Kolumnen

Die halbe Wahrheit der NZZ zur 2. Säule

Bis jetzt nahm ich an, dass sich die NZZ an die Bürgerlichen richtet, sich als liberales, wirtschaftsfreundliches Organ versteht, den Grossverdienern gewogen ist. Selbst die deutsche Partei AfD, die klar rechtsstehende Alternative für Deutschland, vertraut der NZZ, weil sie sie nicht zur deutschen „Lügenpresse zählen“ müsse, weil sie in Analogie zu Zeiten der DRR in der Berichterstattung, wie damals das Westfernsehen, heute eben aus der Schweiz über Deutschland, wohl auch über die AfD berichte. Darüber ist man natürlich an der Falkenstrasse in Zürich, wo die „Alte Tante“, wie sie liebevoll auch genannt wird, seit 1780 geschrieben wird, nicht nur erfreut. Im Gegenteil.

Nun aber wartete die NZZ in der letzten Woche mit der Schlagzeile „Subventionen für Grossverdiener“ und mit dem Untertitel  „Rentenkompromiss mit grotesken Folgen“ auf. Also mit Formulierungen, die stutzig machen. So, als würde sie den Grossverdienern den möglichen Zustupf oder die Kompensation durch die Kürzung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 % im obligatorischen Teil der 2. Säule gar nicht gönnen. Dieser sei unnötig, gar verantwortungslos, lässt sich zwischen den Zeilen des NZZ-Autors lesen. Die Darstellung der NZZ blendet aber aus, dass es die Grossverdiener sind, welche die AHV solidarisch grosszügig finanzieren, dass die AHV ein Sozialwerk ist, das es heute schwer hätte, eingeführt zu werden, dass wir es deshalb hegen und pflegen müssen und deswegen die Grossverdiener dabei nicht ganz vergessen dürfen.

Gehen wir einem Berechnungsbeispiel nach, mit dem die NZZ ihre Recherchen unterlegt. Es ist ein Mann, 60 Jahre alt. Er verdient 800’000 Franken im Jahr, also ein Grossverdiener nach NZZ-Lesart. Wenn er und sein Arbeitgeber nun nach der Einigung zwischen den Sozialpartnern, den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, künftig zusätzlich 0,5 % seines Lohnes in den nächsten 5 Jahren bis zur Pensionierung einzahlen würde, seien das nur 20’000 Franken. Nach der Pensionierung bekomme er aber, wenn er weitere 20 Jahre lebe, also bis zum 85. Lebensjahr, monatlich einen Zustupf von 200 Franken, er erhalte somit insgesamt 48’000 Franken. Er profitiere also auf Kosten der Jungen, der unter 50-Jährigen mit 28’000 Franken.

Nehmen wir aber eine zweite Rechnung zur Hand, dann sieht es nach einer kleinen Kompensation zu den Leistungen aus, die der Mann an die AHV leistete und noch leisten wird. Der Reihe nach. Bis zur Pensionierung werden er und sein Arbeitgeber an die AHV (IV,EO inkl.) jährlich rund 80’000 Franken, also etwas mehr als 10 % seines Einkommens einzahlen, also 400’000 Franken. Nehmen wir an, dass er in den letzten zehn Jahren – vom 50. bis zum 60. Altersjahr – durchschnittlich etwa 600’000 Franken pro Jahr verdiente, gingen davon rund 600’000 Franken an die AHV, und rechnen wir, dass er beim Berufseinritt nach dem Studium mit 30 Jahren bis zum 50 Altersjahr jährlich im Durchschnitt 200’000 Franken verdiente, sind das noch einmal 400’000 Franken, die an die AHV flossen. „Unser Mann“ oder jener der NZZ leistet also bis zum 65. Lebensjahr einen Beitrag an die AHV von sage und schreibe 1’400’000 Franken.

Bezieht er nun während 20 Jahren eine Vollrente als Alleinstehender von jetzt 2’398 pro Monat, sind das bis zu seinem 85. Altersjahr 575’360 Franken. Rechnen wir dazu, dass die Rente in den 20 Jahren immer etwas steigen wird, kommt er auf eine Leistung aus der AHV von etwa 620’000 Franken. Er leistet also einen Solidaritätsbeitrag an die AHV in der Höhe von 780’000 Franken. Wenn er auch diese 780’000 Franken beziehen wollte, müsste er noch 26 Jahre leben, also 111 Jahre alt werden. Was hat Bundesrat Hans-Peter Tschudi, der eigentliche Vater der AHV, mal gesagt: „Die Reichen brauchen die AHV nicht, aber die AHV braucht die Reichen“.

Wahrlich: Da sind die möglicherweise 28’000 Franken, die er nach der neuen Regelung der 2. Säule, wie dies die Sozialpartner vorsehen, zuviel beziehen würde, tatsächlich ein Pappenstiel. Wie könnte die Schlagzeile der NZZ jetzt lauten, wenn sie ihre Grossverdiener, wohl auch Leser, pfleglich behandeln, die ganze Wahrheit schreiben würde: „Endlich werden auch die Grossverdiener berücksichtigt“. Warum denkt die NZZ nicht auch an sie? Da kann ich nur vermuten, dass sie auch diese Reform torperdieren will, wie sie dies schon bei der Vorsorge 2020 leidenschaftlich getan hatte. Sie will eine Mischfinanzierung (Kapitaldeckung bei der 2. Säule und Finanzierung über das Umlageverfahren bei der AHV) auf keinen Fall zulassen. Sie fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser, eine Verschränkung zwischen der 1. und der 2. Säule. Und sie lässt keine Ruhe. In der Wochenendausgabe versucht sie Valentin Vogt, den Präsidenten der Arbeitgeber, in einem Interview in die Falle zu locken. Doch der widersteht und sagt: „Wir brauchen jetzt einfach eine Lösung, und die ist nur in einem Kompromiss zwischen den Sozialpartnern zu erreichen.“ Fürwahr!