FrontGesellschaftEin Wegbereiter vernetzten Wissens

Ein Wegbereiter vernetzten Wissens

Den Wissenschaftlern, die sich mit Geologie und Geografie beschäftigen, die Zusammenhänge zwischen Klima, Höhenlage und Pflanzenvorkommen untersuchen und wie das alles mit dem Leben der Tiere und Menschen zusammenhängt, wurde erst vor kurzem bewusst, dass ihnen schon vor 200 Jahren jemand vorgearbeitet hat: Alexander von Humboldt.

Vor 250 Jahren wurde in Berlin einer der bemerkenswertesten Gelehrten der letzten beiden Jahrhunderte geboren: Alexander von Humboldt. Zusammen mit seinem älteren Bruder Wilhelm erhielt er eine damals standesgemässe und umfassende Ausbildung in allen Wissensbereichen, die man im Zeitalter der Aufklärung für junge Heranwachsende als unabdingbar erachtete. Schon da zeigte sich die Eigenart, ja die Eigenwilligkeit des jungen Alexander. Während sein Bruder mühelos das genaue Schema der von Carl von Linné geschaffenen Pflanzensysteme lernte, sträubte sich der jüngere gegen diese in seinen Augen zu lineare Einteilung.

Wer Humboldts Forscher- und Erkundungsreisen nachgeht, erkennt schon da, dass dieser junge Mann weder zu faul noch zu wenig gescheit war – ganz im Gegenteil! Humboldt suchte Zusammenhänge zwischen Pflanzenfamilien und -gemeinschaften, die vorher noch gar nie beachtet worden waren. Humboldts Anschauungen sind seiner Zeit weit voraus. Erst in der modernen Geografie, Geologie und Biologie betrachten die Wissenschaftler ein Forschungsthema in allen seinen Aspekten: Es entsteht die Wissenschaft der Ökologie.

Humboldt 1807 in Berlin. Zeichnung von Frédéric d’Houdetot / commons.wikimedia.org

Es ist ein Privileg der wohlsituierten Familie, dass Alexander seinem Forscherdrang folgen kann. Er setzt dafür das Erbe seiner Mutter ein. Nach der Rückkehr von seiner epochalen Reise in die neue Welt lebt er in Paris, wo er von den Gelehrten schon ungeduldig erwartet wird, und arbeitet sein umfangreiches Material auf. Er veröffentlicht seine Forschungsergebnisse auf Französisch, ausgezeichnete Sprachkenntnisse gehörten zu Anforderungen an einen Gebildeten seiner Zeit.

Als sein finanzieller Rückhalt dahinschmilzt, bittet er um eine Anstellung beim preussischen König, die ihm gewährt wird. Wir können uns vorstellen, dass er als königlicher Kammerherr in Berlin nicht mit Aufgaben überladen war. – Hier jedoch begann sein Ruhm nicht nur in Gelehrtenkreisen, sondern bei allen wissbegierigen Bürgerinnen und Bürgern. Alexander von Humboldt hielt regelmässig Vorträge über seine Reiseerfahrungen und hatte damit einen unerwarteten Zulauf. Weniger seine Bücher machten ihn bekannt, sondern seine Berichte vom Leben auf fernen Kontinenten. – Er muss ein begnadeter Erzähler gewesen sein. Auch die Veröffentlichung seiner Reiseberichte stiess auf ein enorm grosses Echo, in mehr als 1’200 Zeitungen und Zeitschriften erschienen sie.

Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland, Botaniker, am Fuß des Vulkans Chimborazo, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1810) / commons.wikimedia.org

Es sind verschiedene Aspekte, die heute noch unsere Bewunderung hervorrufen. Ausser seinem Blick auf das Ganze, auf die Zusammenhänge in Biologie und Geografie verfügte Humboldt auch über sehr gute geologische Kenntnisse. Als junger Mann hatte er an der Bergakademie Freiberg / Sachsen studiert und dort zum ersten Mal Forschungen an Pilzen angestellt, die in den Bergwerksstollen wuchsen, ungewöhnlich für einen angehenden Bergingenieur. Viele seiner Kenntnisse hatte er sich im Selbststudium angeeignet. Stets suchte er sich Freunde, die sein Wissen ergänzen konnten. Daneben war Humboldt ein begabter Zeichner. Die graphischen Darstellungen von Landschaft, Vulkanen beispielsweise und dem Bewuchs von Pflanzen oder seine Zeichnungen der Bewohner im Amazonasgebiet sind auch heute noch als Pionierarbeiten bewundernswert.

Humboldts Zeichnung: Vulkan Chimborazo und Angaben, wo welche Pflanzen wuchsen. Abbildung aus «Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer», Paris 1805 (Zentralbibliothek Zürich)

Was Humboldt in seinem langen Leben – er starb 1859 in Berlin – zusammentrug und dokumentierte, war eine Enzyklopädie des Wissens. Erst heute, seit das vernetzte Denken nicht nur in den Wissenschaften gepflegt wird, erkennen wir das Genie dieses Forschers. Seine Werke lassen sich keineswegs in wenigen Absätzen zusammenfassen.In diesen Tagen erschien die Ausgabe aller seiner Schriften, die nicht als Bücher veröffentlicht worden sind: Alexander von Humboldt. Sämtliche Schriften. Berner Ausgabe 2019.

Für Laien fassbar wird Humboldts Werk und Persönlichkeit in einem äusserst sorgfältig gestalteten Buch Botanik in Bewegung, verfasst und zusammengestellt von Oliver Lubrich, dem Herausgeber des Gesamtwerkes, und dem Botaniker Adrian Möhl. Das Werk, erschienen im Haupt Verlag, besticht durch seinen Inhaltsreichtum, die ausführliche Dokumentation – und nicht zuletzt durch seine gute Lesbarkeit.

Die Autoren beschränken sich auf die Botanik und führen die Lesenden – Kapitel um Kapitel – durch Humboldts verschiedene Lebensstationen. Wir folgen ihm auf seinen Reisen auf die Kanarischen Inseln, wo ihn der Drachenbaum fasziniert, nach Havanna auf Cuba, ins Amazonasgebiet und den Norden Südamerikas und später auch auf seiner zweiten grossen Reise durch das zaristische Russland und Sibirien. Besonders hervorzuheben ist, dass dieses Buch auf seinen 272 Seiten den Kosmos Humboldtscher Erfahrungen genau und leicht verständlich darstellt, ohne auf Wesentliches zu verzichten. Dazu enthält es einerseits viele graphische Darstellungen von Humboldt selbst oder von Zeitgenossen andererseits verschiedene Wiedergaben von Gemälden des grossen Forschers – Humboldt wurde zu seinen Lebzeiten nicht selten portraitiert.

Die nur in Kalifornien einheimische Lilienart Lilium humboldtii ist nach Alexander von Humboldt benannt. / commons.wikimedia.org

Das letzte Kapitel «Nachwirken» zeigt auf, dass Humboldts zukunftsgerichtete Arbeiten sich ohne seine Absicht auch ins Negative wenden konnten: Er entdeckte nämlich die grosse Fruchtbarkeit von Guano. Zuerst wurden Felseninseln im Pazifik durch das Sammeln dieses Möwenkots zerstört und zugleich entstand die Kunstdüngerindustrie – mit den bekannten schädlichen Folgen für Böden und Gewässer. Erst heute begreifen wir allmählich, welche Folgen Eingriffe in ökologische Zusammenhänge nach sich ziehen.

In Südamerika blieb Humboldt seit seinen Reisen ein berühmter Mann. Ein Berggipfel, zahlreiche Pflanzen und Lebewesen tragen seinen Namen. Er war Simon Bolivar noch in Europa begegnet und unterstützte dessen Unabhängigkeitsbestrebungen – zum Missfallen konservativer und katholischer Kreise in Europa.

Humboldt-Pinguine  © Olaf Oliviero Riemer /commons.wikimedia.org

Schliesslich ist auch Humboldts zweite grosse Forschungsreise zu erwähnen: durch Russland und Sibirien. Humboldt war von der Vegetation weniger beeindruckt, sie erschien ihm zu ähnlich dem heimatlichen Brandenburg. Da sein Erbe aufgebraucht war, musste der Forscher sich die Reise vom Zaren finanzieren lassen. Das hatte unangenehme Folgen: Er durfte sich zu gesellschaftlichen Missständen nicht äussern. Immerhin äusserte er am Ende einige brisante Verbesserungsvorschläge: » . . . vor allem die Abholzung von Wäldern erhöht den Schadstoffausstoss und verringert die Niederschlagsmenge», und zwar, wie er sagte, führe das zu einem Klimawandel, nicht nur lokal und vorübergehend, sondern grossräumig und langfristig. Das legte Alexander von Humboldt am Ende seiner Reise in einem Vortrag in St. Petersburg dar – vor 190 Jahren.

Titelbild:  Alexander von Humboldt, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch, 1806 / commons.wikimedia.org

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