Kolumnen

Der (unfehlbare?) VAR

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Das waren noch Zeiten! Das waren noch Zeiten, als Fussballspiele von Schiedsrichtern geleitet wurden, die sich bloss auf ihre Augen verlassen mussten/durften und innert Sekundenbruchteilen zu entscheiden hatten. Klar, immer mal wieder ertönte der Pfiff im falschen Moment: Das Offside war keines, die rüpelhafte Intervention des Verteidigers hätte mit Penalty geahndet werden müssen, und der Schiri hätte merken müssen, dass bei einer Auswechslung kurze Zeit zwölf Spieler eines Teams auf dem Rasen standen. Unterstützt wurde er nur von seinen Linienrichtern, die im besten Fall ihr Fähnchen zur richtigen Zeit hoben.

Der Schiedsrichter war zwar nicht unfehlbar, aber der alleinige Herr über den Match. Seine Entscheidungen, die von den Spielern und den Zuschauern immer mal wieder anders gesehen wurden, waren das eigentliche Salz in der Suppe, liessen die Emotionen hoch kochen und sorgten tagelang für heisse Diskussionen. Das war echter Fussball!

Doch weil im Spiel auf dem Rasen unterdessen enorm viel Geld im Spiel ist, kann es nicht mehr angehen, dass ein einzelner einsamer Pfeifenmann bestimmt, was Sache ist. Also haben wir jetzt den VAR. Nein, nein, das hat nichts mit der einstigen Vereinigten Arabischen Republik des ägyptischen Präsidenten Gamel Abdel Nasser zu tun, sondern bedeutet «Video Assistant Referee».

Das funktioniert so: Wenn ein Entscheid des Schiedsrichters offensichtlich falsch ist, schaltet sich in seinem Kopfhörer der VAR ein. Der Unparteiische unterbricht den Match, sprintet an den Spielfeldrand zu einem Bildschirm und konsultiert die Videoaufzeichnung zahlreicher Kameras aus den verschiedensten Blickwinkeln. Und dann – dann bleibt der Schiri bei seinem ursprünglichen Entscheid oder ändert ihn. Und er wird sich meistens dem VAR anschliessen, denn wer möchte sich schon gegen das tobende Publikum oder die Rudel bildenden Spieler stellen? Kurz: Der (elektronische) Assistent ist in Wirklichkeit der Chef.

Ich komme ins Sinnieren. Diese schlaue Überwachungsmaschine mit Cheffunktion liesse sich doch auch in anderen Bereichen des Lebens einsetzen. Wenn beispielsweise in einem Operationsraum der Chirurg das Skalpell zückt und ansetzen will, schaltet sich der VAR ein: «Nicht die Gallenblase, sondern der Blinddarm!» Oder in der Augenklinik bei der Operation des Grauen Stars: «Halt, das linke Auge, nicht das rechte!» An einer Sitzung des Bundesrats könnte er feststellen, dass der getroffene EU-Entscheid völlig falsch sei, und sein Eingreifen bei der Notengebung anlässlich der Gymi-Prüfung könnte so manchen Rekurs frustrierter Eltern eliminieren.

Nicht auszudenken, was der VAR im Geschäftsleben (die Chefs würden noch staunen!), im Militär, in der unendlichen Freizeit oder gar in den eigenen vier Wänden alles anstellen könnte. Wäre doch möglich, dass mir das Männchen im Ohr gerade jetzt beim Verfassen dieses Textes einflüstern würde: «Schreib doch nicht einen solchen Blödsinn, dass will doch keiner lesen!»