Kultur

Das Meer und die Alpen

Das Kunstmuseum Luzern leistet sich zum 200-Jahr-Jubiläum seiner Trägerin, der Kunstgesellschaft, die millionenschwere Einzelausstellung «Das Meer und die Alpen» vom britischen Starmaler der Romantik, William Turner. Zu sehen sind faszinierende Landschaftsbilder, vor allem aus der Zentralschweiz, die Turner sechsmal besucht hat.

Die Schau mit einer Versicherungssumme von über einer halben Milliarde Franken ist eine Kooperation mit dem Londoner Tate-Britain-Museum, das den staatlichen Nachlass des Künstlers verwaltet und erforscht. Gemeinsam kuratiert haben sie die Luzerner Museumsdirektorin Fanni Fetzer, Beat Wismer, ehemaliger Leiter des Kunstpalasts Düsseldorf und des Kunsthauses Aargau, sowie David Blayney Brown, Turner-Spezialist der Tate.

Museumsdirektorin Fanni Fetzer und Beat Wismer vor dem Bild „The Fall of an Avalanche in the Grisons“

William Tuners Umgang mit Licht und Farbe ist legendär. Turner ist der wahrscheinlich berühmteste Maler Englands. Vor allem sein Talent, Lichtstimmungen und Naturkräfte einzufangen, dass Meteorologen von seinen Bildern die verschiedenen Wetterlagen und Tageszeiten ablesen können.

Die Rigi war für den Maler ein Lieblingsmotiv

Joseph Mallord William (1775-1851) aus London, der Sohn eines Friseurs und einer Metzgertochter, war ein Wunderkind und wurde mit 27 Jahren als jüngstes Mitglied in die Royal Academy aufgenommen. Schon als Kind lag er tagelang auf dem Rücken und studierte die am Himmel vorbeiziehenden Wolken. Auch Eis und Fels werden vom Künstler nach Anschauung präzise festgehalten. Von den Landschaften der Schweiz war er fasziniert und besuchte sie auf der Suche nach spektakulären Motiven. Sein Auftrag war eigentlich, im Louvre die alten Meister zu studieren und abzuzeichnen. Doch er wollte die für ihn ärgerliche Stadt Paris am Ende der Reise besuchen. Lieber wollte er zuerst die Berge sehen.


Die Schöllenenschlucht

Ausgerüstet mit ledergebundenen Skizzenbüchern, losen Blättern, Bleistiften, Kreide, Schwämmen, wasserlöslichen Farben skizzierte er die Rigi vom Hotelzimmer aus. Er reiste mit dem Dampfschiff über den Vierwaldstättersee und fuhr über den Gotthardpass. Dabei entstanden starke Bilder von der Schöllenenschlucht. Zuvor führte ihn seine Route quer durch das Land – von Genf durch das Aostatal, nach Martigny, Chillon, Vevey und Lausanne, dann weiter nach Bern, Thun und Brienz, Grindelwald und Meiringen bis Luzern. Besucht hatte er auch Zug, Zürich, den Rheinfall und Basel.

Die Tellskapelle

Als Turner 1841-1844 Luzern jährlich besucht, ist die Rigi bereits eine touristische Attraktion. Den Sonnenaufgang oben auf dem Berg zu erleben, ist für internationale Gäste ein Muss! Turner selbst besteigt den Berg nie, viel lieber hält er ihn in zahlreichen Varianten als freistehendes, über dem See  hoch aufragende Massiv fest. Von seinem Fenster im Hotel Schwanen aus oder an Bord des ersten Dampfschiffes fertigt Turner neben Dutzenden von Bleistiftskizzen bei wechselnder Stimmung von Licht und Wetter auch mehr als 30 Aquarelle der Rigi an. Hier malt er zwar auch den Pilatus, doch die Rigi bildete er fast wie ein Besessener über 30 Mal ab. Das über dem Wasser schwebende Massiv versetzt den Maler in «Erregung».

Zurück in seinem Londoner Atelier verarbeitet er seine Skizzen aus dem Gedächtnis zu leuchtenden Aquarellen und Ölgemälden. Die Eindrücke von Meer und Alpen, die Ansichten von Schluchten, Flüssen, Uferpromenaden und Stadtsilhouetten waren für Turner von zentraler Bedeutung: Schönheit und Bedrohlichkeit der Natur kulminieren hier zum für die Romantik zentralen Sujet des Erhabenen.

Luzern im Mondschein

Heute gilt Turner als visuelles Genie, als einer der grössten Maler aller Zeiten. Das war aber nicht immer so. Man warf ihm zu Lebzeiten vor, nicht nach der Natur zu malen. Turner kümmerte das wenig. Es gab aber auch jene, die Tuners Kunst aufwühlte und faszinierte.

Turner ist ein gewiefter Unternehmer. Er eröffnet einen Ausstellungsraum, um seine Werke der Käuferschaft zu präsentieren, und fertigt Musterstudien an. Mit diesen detaillierten Skizzen von Vierwaldstättersee und Rigi will er Auftraggeber für ausgearbeitete Sujets gewinnen.

Peace – Burial at Sea, ca. 1842

Die rund hundert Leihgaben aus Grossbritannien und der Schweiz umfassen Papierarbeiten mit zentralschweizerischen Motiven, das Luzerner Skizzenbuch sowie Turners erstes ausgestelltes Ölbild. Mit Turner, „Das Meer und die Alpen“, sind nun, nach fast 200 Jahren, die Werke zurück an ihrem Entstehungsort zu sehen. Die Ausstellung markiert den Höhepunkt des 200-Jahr-Jubiläums der Kunstgesellschaft Luzern. Denn Turner besuchte Luzern just in jenen Jahren, als die Kunstgesellschaft gegründet wurde.

In der bedeutendsten Ausstellung, die das Luzerner Kunstmuseum je hatte, kann man im Museumsshop auch Turner-Halstücher, Turner-Zahnbürsten und Schokolade kaufen. Damit keine Warteschlangen entstehen, kann man Besucher-Tickets erstmals über ein Online-Ticketreservierungs-System bestellen.

https://www.kunstmuseumluzern.ch/besuch/online-tickets/

Fotos: Josef Ritler

Katalog Turner. Das Meer und die Alpen
ISBN 978-3-7774-3267-0