Kolumnen

Bange Vorboten fürs Alter

Könnten Sie sich ein Alters- oder Pflegeheim leisten? Oder die Spitex in den eigenen vier Wänden? Haben Sie dafür etwas auf die Seite gelegt? Oder eher in Saus und Braus gelebt, im Vertrauen, dass Sie im Bedarfsfall schon getragen würden, von wem auch immer. Das Erwachen könnte schmerzhaft werden.

Die Zeitungsspalten sind voll von  Fragen rund um das Alter. „Die Stadt Zürich erarbeitet eine neue Altersstrategie“, konnten wir am 1. Juli auf dieser Plattform lesen. „Ein altersfreundliches Zürich“ haben sich zahlreiche Verbände, Interessenvertreter und die Zürcher Stadtverwaltung auf die Fahnen geschrieben. Wir werden zum Dialog aufgerufen, neue Wohnformen werden diskutiert, „miteinander und füreinander“ sollen wir die Herausforderungen meistern, uns in Toleranz und Solidarität üben. Von der Finanzierung ist dann allerdings erst ganz am Schluss die Rede. Und hier liegt ja eigentlich der Hase im Pfeffer.

Die Spirale der Gesundheitskosten 

Die Gesundheitskosten explodieren, die Krankenkassenprämien erhöhen sich von Jahr zu Jahr, und noch keine Magistratsperson in Bundesbern hat es – bis auf kleine Korrekturen – geschafft, der Spirale nach oben Einhalt zu gebieten. Die Pharmaindustrie verweist auf ihre hohen Forschungskosten, die Spezialisten unter den Ärzten halten sich möglichst an Privatpatienten schadlos, der Zweitklassenmedizin sind Tür und Tor geöffnet und verzweifelte Patienten, die sich von einem halluzinös teuren Medikament aus den USA Heilungschancen versprechen, flüchten sich in die sozialen Medien, um via Crowdfunding an die notwendigen Ressourcen zu gelangen.

Wer kann das bezahlen?

Und plötzlich bin ich alt und werde vor vollendete Tatsachen gestellt: Wenn ich  pflegebedürftig werde, bezahle ich je nach Aufwand an die 300 Franken Tagespauschale, also ca. Fr. 9’000.- pro Monat. 64% davon habe ich selbst zu berappen, also gegen Fr. 6’000.-  Bleibe ich zuhause, muss ich alleine für die  Spitex-Betreung monatlich ca. 4’500.- auf die Seite legen. Hinzu kommen natürlich die alltäglichen Lebenshaltungskosten, von der Miete bis zu den Steuern. Und auch die Spitextarife sind im Steigen begriffen. 100’000 Franken sind demnach innert Jahresfrist aufgebraucht. Und wenn ich noch 10 Jahre lebe, ist es schon eine Million. Wem macht das nicht Angst?

Und was ist mit den Ergänzungsleistungen und der Sozialhilfe?

Muss ich Ergänzungsleistungen oder gar die Sozialhilfe in Anspruch nehmen, bin ich verpflichtet, dem Sozialamt mein Einkommen und meine Besitzverhältnisse offen zu legen. Habe ich mir eine Eigentumswohnung oder ein Häuschen erspart, werde ich möglicherweise gezwungen, mein Eigentum zu verkaufen, um in den Genuss finanzieller Unterstützung zu gelangen. Verbessern sich meine Verhältnisse allenfalls durch eine Erbschaft, muss ich die in den letzten zehn Jahren bezogenen Leistungen zurückzahlen.

Schlaumeier vererben ihren Besitz gerne in älteren Tagen den Nachkommen, um ihr Vermögen, wie sie meinen, im Pflegefall nicht antasten zu müssen. Diese Rechnung machen sie ohne den Fiskus, denn es werden pro Jahr lediglich 10’000 Franken als Schenkung anerkannt. Vererben Sie also z.B. eine halbe Million, würde es 50 Jahre dauern, bis die Summe getilgt ist.

Sich mit einem Horrorszenario des Alters erfreuen?

Wer möchte bei guter Gesundheit schon nicht alt werden und von den Errungenschaften der modernen Medizin profitieren. Die Prognosen gehen leider davon aus, dass in zwanzig Jahren doppelt so viele Menschen pflegebedürftig sein werden und die Gesundheitskosten exponentiell ansteigen. Schon heute können sechs Prozent der Schweizer Haushalte ihre Prämien nicht mehr bezahlen, und die Krankenkassen treten überall auf die Bremse, wo sie nur können. Sie verweigern z.B. offenkundigen Unfällen ihre Anerkennung. Was (und wie lange noch) von der Grundversicherung abgedeckt wird, birgt gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Die nicht gedeckte Zahnversicherung ist ein weiteres Problem, verzichten inzwischen schweizweit bereits 16 Prozent auf eine Behandlung, weil sie diese gar nicht mehr begleichen können. Die Konsequenzen sind nicht absehbar. 

Es geht dem Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung nach wie vor gut. Einige sind der Ansicht: zu gut. Die hemmungslose Inanspruchnahme möglichst aller medizinischen Dienstleistungen – und der teuersten obendrein – zeigt einen Wohlstands-Egoismus, dem nur mit einem radikalen Umdenken und behördlich radikalen Weichenstellungen beizukommen ist. Aber wer will schon verzichten und Verantwortung übernehmen? Sie vielleicht?