FrontKulturSoziale Not mit Show-Effekten

Soziale Not mit Show-Effekten

Als Einstand inszeniert der neue Hausregisseur Christopher Rüping auf der Pfauenbühne des Schauspielhauses Zürich den epochalen Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck aus dem Jahre 1939. Fazit: ein diffuser, zwiespältiger Theaterabend.

Die USA der 1930er Jahre. Das Land befindet sich in der Grossen Depression, jeder vierte Amerikaner ist arbeitslos. Im Mittleren Westen ist seit Jahren kein Regen mehr gefallen, die Felder sind zu Staub geworden. Hunderttausende Farmer ziehen in der Hoffnung auf Arbeit in das gelobte Land Kalifornien – und finden dort kein Paradies vor, sondern eine kapitalistische Hölle der Ausbeutung und Erniedrigung. Mit Wucht erzählt John Steinbeck in seinem berühmtesten Roman «Früchte des Zorns» vom Schicksal der Farmerfamilie Joad, von der übermenschlichen Anstrengung ihrer Reise und der erbarmungslosen Profitgier der kalifornischen Plantagenbesitzer.

Flucht ins Land, wo die Orangen wachsen (v.l.): Nadège Kanku, Nils Kahnwald, Wiebke Mollenhauer, Steven Sowah.

Wie von Armut erzählen, wer sie nicht am eigenen Leib erfuhr? Liefert die von Hausregisseur Christopher Rüping als Einstand gewählte Inszenierung von „Früchte des Zorns“ eine plausible Antwort? Wohl kaum. Vielmehr präsentiert er auf der Pfauenbühne eine Aufführung, die eher ratlos macht. Die vom Regisseur beabsichtigte Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten der Gegenwart, auf die es keine gerechten Antworten gibt, vermag nicht zu überzeugen. Dafür wirkt die mit Show-Effekten angereicherte Inszenierung zu konstruiert.

Ein ungleiches Spiel

Auf eine feste Bühneneinrichtung wird ganz verzichtet. Auf der anfänglich leeren Bühne agieren zwei gegensätzliche Gruppen von Darstellern: die verarmte Farmerfamilie Joad und die luxusverwöhnte Gucci Gang. Die Spieler der Familie Joad (Mutter, schwangere Tochter Rose und Sohn Tom), alle in Grau gekleidet, verhalten sich wortkarg, schicksalsergeben. Ihre Gestaltungsmöglichkeit ist eingeschränkt, wie seelenlose Gestalten agieren die drei Familienmitglieder auf der Bühne, werden ständig herumgeschubst. Nicht so die fünfköpfige Gucci Gang in bunten Mode-Klamotten, die die Erzählerrolle einnimmt, in verschiedene Rollen schlüpft, mit der Familie Joad und dem Publikum ihre Spässchen treibt und mit allerlei Gags aufwartet. Sie dominiert das ungleiche Spiel, bestimmt, wer, was, wie sagen darf, gibt Interviews, zitiert Original Steinbeck. Just diese Aufsplitterung strapaziert die Aufmerksamkeit, wirkt auf Zeit ermüdend.

Übermenschliche Reise durch Wüstenland mit goldenen Kakteen: im Bild Nadège Kanku als schwangere Tochter Rose.

Kein Regen, staubige Erde, verdorrte Felder: Wortlos betreten Mutter und Tochter Joad die Bühne, schreiten langsam nach vorne. „Was sollen wir jetzt tun, Mutter?“, wird immer wieder gefragt. „Wir müssen zusammenhalten. Es wird schon gehen“, lautet die Antwort. Sie halten zusammen, ziehen, von heutigen Popsongs angetrieben, nach Kalifornien, werden elendig ausgebeutet, Tochter Rose gebärt ein totes Kind. Die Gucci Gang begleitet und kommentiert in verschiedenen Rollen und mit allerlei Show-Einlagen den Weg in die Ausbeutung, macht Anspielungen auf das heutige Migrationsdrama, ruft zur Revolte auf, montiert auf der Bühne aufblasbare Kakteen in Gold und ein riesiges Baumgerippe voller Orangen. Mit von der Partie auch ein ferngesteuerter Minitraktor, der bei der Ankunft der Familie Joad im kalifornischen Auffanglager auf der Bühne herumsurrt und fremdenfeindliche Sprüche von sich gibt.

Ein modernistischer Steinbeck

Trotz eingeschränkter Gestaltungsmöglichkeit zeigen die drei Darsteller Maja Beckmann als Mutter Joad, Nils Kahnwald als Sohn Tom und Nadège Kanku als Tochter Rose ein eindringliches Spiel zwischen Resignation und Aufbegehren. Vorab Maja Beckmann vermag die verzweifelte Mutter, die mit ihrem Schicksal hadert, die Bühne zeitweise fluchtartig verlässt und trotz Elend die Familie hoffnungsvoll zusammenhält und orchestriet, sehr differenziert und überzeugend darzustellen. Von den Gucci-Darstellern sticht insbesondere Gottfried Breitfuss mit seinen clownesken Einlagen hervor. Lob verdient auch Kotoe Karasawa, die über eine grossartige Stimme verfügt und Popsongs wie „California Dreams“ (The Mamas & The Papas) und „Hello“ (Adele) nuancenreich und herzerwärmend rüberbringt.

Aufbegehren ohne Wirkung: Nils Kahnwald als Sohn Tom. (Fotos: Zoé Aubry)

Alles in allem, geboten wird ein durchwegs modernistischer Steinbeck, der mit heutigen theatralischen Ausdrucksformen auf die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die daraus resultierende Flüchtlingsnot aufmerksam machen will, ohne anklägerisch zu wirken. Soziale Not verträgt sich bekanntlich schlecht mit einem Leben in der Komfortzone. So gesehen, bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück.

Weitere Spieldaten: 30. Oktober, 4., 12., 15., 28., 30. November, 3., 7., 15., 20., 23. Dezember

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel