Kolumnen

Der Spagat

Was ist ein Spagat? Gemäss Duden ist der Spagat eine „Figur, bei der die gespreizten Beine eine Linie bilden“. Aber über Gymnastik schreibe ich sicher nicht. Besser passt mir, was ich etwas weiter unten lese: „Im Deutschen wird der Begriff häufig im übertragenen Sinne benutzt, um auszudrücken, dass jemand zwei (meist argumentativ, aber auch räumlich) gegensätzliche Positionen zu überbrücken versucht.“

Das ist es, was ich suche. Täglich überbrücken die Angehörigen meiner Generation oft mehrmals den Gegensatz zwischen analoger und digitaler Welt. Das ist unser Spagat.

Beispiele gefällig? Das beginnt schon beim Einkaufen. Soll ich mit dem vollbepackten Einkaufskorb an eine bediente Kasse gehen? Oder meine Waren selbst einscannen? Natürlich gehe ich an die bediente Kasse. Das hat viele Vorteile. Die Kassiererin nimmt die Artikel aus dem Korb, tippt sie ein, legt sie hin. Ich packe sie in meine mitgebrachte Tasche. Der ganze Vorgang geht rasch. Und wenn die Situation günstig ist, wechseln wir noch ein freundliches Wort.

Was mich über Mittag und gegen Abend jeweils erstaunt sind die jungen Leute, die ein Cola, ein Sandwich, eine Banane kaufen. Geduldig stehen sie vor und hinter mir in der Reihe. „Warum geht Ihr mit Euren wenigen Sachen nicht an die Scanner?“ denke ich jeweils innerlich. Vielleicht haben sie auch gemerkt, dass der Einkauf an der bedienten Kasse bequemer über die Bühne geht.

Im neuen Magazin „Seniorin“ las ich einen interessanten Artikel über“Kollibri“, einen Kleinbus, der wie ein Taxi angefordert werden kann. Es handelt sich um einen einjährigen Pilotversuch in Brugg. Und wie fordere ich den Kleinbus an, der mich, und andere auf der selben Route, mit meinem Gepäck vom Haus zum Bahnhof bringen wird? „Mit einer App auf dem Smartphone können Kundinnen und Kunden einen Kleinbus bestellen…“ heisst es da. O je, denke ich, wäre nichts für mich, auch wenn ich in Brugg wohnen würde, habe ja kein Smartphone.

Und dann kommt im Text eine wichtige Feststellung: „Bis anhin wurde Kollibri vor allem als Fahrgelegenheit in der Freizeit oder im Ausgang genutzt“. Also vor allem am Nachmittag und am Abend. Man wünscht sich aber mehr Fahrten tagsüber und auf dem Weg zur Arbeit. Könnte es etwa sein, dass der ältere Teil der Bevölkerung, der tagsüber Kollibri benützen möchte, kein Smartphone und somit keine App hat?

Solche Gedanken machen sich die Initianten offenbar auch und prüfen Möglichkeiten, „den Dienst auch Personen anzubieten, die das Angebot nicht via App bestellen und bezahlen wollen“. Auch die analoge Kaufkraft soll abgeschöpft werden!

Auf den Höhepunkt der intellektuellen und emotionalen Herausforderung bin ich aber kürzlich durch eine Radiosendung gelangt. Da wurde von einem „Segensroboter“ gesprochen. Die Nachforschungen im Internet ergaben, dass es den mannshohen Segensroboter wirklich gibt. Er wurde für die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg 2017 konstruiert. Während der letzten zwei Jahre war er in Deutschland in verschiedenen Ortschaften und Kirchen zu Gast. Sein Name ist BlessU-2. Er spricht in sieben Sprachen, auf Wunsch mit einer weiblichen oder männlichen Stimme.

Man kann bestimmen, ob der Segensspruch eher der „Ermutigung“ oder der „Erneuerung“ dienen soll. Der Roboter spricht den Segen. Man kann die Worte ausdrucken und mit nach Hause nehmen! Wie eine Quittung an einer Kasse.

Überall wo der Segensroboter eingesetzt wurde, hat er zu Diskussionen über Digitalisierung und Religion Anlass gegeben. Und es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob es vorstellbar sei, dass Robotern eines Tages geistliche Qualitäten zugebilligt würden? „Warum sollte ein auf dem Medium Papier gedruckter Haussegen (…) wirkmächtiger sein als das Segenswort eines Roboters?“ wurde gefragt.

Für 2019 habe ich im Internet wenig Spuren von BlessU-2 gefunden. Im Mai ist er in der Nacht der Museen in Frankfurt am Main im Bibelhaus eingesetzt worden. Und an Pfingsten des laufenden Jahres war er in Friedberg (Hessen) in den ökumenischen Gottesdienst vom Pfingstmontag integriert.

Es trifft natürlich zu, dass Roboter schon längst in der Industrie ihre Arbeit tun. Es werden für sie ebenso Aufgaben in der Pflege und im häuslichen Bereich in Aussicht genommen. Die Digitalisierung durchdringt aber auch die religiöse Welt. Können wir uns daher vorstellen, dass Roboter in fernerer Zukunft auch Dienstleistungen im kirchlichen Raum übernehmen werden?

Ich bin froh, wenn ich von diesen besonderen „Segnungen“ der digitalen Technik vorläufig verschont bleibe. Diesen Spagat möchte ich nicht auch noch üben müssen!

Berichte über den „Segensroboter“ und „BlessU-2“ finden sich im Internet unzählige.