Erholung, sondern zeitraubend und mühsam. Denn der 75-Jährige leidet an Retina pigmentosa, einer Erbkrankheit, die eine Zerstörung der Netzhaut (Retina) zur Folge hat. Bei vielen Betroffenen führt die Krankheit früher oder später zur Erblindung. Ausserdem ist Marco Melchior schwerhörig und trägt zwei Hörgeräte. So sind bei ihm zwei zentrale Sinne der Wahrnehmung stark beeinträchtigt.

Leben mit Taubblindheit: Marco Melchior lässt sich seine Lebensfreude dennoch nicht nehmen. 

Marco Melchior gehört zu den 50’000 Menschen in der Schweiz, die hörsehbehindert oder taubblind sind. Die meisten von ihnen sind ältere Menschen, bei denen im Laufe der Jahre das Seh- und Hörvermögen abnimmt. Taubblindheit ist eine eigenständige Behinderungsform, bei der sowohl das Hören als auch das Sehen erheblich beeinträchtigt sind. Betroffene haben also eine Schädigung zweier Sinne. Aufgrund dessen kann die Beeinträchtigung des einen Sinnes nicht mit dem anderen kompensiert werden. Anlässlich des Internationalen Tags der Taubblindheit macht der SZBLIND auf diese Behinderungsform aufmerksam, die noch zu wenig bekannt ist.

Spezielle Unterstützungsangebote

Menschen mit Taubblindheit haben aufgrund ihrer doppelten Sinnesbehinderung insbesondere grosse Schwierigkeiten, sich zu orientieren, mit anderen Menschen zu kommunizieren und selbständig zu Informationen zu kommen. Deshalb bietet ihnen der SZBLIND spezielle Unterstützungsangebote an, wie Mobilitäts- und Kommunikationstraining oder spezielle Hilfsmittel, um ihnen soweit als möglich ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Taubblinde Menschen müssen auch viele Dinge neu erlernen, welche für Sehende und Hörende selbstverständlich sind. Das Bedienen von Computer oder Telefon, das Benützen der Waschmaschine, die Wahl passender Kleidung oder der Gebrauch eines vibrierenden Weckers können zu einer echten Herausforderung werden. Die individuellen Unterstützungsangebote werden deshalb von den betroffenen Menschen gerne in Anspruch genommen.

Marco Melchior muss seine Ausflüge heute minutiös planen: «Am Vorabend sitze ich am Computer, studiere Fahrpläne und stelle meine Reiseroute zusammen: Auf welchem Gleis komme ich an, wo geht es weiter?» Probleme gibt es dann, wenn ein Zug ausfällt oder Verspätung hat.» Für solche Fälle hat er die Nummer der Bahnnothilfe in seinem Handy gespeichert: «Aber auch die Passanten sind sehr hilfsbereit, wenn ich mich ausgerüstet mit meinem weissen Blindenstock zu orientieren versuche».

Die vom SZBLIND realisierte Website www.taubblind.ch  bietet ausführliche Informationen rund um das Leben mit Hörsehbehinderung.

SZBLIND – An der Seite blinder und taubblinder Menschen

Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen SZBLIND setzt sich jeden Tag dafür ein, dass taubblinde, blinde, seh- und hörsehbehinderte Menschen in der Schweiz ihr Leben selbstbestimmt und in eigener Verantwortung führen können. Er ist die Dachorganisation im Schweizerischen Blinden- Sehbehinderten- und Hörsehbehindertenwesen. Er berät und begleitet taubblinde und hörsehbehinderte Menschen sowie ihre Angehörigen und bildet Freiwillige zu Begleitpersonen aus. Er entwickelt und vertreibt spezielle Hilfsmittel für blinde, seh- und hörsehbehinderte Menschen, die Betroffenen den Alltag erleichtern.

Der SZBLIND informiert die Öffentlichkeit über Wissenswertes aus dem Blinden- und Taubblindenwesen, initiiert und koordiniert Forschungsprojekte und stellt die Aus- und Weiterbildung von Fachleuten in der Schweiz sicher. Durch seine Arbeit an der Seite betroffener Menschen verbessert sich deren Lebensqualität. Sie sind dank individuell angepassten Unterstützungsleistungen in der Lage, ihr Leben so unabhängig wie möglich zu gestalten.

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