FrontLebensartAuch die Heiligen waren Flüchtlinge

Auch die Heiligen waren Flüchtlinge

Riace – der Name ist aus drei Gründen bekannt: als Fundort berühmter antiker Bronzestatuen, als Ort der Solidarität mit Flüchtlingen und als Pilgerort für Gläubige weit über die Provinz Kalabrien hinaus.

Riace ist eines von vielen Bergnestern tief im Süden Kalabriens an der ionischen Küste, praktisch am Vorderfuss des italienischen Stiefels. Die kurvenreiche Strasse von Riace Marina zum Hauptdorf in den Hügeln führt jetzt im Herbst durch eine Landschaft aus Ocker und Braun. Im Gegensatz zum Frühling mit einer Wunderwelt von Blumen, blühenden Sträuchern und dem Hellgrün des jungen Getreides.

Riace Borgo – berühmte Siedlung im Süden von Kalabrien

Geschätzt bereits mehr als einen Kilometer vor dem Dorfeingang parken die Autos der Besucher. Viele Marktstände sind schon aufgebaut. Die Hälfte der Strasse ist belegt mit Körben, Tontöpfen, in Plastik verpacktem Spielzeug. Zwischen den Fussgängern kommen die Autos nur langsam durch – öffentlichen Verkehr gibt es nicht. Das grosse Fest von Kosmas und Damian kündigt sich an, je näher wir dem Dorf kommen.

Alles bereit – das Dorf festlich dekoriert

Von der Piazza in Richtung der Hauptkirche stauen sich die Menschen. Die Banda musicale von Riace lagert sich mit ihren Instrumenten im Schatten – offensichtlich ist ihr Einsatz noch nicht gekommen. Eine Mutter – es könnte eine Roma oder Sinti sein – stillt auf den Stufen von San Nicola ihr Kind. Das Fest ist ja nicht nur für die Einheimischen – es schliesst auch die traditionelle Wallfahrt vieler Fahrender mit ein. Ihre Schutzpatrone sind I Santi Cosimo e Damiano, ein antikes Ärztepaar aus Syrien. In und um ihre Kirche verbringen die Familien die Nacht.

Tanzen zur Zigeunermusik

Am Morgen vor der Prozession ist die Zeit ihres Auftrittes. Es bilden sich Kreise um Musikergruppen, die mit Trommeln, Dudelsack und Handharmonika aufspielen, improvisierend, mitreissend und wehmütig. Zwei rassige Männer tanzen, schnell stampfend. Sie holen zwei Frauen in den Kreis der dichtgedrängten Zuschauer. Vor allem sind es junge Mädchen, die sich für kurze Zeit auf den Tanz einlassen und wieder zurücktreten. Die jungen Männer feuern sie an.

Ehrung der Gefallenen

Vor San Nicola findet zuerst die Ehrung der Gefallenen beider Kriege statt. Bürgermeister, Carabinieri und Geistlichkeit bilden eine patriotische Trias. Auf die Nennung jedes Namens von der Gedenktafel antwortet die Gemeinde im Chor presente! (anwesend) – ein eindrücklicher Akt.

Die Statuen der beiden Heiligen werden für die Prozession vorbereitet

Die Hauptkirche des Dorfes ist übervoll. Um eine minimale Zirkulation der Gläubigen zu erlauben, sind die seitlichen Eingänge vorausschauend mit Eingang und Ausgang markiert. Die Leute schieben sich langsam an den Statuen der beiden Heiligen vorbei. Manche tragen fast lebensgrosse Körperteile aus Wachs oder auch aus Brotteig als Opfergabe mit sich, ein Arm, ein Kopf, je nachdem wo die heiligen Ärzte geholfen haben. Eltern strecken ihre Kleinkinder den Heiligen auf dem Traggestell entgegen – die mentale Kraftübertragung erfolgt durch Berührung.

Kinder werden zu den Statuen gehoben

Vor mir Eltern mit einem spastisch gelähmten Sohn. Die Mutter zieht seinen Arm zu den Heiligen hin, nimmt das Handy hervor und dokumentiert die Szene. Die Musik spielt auf. Inzwischen formieren sich die Akteure zur Prozession. Im Gedränge wird man einfach weiter geschoben. Ich gehe durch eine Seitenstrasse voraus, um die Prozession von der Seite zu sehen.

Die Banda musicale spielt auf

Der feierliche Zug bleibt immer wieder stecken. Freiwillige Helfer drängen die Zuschauer zurück. Die beiden Heiligen können von hoch oben ihren jährlichen Ausgang geniessen. Bis zur eigentlichen Wallfahrtskirche sind es mehr als zwei Kilometer, an Marktständen und geparkten Autos vorbei.

Cosmas und Damian schaukeln hoch über den Wallfahrern

Es ist heiss. Den etwa zwei Dutzend Trägerinnen und Trägern ist die Anstrengung deutlich anzusehen. Unten vor der Wallfahrtskirche gibt es einen schattigen Picknick-Platz. Die Garküchen machen gute Geschäfte. Doch kehren wir zum Dorf zurück.

Die Heiligenfiguren zu tragen ist für viele eine Ehrensache

In Riace finden sich viele Murales, meist naive Kunst an Hausmauern, die oft eine sozialkritische Aussage haben. Ein für die Dorfentwicklung wichtiges Wandbild stellt die Situation der Migranten dar. Riace hat eine einzigartige Bedeutung für die Geschichte der Migration in Italien und in Europa.

Wohin gehen die Wolken? heisst es an der Mauer

1998 landete ein Boot mit kurdischen Flüchtlingen in Riace Marina. Die Bevölkerung nahm die Menschen auf. Das war der Auftakt zum Projekt Stadt der Zukunft. Domenico Lucano war Mitbegründer des Vereins Città Futura mit dem Ziel, Flüchtlinge in Riace anzusiedeln, ihnen eine Perspektive zu bieten und das Dorf wiederzubeleben. 2004 wurde Domenico Lucano Bürgermeister. Im Jahr 2010 lebten etwa 250 Immigranten im Dorf. Vier Jahre später waren es 800. Sie stammten aus Tunesien, dem Senegal, Eritrea und Syrien. Für freies Wohnen und 250 Euro pro Monat bearbeiteten sie die verlassenen Olivenhaine und Weinberge. Die Finanzierung gewährleistete Rom, das für jeden Flüchtling pro Tag 35 Euro zahlte.

Auch auf der Wand des Schulhauses gibt es Murales

Diese Initiative erhielt weltweit Unterstützung. Es wurden Reportagen verfasst und Dokumentarfilme gedreht. Papst Franziskus besuchte 2016 das Dorf. 2017 wurde der Bürgermeister für seinen Einsatz mit dem Dresdner Friedenspreis ausgezeichnet. Das europaweit beachtete Projekt hatte aber auch mächtige Feinde. Unter dem Ex-Innenminister Salvini wurde Mimmo Lucano vorerst unter Hausarrest gestellt, dann des Dorfes verwiesen und aus dem Amt entfernt. Im Juni 2019 fand in Locri die Gerichtsverhandlung statt. Die Anklage lautete: Begünstigung von illegaler Einwanderung und nicht regelkonforme Auftragsvergaben bei kommunalen Dienstleistungen. Konkret soll er einer Migrantin zu einer Scheinehe verholfen haben, um sie vor Abschiebung zu retten, und er soll den Auftrag zur Müllentsorgung in der Gemeinde an eine Sozialkooperative vergeben haben, statt den Auftrag öffentlich auszuschreiben. Heute befänden sich noch etwa 100 anerkannte Flüchtlinge im Dorf.

Riace: früher und heute ein Dorf der Migration

Ganz aktuell hat der neue Bürgermeister zum Fest der beiden Patrone eine viel diskutierte Änderung herbeigeführt, indem er das alte Willkommensschild ersetzen liess: Willkommen in Riace im Land der Gastfreundschaft, wie das am Eingang des Dorfes angebrachte Straßenschild besagte, wurde nun zu Riace – das Land der heiligen Ärzte und Martyrer Cosmas und Damian. Das sei kein politischer Akt, sondern nur dem Umstand geschuldet, dass in diesem Jahr die Reliquien der beiden Heiligen in Riace seit genau 350 Jahren verehrt werden, betont der neue Bürgermeister in der Gazzetta del Sud vom 25. September 2019.

„Ich interessiere mich nicht für Polemik. Aber es ist ein Versuch, die Erinnerung daran aufzuheben, was wir in Riace getan haben. Das ist in den Herzen und in der Erinnerung eingegraben und kann niemals gelöscht werden. Alle unsere Projekte sind tot. Die Werkstätten, die Verkaufslokale und unsere Taverne Donna Rosa.“ So äußert sich Mimmo Lucano, der frühere Bürgermeister von Riace. Der Abbau des Riace-Modells scheint weiter zu gehen.

Die brandneue Willkommenstafel in Riace

Bei der Bedeutung, welche die beiden Patrone Cosmas und Damian haben, bekommt die Umbenennung der Ortstafel mehr als nur symbolische Bedeutung. Ihr Verdienst ist es ja gerade, dass die beiden Ärzte arabischer Herkunft und Einwanderer in Kalabrien, alle kostenlos betreuten, ohne Unterschied von Rasse, Reichtum oder Religion. «San Cuosimu und San Domianu Porgitimi La Manu Ca Sugnu Foresteru und Begnu Luntanu» ist das Gebet, das man an sie richtet. Übersetzt aus dem Kalabresischen: „Heiliger Cosmas und Heiliger Damian, streckt eure Hand aus, da ich ein Fremder bin und aus der Ferne komme.“ Die beiden Freunde erlitten wegen ihrer selbstlosen Hilfe ein grausames Martyrium. Heute wären sie vermutlich im Team von Ärzte ohne Grenzen. So wird daraus eine Geschichte über Menschlichkeit und Solidarität, älter und stärker als die Vernichtung einer beispielhaften Idee. Vorangetrieben durch einen fremdenfeindlichen Ex-Innenminister und mit Hilfe des von der Lega unterstützten neuen Gemeinderates.

Wie weiter mit dem Willkommensprojekt?

Der Name Riace ist noch aus einem dritten Grund bekannt. Vor Riace Marina wurden 1972 zwei unversehrte Broncestatuen von einem Hobbytaucher im Meer entdeckt. Sie sind heute im Archäologischen Nationalmuseum in Reggio Calabria zu sehen, in einem erdbebensicheren und vollklimatisierten Raum.

Bronzestatue von Riace im Museo Nazionale della Magna Grecia in Reggio Calabria

Die hervorragend gearbeiteten und kunstvoll präparierten übergrossen Krieger lagen mehr als 2500 Jahre auf dem Grunde des ionischen Meeres. Von der erotischen Ausstrahlung der beiden Mannsbilder schwärmen manche Besucher. Der nackte männliche Körper galt ja in der Kultur des alten Griechenlandes als Ideal, welches Göttlichkeit, Tugend und Kraft in sich vereint.

Fotos © Justin Koller

Weitere Informationen:
Eine Radiosendung über Riace und sein erfolgreiches, plötzlich abgebrochenes Projekt mit den Flüchtlingen gibt in Kontext auf Radio SRF 2 Kultur vom 3. Oktober 2019 nachzuhören: Der Fall Riace
Wie weiter in Riace? Das Unterstützungsprojekt
E’stato il vento (deutsch)
Eine Auswahl an Videos in italienisch:
Le Città Invisibili – Riace, italienisch, 49 Minuten
C’è chi dice no: Domenico Lucano sindaco di Riace, italienisch, 11 Minuten
I fatti in diretta – Il modello Riace, un altro mondo possibile, italienisch, 9 Minuten

Die Festlichkeiten für die Heiligen Cosmas und Damian finden jeweils vom 25. – 27. September statt; der Haupttag ist der 26.September.

1 Kommentar

  1. Riace war mir in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsprojekt und dessen abruptem Ende durch einen populistischen Selbstdarsteller in der Rolle des Innenministers von Italien geläufig. Nun weiss ich noch viel mehr über diesen Ort an der ionischen Küste. Und lese von Mechanismen, wie die Erfolgsstory mit den Migranten wieder vergessen werden soll.
    Die Sendung «Der Fall Riace», der am Ende des Beitrags empfohlen wird, ist eine unverzichtbare Ergänzung.

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