FrontKulturEin Kaleidoskop der Farben

Ein Kaleidoskop der Farben

Wer malt, benutzt meistens Farben. Auch im Alltag umgeben wir uns mit Farben. David Coles führt uns die Farben in seinem Buch «Farbpigmente. 50 Farben und ihre Geschichte» anschaulich vor Augen.

Auf die Bemerkung, dass ich mich mit Farben beschäftige, erhielt ich in Unterhaltungen fast unweigerlich eine emotionale Antwort, in der Art von: «Orange gefällt mir» oder: «Ich muss immer etwas Blaues um mich haben», oder «Gelb vertrage ich nicht». Farben sprechen unsere Gefühle unmittelbar an, vor allem Frauen sind stets bereit, zu Farben Stellung zu nehmen. Künstler benutzen die Wirkung der Farben, um zum Ausdruck zu bringen, was sie mit ihrem Werk darstellen wollen.

Der Berner Hauptverlag, anerkannt für seine sorgfältig gestalteten Bücher, legt nun ein Buch vor, das den Farben auf den Grund geht. Malerinnen und Maler mit langjähriger Erfahrung mögen sagen, das sei wie Eulen nach Athen tragen. Denn wer mit Farben arbeitet, weiss wohl auch über sie Bescheid – aber so viel, wie hier zusammengetragen ist? Was wir hier lesen, interessiert alle, die sich von Farben angesprochen fühlen. Sind es die ausgezeichneten Fotografien von Adrian Lander oder die kurzen, aber inhaltsreichen Kapitel zu jeder Farbe oder die charakteristischen Beispiele – dieses Buch legen wir nicht so leicht wieder weg.

Eine der Qualitäten dieses Werks besteht darin, dass die Farben nach unterschiedlichen Gesichtspunkten vorgestellt werden, was für eine Bedeutung jeder Farbe zukommt, in welchem Zeitalter bestimmte Farben vor allem angewendet wurden, wie und aus welchen Materialien die Farbpigmente hergestellt werden, welche Farben erst in der Moderne geschaffen wurden, nebst weiteren Themen und konkreten Beispielen von aktuellen Künstlerinnen und Künstlern.

 

Das Mineralpigment Ultramarin / commons.wikimedia.org

Wie David Coles zu seiner Tätigkeit und zur eigenen Herstellung von Farben kam, erfahren wir im Anfangskapital dieses Buches. Seit Kindheit war er, der in England aufgewachsen und nach Australien ausgewandert ist, von Farben umgeben. Schon früh experimentierte er auch damit, bis er schliesslich selbst ein Geschäft für Künstlerbedarf eröffnete. Inzwischen ist seine Firma Langridge Artist Colors weltweit führend. Selbst Farben herzustellen, war für ihn als jungen Mann ein wichtiger Schritt. Den Durchbruch sah Coles in dem Moment, als er für einen günstigen Preis eine bestimmte Art von Walzwerk erwerben konnte, das eigentlich für die Produktion von Schokolade bestimmt war, sich aber für die Herstellung feinster Ölfarben ausgezeichnet eignete. Heute ist er ein angesehener Künstler und Dozent an renommierten Kunsthochschulen.

Chromgelb bzw. Bleichromat, aufgrund seines Bleigehaltes eine giftige Farbe, auch Parisergelb oder Königsgelb genannt. Vincent van Gogh verwendete es oft, da er sich das teure Cadmiumgelb nicht leisten konnte. © O. Guenther / commons.wikimedia.org

Die Farbe Ocker ist die älteste Pigmentfarbe, die von prähistorischen Künstlern benutzt wurde. Die Höhlenmalereien in Frankreich oder Spanien wurden mit Ocker gemalt, aber auch auf anderen Kontinenten, in Australien oder Indien beispielsweise findet man sie. Die Menschen fanden das Mineral, das je nach Inhaltsstoff verschiedene Färbungen aufweist, in der Erde, es wurde gemahlen und mit Wasser vermischt. In späteren Zeiten entwickelte man raffiniertere Formen der Herstellung und weitere Farbnuancen. In jener Epoche gab es ausser Ocker nur Farbtöne in Weiss oder Schwarz: Kreideweiss, Lampenschwarz, Beinweiss und Beinschwarz. Die letzten beiden Farben wurden aus Knochenmehl hergestellt, das Schwarz aus verbrannten Knochen.

Die reichste Auswahl von Farben, insgesamt dreizehn, präsentiert uns das Mittelalter. Mit den Kreuzzügen und dem zugleich aufblühenden Handel mit orientalischen Ländern lernten nicht nur die Künstler, sondern auch die Tuchfärber neue Farbnuancen kennen. Die Farbe Lac Dye – verschiedene Varianten zwischen Rot und Orange waren möglich – wurde aus einem Insekt gewonnen und seit ca. 1220 aus Indien importiert. Die Farbe entsteht wie andere auch, aus Schildläusen, die Feigenbäume befallen. Aber auch das Harz, mit dem die Läuse ihre Larven an den Zweigen beschützen, kann man entweder als Farblack nutzen oder die Larven schlüpfen lassen. Man gewinnt so den farblosen Schelllack, der als Firnis auf Gemälden und vielen anderen Oberflächen auch heute noch bekannt ist. Der Name Lac Dye ist heute nicht mehr geläufig, als Färbemittel wird es aber immer noch in Lebensmitteln und Kosmetik verwendet.

Das Mineral Türkis  ©  Adrian Pingstone / commons.wikimedia.org

Später, als die Spanier Amerika eroberten und dort auf Kakteen die Cochenille-Laus entdeckten, wurde daraus ein lichtbeständigeres, haltbareres Rot gewonnen. Seitdem ist in Vergessenheit geraten, dass auch andere Insekten – besonders aus Indien – zur Herstellung von Farben dienten. Karmesin wurde als Textilfarbe bis ins 19. Jahrhundert benutzt. Tyrischer Purpur hingegen war schon seit dem Altertum bekannt und wurde aus einer Art Meeresschnecken hergestellt. Er galt als so edel, dass er Personen von Rang und Würden vorbehalten blieb.

Schwarz ist unter allen Farben ein Kuriosum. Immer wieder ersann man neue Arten, ein totales Schwarz herzustellen, im Mittelalter zum Beispiel aus Holzkohle von Weinstöcken oder aus Pfirsichkernen. Coles beschreibt «eines der seltsamsten Pigmente, die je hergestellt wurden»: Vantablack. Dieses Material besteht aus winzigen vertikal ausgerichteten Nanoröhrchen, die in einem speziellen Verfahren der Gasphasenabscheidung hergestellt werden. Dieses Schwarz wird nicht für den allgemeinen Gebrauch hergestellt – es ist wohl auch zu teuer -, sondern zum Beispiel für die Beschichtung von Weltraumteleskopen.

Zinnober, mineralisch – ein Rohstoff für das zinnoberfarbene Rotpigment Quecksilbersulfid  © Chu Sa / commons.wikimedia.org

Zinnober gehört zu den gefährlichsten Farben, denn es wurde traditionell aus Quecksilber gewonnen. Obwohl bekannt war, dass dieses Metall zu schlimmen Vergiftungen führte, verurteilten die Spanier Gefangene zu Zwangsarbeit in ihren Quecksilberminen. – Bei all den Farben lässt es sich leicht verweilen und zu jeder schreibt David Coles ebenso konzentrierte wie anregende, im wahrsten Sinne des Wortes farbenfrohe Geschichten.

Coles, David: Farbpigmente. 50 Farben und ihre Geschichte. Haupt Verlag 2019. 224 Seiten, 128 Farb- und 10 SW-Fotografien. ISBN: 978-3-258-60213-4

Titelbild:  Pigmente zum Verkauf auf einem Markt in Goa, Indien  © Dan Brady / commons.wikimedia.org

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