Kolumnen

Über 100 Jahre alt: Luise K. – ein Vorbild

Eines ist unbestritten. Die Schweiz hat das wohl beste, auch sozialste Gesundheitswesen der Welt. Einzig in den USA ist der Stand der Medizin etwas höher, nur dort ist das Gesundheitswesen alles andere als sozial, trotz Obama-Care.

Aber auch bei uns ist nicht eitel Sonnenschein. Für viele sind die Krankenkassenprämien eine Last, die selbst Familien im unteren Mittelstand nicht mehr tragen können. Vergangenes Jahr entnahm beispielsweise der Kanton Zürich 48,3 Millionen Franken aus dem Prämienverbilligungsbudget, um nicht bezahlte Krankenkassenprämien-Rechnungen zu begleichen. Betroffen waren rund 22’500 Menschen von den 1,5 Millionen Einwohnern im Kanton. Der Betrag für offene Rechnungen hat sich seit 2009 mehr als verdoppelt. Auch in vielen andern Kantonen sieht es nicht besser aus.

Und passiert nicht bald Entscheidendes auf der politischen Seite, werden sich die Grundprämien für die Krankenversicherung bis in die Jahre 2030-35 verdoppeln, von jetzt monatlich rund 420 auf über 850 Franken. Die Zahl der Menschen, die da nicht mehr mithalten können, wird rasant steigen. Die Präminenverbilligungsbudgets werden massiv erhöht werden müssen. Und das in einer Zeit, in der sich die Kantone immer stärker aus der Verbilligung zurückziehen wollen, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen.

Es sind aber nicht nur die hohen Gesundheitskosten, die aufhorchen lassen. Es sind die Betreuungskosten in Alters-und Pflegeheimen, aber auch zu Hause und ganz besonders: Die hohen Preise für Krebsmedikamente.

Der 101 Jahre alten Luise K. im zürcherischen Urdorf ist es zu verdanken, dass wieder einmal öffentlich wurde, was sich Alters-und Pflegeheime teilweise erlauben. Sie versuchen zunehmend, ihre Betreuungskosten über erhöhte sogenannte Hotelleriekosten quer zu finanzieren. Die Geschichte begann 2013. Die Gemeinde Urdorf erhöhte nach der Eröffnung des Neubaus die Heimtaxe auf einen Schlag von 120 auf 205 Franken. Die rund neunzig Bewohner mussten viel mehr bezahlen. Das wollte die damals 94jährige Luise K. nicht einfach hinnehmen. Mithilfe eines Rechtsbeistands legte sie Beschwerde ein. Endlich: Der Regierungsrat gab ihrer Aufsichtsbeschwerde 2018 recht, was sie freute. Sie war aber noch nicht am Ziel. Auch der zuständige Bezirksrat Dietikon befasste sich mit dem Fall und bestätigte jetzt den Vorentscheid des Regierungsrates.

Noch ist der Kampf aber nicht ausgestanden. Der Urdorfer Gemeinderat will im August entscheiden, ob er den Fall nicht doch noch weiterziehen will. Luise K. bleibt aber dran. Aber was können wir tun? Wir ziehen zuerst mal den Hut vor Luise K. und merken uns: Niemand ist zu alt, um für sein Recht zu kämpfen. Das aber genügt nicht. Die Betreuung in den Residenzen, den Heimen, aber  auch zu Hause durch die Spitex ist nicht klar genug geregelt. Es besteht eine Gesetzeslücke. Die Schiller-Stiftung ist daran, die Grundlagen dafür zu erarbeiten, um sie zu füllen. Sie ist zu unterstützen.

Aufsehen erregte in den letzten Tagen der Fall eines krebskranken Mannes, der mit Hilfe eines ganz teuren Medikamentes (370’000 Franken) und der entsprechenden Behandlung geheilt werden konnte. Öffentlich wurde aber auch, dass die Krankenkassen sehr unterschiedlich verfahren würden: Einige würden solche Therapien bezahlen, andere würden sie verweigern, weil der Nutzen in keinem Verhältnis zu den Kosten sei. Das rief  Prof. Dr. Thomas Cerny auf den Plan. Der Onkologe und Präsident der Schweizerischen Krebsliga warnt vor einer Mehrklassen-Medizin und stellt fest, dass der entsprechende Ausnahmeartikel im Krankenversicherungs-Gesetz KVG den Kassen zu viel Spielraum und zu viel Macht einräume. Kassen, die ohnehin nicht zahlungswillig seien, könnten deshalb einfach die Meinung vertreten, der Nutzen sei zu klein. „Das ist gerade bei lebensbedrohenden Krankheiten stossend“, meint Cerny gegenüber dem Tagesanzeiger.

Cerny schlägt im gleichen Interview eine nationale Stelle vor, bei der Fachleute nach einheitlichen Kriterien entscheiden, ob Patienten ein nicht kassenpflichtiges Medikament erhalten. Die Entscheide sollen für alle vergleichbaren Fälle gelten, sodass nicht jeder einzelne diskutiert werden müsste. Cerny beobachtet aber auch eine unterschiedliche Praxis der Kassen in den Landesteilen. In der Westschweiz und im Tessin würden Gesuche häufiger bewilligt als in der Deutschschweiz. Wollen wir das?

Bei allen Bemühungen um die Gesundheitskosten wird immer eines gefordert: eine weit umfangreichere Koordination und eine weit bessere Kommunikation unter den Leistungserbringern. Das ist schnell gesagt, doch weit schwieriger umzusetzen. Und dennoch: Die Schweiz ist ein kleines Land, es gibt  beispielsweise die Gesundheitsdirektorenkonferenz der Kantone. In ihr könnte weit besser koordiniert, die Anzahl der Spitäler reduziert, die Kriterien der Prämienverbilligungen vereinheitlicht werden. Bundesrat Alain Berset hätte als Gesundheitsminister dafür zu sorgen, dass die Krankenkassen einheitlicher den Nutzen von teuren Medikamenten zu beurteilen hätten. Und in den Kantonen, auch gerade im Kanton Zürich, hätten die Regierungen  ihrer Aufsichtspflicht über die Alters- und Pflegheime weit besser nachzukommen als bisher.

Denn es ist schlicht ein Skandal, dass aufgrund von Berechnungen des Tamedia-Recherchendesks landesweit gegen 600 öffentliche Heime nicht vorschriftsgemäss abrechnen. Im Kanton Zürich seien von den 120 öffentlichen Alters- und Pflegezentren 29 auf einer schwarzen Liste gestanden. Zwar interveniert Preisüberwacher Stefan Meierhans immer wieder. Aber das genügt nicht. Die staatlichen Aufsichtsbehörden sind tatsächlich gefordert; sie haben nicht nur festzustellen, vielmehr müssten sie handeln und Sanktionen ergreifen Aber auch wir sind gefordert. Nehmen wir Luise K. aus Urdorf als Vorbild: über 100 Jahre alt, aber immer noch wachsam.