FrontKolumnenLesen schenkt dem Leben Dauer

Lesen schenkt dem Leben Dauer

Die Zeit ist flüchtig geworden. Ich suche in ihr Dauer. Wie aber wird Zeit zur Dauer? Das ist sehr individuell. Flüchtig ist sie, wenn ich mich der Informationsflut überlasse. «20 – Minuten» Zeit, um sich zu orientieren, was in der Welt geschieht. Solange dauert eine Fahrt von Zug nach Zürich oder nach Luzern. In Luzern bleibt die Zeitung in der Bahn liegen oder wird unter «Papier» entsorgt. Kaum sitze ich auf dem Raddampfer nach Flüelen, habe ich schon fast alles vergessen, was ich in «20 – Minuten» gelesen habe. «Oh», sage ich, «Trump hat wieder einen Tweet geschrieben. Ich glaube, er hat dem widersprochen, was er letzthin einmal von sich gegeben hat. Um was ging es da?»

Egal, der Dampfer fährt weg. Ich bin auf einer Lesefahrt. Das Buch trägt den Titel «Was vom Tag übrig blieb.» Langsam gerate ich in die Geschichte des Butlers hinein, der der Ich-Erzähler ist und komme zur Stelle, wo er, Stevens, über die Würde seines Berufes spricht. Würde habe entscheidend zu tun mit der Fähigkeit, niemals die berufliche Identität preiszugeben, die ihn erfülle. Butler geringeren Formats würden schon beim kleinsten Anlass ihre berufliche Identität zugunsten einer privaten preisgeben. Dieser Satz bleibt haften, weil er mir sagt, die Würde verliere jemand dann, wenn er von sich zu schwatzen beginne, ohne eine Frage beantworten zu müssen. Das mag auch bei einem Kellner oder sonst einem Beruf gelten.

Mir gefällt die ruhige Art, in der Stevens erzählt, ähnlich gelassen und ruhig wie das Schiff, das sich durch das Wasser pflügt. Der Ich-Erzähler geht langsam von Geschichte zu Geschichte, schildert die wunderbare, ihn überraschende Landschaft Englands; und zugleich beobachte ich, wie die Landschaft des Vierwaldstättersees am Dampfer vorbeigleitet. Steige ich in Füelen aus und warte auf die Bahn, um zurück nach Zug zu fahren, bedenke ich die Würde meines Berufes. Ich frage mich, ob ich in meiner Art der Lebensführung den Test bestanden hätte? War und bin ich authentisch geblieben, wie es sich ziemte, oder spielte ich im Lebenstheater den Gehilfen des Poseidon, Proteus mit Namen, der sich in alle Figuren und Gestalten verwandelt, wie und wann es ihm gerade passt? Allein dadurch, dass ich diesen Gedanken des Butlers weiterdenke, gewinnt die Lektüre eine Dauer. Sie verfliegt auch dann nicht, wenn ich mich später einem anderen Buch zuwende oder mich anderweitig beschäftige. Dies bezeugt diese Kolumne.

Die Wirkung einer vertieften Lektüre hat mit dem Gewinn von Dauer zu tun. Darum ist das gründliche Lesen so enorm wichtig. Im Roman schaue ich in ein anderes Leben hinein, frage mich, mit welchem Gedanken der Protagonisten ich mich identifiziere und welchen ich ablehne. Einen Roman lesen heisst ihn neu schreiben oder neu denken. Wer liest, besucht eine Lebensschule, was soviel bedeutet, dass er sich beständig weiterbildet. Die Lektüre von Gedichten, Erzählungen und Romanen scheint vordergründig nichts zu nützen. Sie ist in der Tat zweckfrei; und doch begegnet der Lesende dem Leben in seinen vielfältigen Ausprägungen und wird konfrontiert mit vielen grundsätzlichen Fragen. Romane werden zur Auseinandersetzungen mit sich selbst, ohne dass sie sich als Lehrer oder Besserwisser aufspielen.

«Was vom Tage übrig bleibt» von Kazuo Ishiguro führt nicht nur zur Frage, was vom Tage übrig bleibt, sondern auch darauf, was vom Leben in den späten Jahren Bestand hat. Man würde sich selbst täuschen, wenn man glaubte, es gehe nur um einen selbst. Was dem Leben Dauer verleiht, ist das langsame Erfahren eines Sinns im Leben. Er kann wohl kaum darin bestehen, nur auf pekuniären Gewinn aus zu sein. Das Wissen, das man heute unnütz nennt, ist gerade das, was dem Leben Dauer und Sinn verleihen kann. Der Philosoph Bertrand Russell schreibt, der wesentliche Vorteil des «unnützen» Wissens bestehe darin, dass es zum Nachdenken anrege und eine kontemplative geistige Einstellung fördere. Letzthin fragte mich jemand, was es denn nütze, Romane zu lesen. Ich antwortete, es helfe zu wissen, dass das Wissen, das man schon habe, nicht verhindere, wissen zu wollen, was man noch nicht weiss. Er war erstaunt über meine Antwort und sagte, er verstehe sie nicht. Ich schrieb den Satz auf einen Zettel und ermunterte ihn, darüber nachzudenken. Vielleicht enthält mein Zettel die Antwort, die ihm ein Aha entlockt.

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