FrontKolumnenMiteinander-reden tut auch heute Not!

Miteinander-reden tut auch heute Not!

Wir feiern dieses Jahr 100 Jahre Literatur-Nobelpreis von Carl Spitteler.

Carl Spitteler ist bis heute der einzige Schweizer, der einen Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Das war 1919. Carl Spitteler war ausgezeichnet worden für sein fünfbändiges mythologisches Vers-Epos, dem «Olympischen Frühling». Bekannt wurde er aber vor allem für seine sehr staatspolitische Rede: «Unser Schweizer Standpunkt», die er, fünf Jahre zuvor, 1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges in Zürich gehalten hatte. Er rief die drei Sprachgruppen auf zum Miteinander-reden. Miteinander-reden sollten vor allem die Deutschschweizer mit den Welschen. Denn viele Menschen in der Romandie hatten sich in der damals auch für die Schweiz sehr kritischen Zeit den Franzosen zugewandt. Und noch viel mehr Deutschschweizer waren überzeugte Anhänger der Deutschen und schauten mit feindlichem Blick auf Frankreich. Die Tessiner richteten ihren Blick südwärts. Das Land war gespalten; es drohte zu zerreissen. Die Rede Spittelers war ein Appell für eine innere Einigung, für ein dringend nötiges Zusammenrücken.

Heute leben wir zwar wieder in einer heiklen Zeit, aber, zum Glück wenigstens in unseren Breitengraden, nicht in einem Kriegszustand. Die Sprachenfrage in unserem Land ist aber in einer anderen Art (als 1914) noch immer virulent.

Mit der Einwanderung von bei uns Arbeitenden aus unzähligen europäischen und aussereuropäischen Ländern ist die Sprachenvielfalt gewachsen. Wir haben nicht nur mehr vier Landessprachen. Die Menschen hier sprechen unzählbar viele Sprachen, auch wenn Deutsch und Französisch und Italienisch (und ein bisschen auch Rätoromanisch) die amtlichen Sprachen sind und die Volksschule seit je her, also auch heute, eine grossartige Integrationsinstitution für alle und speziell die 2. Generation ist. Noch nie aber wurden so viele Übersetzer und Kulturvermittler gebraucht und engagiert wie heute: in Spitälern, für die Eltern in den Schulen, im Gesundheitswesen, in Gefängnissen usw. Das Zusammenleben ist unbestritten komplexer geworden, als es anfangs des 20. Jahrhunderts war.

Diese Tatsache, dass wir in der heutigen globalisierten Welt mit Menschen vieler Kulturen zusammenleben, empfinden viele Einheimische als nicht so einfach. Für viele Schweizer ist ein Zusammenrücken zwischen Einheimischen und Nicht-Einheimischen nicht selbstverständlich – oder sagen wir: undenkbar, sind wir doch eher zurückhaltend und bleiben gerne unter uns. Das führt zu einer Art Teilung der Bevölkerung nicht mehr nur zwischen angestammten Sprachgruppen, sondern zwischen Ausländern und Einheimischen. Wir weichen einander aus, suchen sicher – von beiden Seiten – nicht das Gespräch, wir bleiben quasi unter uns; ja, jede Gruppe bleibt sogar quasi unter sich. Das kann, wenn man ein bisschen über die Nasenspitze hinausschaut, keine gute Entwicklung sein.

Wäre es nicht ratsam, wenn wir Einheimische vermehrt auf die sogenannt «Anderen» zugingen? Nicht penetrant uns hervortun, aber wenn die Situation es erlaubt, ein freundliches Wort wechselten? im Tram oder im Bus jemandem den Vortritt liessen und mit dem guten Vorbild vorangingen? mit einem Bitteschön oder Dankeschön? – ja, wenn wir uns nur schon anlachten oder uns freundlich anschauten! Es hälfe, viele unschöne Vorurteile zu bekämpfen. Denn nur in der Begegnung, indem wir ein Wort miteinander austauschen, können Antipathie und Voreingenommenheit abgebaut werden. Ein freundliches Wort kostet ja nichts! Der Austausch von Höflichkeiten wäre aber ein Anfang für ein Reden-miteinander, welcher wiederum der Integration sehr förderlich wäre. Und wir Einheimischen würden etwas von unserer eigentlich liebenswürdigen Kultur vorleben und weitergeben, und würden für eine nächste heranwachsende Generation von Secondos nicht als eher muff und unnahbar gelten. Und für die «Nicht-Einheimischen» könnte vielleicht ein Gefühl des Dazugehörens wachsen. Staatspolitisch wäre das alles nicht unbedeutend! Denn das dauernde Gefühl des Nicht-Dazugehörens führt zu Frust und Unzufriedenheit. Und Frust und Unzufriedenheit in der Bevölkerung destabilisieren eine Demokratie in gehörigem, in ungutem Mass.

Deshalb, aus staatspolitischen Überlegungen, betrachte ich das Reden-miteinander (zwischen uns und Anderssprachigen), das Knüpfen von Kontakten über die sprachlichen Barrieren hinweg, als sehr wichtig. Das ist zwar nicht einfach. Aber wir wissen, dass sich die Bemühung um die sogenannt «Anderen», die nicht weniger als ein Viertel der gesamten Bevölkerungszahl ausmachen, eigentlich lohnen wird.

Und wenn uns die falsche Idee kommen könnte, dass ja die «Anderen» auf uns zukommen könnten, dann sei hier betont: Der erste Schritt ist von uns Einheimischen gefordert. Denn es ist nun mal so, dass der Stärkere auf den Schwächeren oder der Vertreter der Mehrheit auf den Vertreter der Minderheit zugehen muss, um eine Begegnung, um ein Miteinander zu ermöglichen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass so Ressentiments und Unzufriedenheit der Minoritäten überwunden werden können.

Wir wissen es alle: Eine Demokratie lebt davon, dass das Miteinander-reden gepflegt wird: zwischen den Sprachgruppen, den Religionen und Konfessionen, den Arbeitnehmern und Arbeitgebern, den Linken und den Rechten, den Grünen und den Nicht- oder Weniger-Grünen, den Ausländern und den Einheimischen, den Alten und Jungen, der Mehrheit und den Minderheiten. Und wir wissen auch, dass, wenn der Austausch, das Sich-Zuhören und Erwidern, das Sich-Akzeptieren und den Kontakt-suchen nicht mehr stattfinden, unsere Demokratie mit der Zeit nicht mehr funktioniert.

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