Kolumnen

Von Woodstock zu Fridays for Future

Woodstock sollte wieder auferstehen, 50 Jahre danach. Der US-Amerikaner Michael Lang, der schon vor 50 Jahren das Grossereignis „Woodstock“, wie er es abgekürzt nannte, mitorganisiert hatte, wollte wiederholen, was sich damals ereignete: Aufbruch zu neuen Ufern. Rund 500’000 Menschen zog es damals vom 15. bis zum 17. August 1969  nach White Lake nahe der Kleinstadt Bethel im Staate New York, auf eine grosse „Kuh-Wiese“. Also sollte zum 50-jährigen Jubiläum, diesmal vom 16. bis zum 18. August 2019, stattfinden, was sich anscheinend  nicht wiederholen lässt. Denn nach etlichen organisatorischen Problemen und mehreren Absagen von Musikern, Bands und Sponsoren hat Michael Lang nämlich, nun 74 Jahre alt,  wohl schweren  Herzens, erst vor wenigen Tagen, am 31. Juli 2019,  „Woodstock 50“ abgesagt. Er fand auch keine vergleichbare „Wiese“ mehr, niemand wollte wohl das Risiko mittragen, ein erneutes Verkehrschaos in Kauf nehmen, wie damals, möglicherweise auch kein saftiges Defizit mit Michael Lang teilen. Irgendetwas führt aber Lang nach wie vor im Schild. Noch vor kurzem liess er verlauten, schon 1969 war es äusserst schwierig: „Ich werde es hinbekommen“.

Oder ist alles doch ganz anders? Ist es so, wie es der heute 46jährige Philipp Oehmke, Autor des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, in seinem Artikel „Der grosse Sommer“  beschreibt, dass „sich innerhalb einer guten Woche im August 1969 durch das Festival die Gegenkultur vollends durchsetzte.“ Und heute alles so ist, wie es damals eingeleitet worden war und es nichts mehr zu wiederholen gibt: Dass der Abschied von der Enge, in der die Nachkriegsgeneration lebte, vollzogen ist, dass Spass zu haben, sich frei zu fühlen, dass freie Liebe, Drogenkonsum, insbesondere LSD, und dass das kalifornische Lebensmodell, das die Hippies aus San Francisco gelebt und in die Welt getragen haben, sich immer mehr zum Modell für alle durchgesetzt hat. Dass heute die  Grosseltern, die 68iger, in farbigen Hosen die Männer, Frauen noch immer in kurzen Röcken die Boulevards der Städte und nicht zuletzt in bunten Sportkleidern die Wanderwege bevölkern. Dass heute selbst in trockenen TV-Nachrichtensendungen die Moderatoren keine Krawatten mehr tragen. Dass alle Konventionen über Bord geworfen sind, sich so Woodstock schlicht so nicht mehr wiederholen lässt.

Es ist heute eine ganz andere Generation, angeführt von Greta Thunberg, der 16jährigen aus Schweden , die die Welt erregt, die Bewegung „Fridays for Future“ in die Welt setzte, die Politiker herausfordert, die letztlich wohl auch den obersten Klimawandel-Lügner Donald Trump oder Roger Köppel, den nicht so grossen Klimawandel-Verachter, aber aufsässigen Schweizer, früher oder später in die Knie zwingen wird. Es geht nicht mehr nur um mehr Spass, um das Freisein, es geht schlicht um das Überleben. Sie füllen die Strassen, sie nehmen sich die Freiheit, der Schule fern zu bleiben, obwohl es ihnen an sich verboten ist, zu demonstrieren.

Damals waren wir weit weg von Woodstock. Wäre nicht unser damaliger Redaktionskollege Rolf Herzog in der Basler National-Zeitung gewesen, hätten wir die Hintergründe nicht so erfasst. Hätten nicht unmittelbar von der Droge LSD erfahren, von der er wohl als Einziger eigene Erfahrungen hatte, wäre uns Timothy Francis Leary, der US-amerikanische Psychologe, Autor und „Guru“ der Hippie-Bewegung, ein Unbekannter geblieben. Rolf Herzog, grossgewachsen, schon damals mit schütterem Haar und einem flauschigen Bart, klärte uns auf, wies uns in Redaktionssitzungen darauf hin, dass Woodstock in die Geschichte eingehen werde, dass das Musik-Festival ein gigantisches Experiment darstelle, auch wenn es selbst von den Medien in den USA damals nicht als das erkannt worden war. Im Gegenteil: Das Festival wurde als schmuddelig, als abartig bezeichnet. Die Männer hätten lange Haare getragen, Frauen seien oben ohne rumgelaufen. In beiden Fällen, schrieb der Spiegel-Autor: „Nicht alle, aber viele.“ Es sei ein  Festival der Drogen, eben des LSD gewesen. Rolf Herzog machte uns darauf aufmerksam, dass der Aufbruch von Woodstock auch mit Basel zu tun habe, dass es der Basler Chemiker Albert Hofmann war, der die Droge LSD in einem Labor der Sandoz entdeckte, sie in einem Selbstversuch getestet hatte. Nachzutragen ist, dass Hofmann diesen Selbsttest am 19. April 1943 durch die Einnahme von 250 Mikrogramm LSD wiederholt hatte. Dieses Datum gilt heute, 50 Jahre nach Woodstock, als Zeitpunkt der Entdeckung der psychoaktiven Eigenschaften des LSD. Der Jahrestag wird von popkulturellen Woodstock-Veteranen  als „Fahrradtag“ (Bicycle Day) gefeiert, weil Hofmann beim Selbstversuch mit dem Velo nach Hause fuhr.

„Fridays for Future“ ist jetzt, 50 Jahre nach Woodstock, völlig anders. Die Aktivisten sind weit jünger, ihre Botschaft ist weit politischer. Die jungen Menschen nehmen sich die von der Woodstock-Generation erkämpfte Freiheit, vernetzen sich weltweit, holen sich die Unterstützung der Wissenschaft, unterlegen ihr grosses Anliegen mit breit abgestützten Fakten. Sie misstrauen den Politikern, gehen bewusst und absichtlich auf Distanz zu ihnen, fordern sie heraus. Erscheinen in der Öffentlichkeit als ganz normale, ordentlich gekleidete Schüler, Lehrlinge und Studenten mit witzigen Transparenten. Nicht so wie die Woodstock-Besucher, die sich durch ihre Aufmachung als Hippies, durch ihre Musik, durch den Konsum, auch von LSD, ganz bewusst von der ganzen Gesellschaft abgrenzten. Die jungen Menschen brauchen keine Erklärer für ihre Forderung zum Klimaschutz, wie wir damals für die Ereignisse in den USA. Das Internet, die sozialen Medien, ermöglichen heute den direkten Informationszugang und auch den -austausch, alle Aktionen können zeitverzugslos zu Kenntnis genommen werden. Spontane Zusammenschlüsse, spontane Aktionen über Landesgrenzen hinaus sind jederzeit möglich. Woodstock war für uns weit weg, die Hintergründe nicht so schnell, so umfassend zu erkennen. Und LSD war als die Befreiungsdroge, als Stimulanz ein Mythos und blieb es auch. Bei „Fridays for Future“ spielt LSD keine Rolle. Und das ist auch gut so.