FrontKulturGrossmäuliger Weltbeherrscher

Grossmäuliger Weltbeherrscher

Zeitlos, «Der Grosse Diktator» von Chaplin, auch auf der Bühne!

Der Schauspiel-Direktor des Berner Stadttheaters, Cihan Inan, setzt den legendären Film Charlie Chaplins, Der Grosse Diktator, in ein Bühnenstück um. Auf den ersten Blick verblüfft es, mit welchen visuellen Methoden er diese Schauspielfassung inszeniert. Keineswegs nur Bildern aus dem 1940 erstmals gezeigten Film begegnet man in dieser deutschsprachigen Erstaufführung in Bern, sondern einer ganzen Reihe von kreativen Originalideen. Erinnerungen an den Film wecken zum Beispiel das Stellungsspiel zwischen den Diktatoren Hynkel und Napoloni bei deren Begegnung und vor allem das unglaublich hintergründig bedeutsame und selbstvergessen komische wie tragische Jonglieren Hynkels mit der Weltkugel, die zu beherrschen sein Traum bleibt und die schlussendlich die Luft verliert und in sich zusammenschrumpft.

Doch ein Bühnenstück mit einem Film zu vergleichen ist an sich kein tauglicher Ansatz zum Verständnis dessen, was auf der Bühne geschieht. An diesem Beispiel indessen erlebt man auch eine ausdrückliche Würdigung des grossen Mimen Charlie Chaplin (1889-1977), der nicht nur als sprichwörtlicher Tramp, als Clown in seinen Stummfilmen die Welt belustigte, sondern hier mit seinem ersten Dialogfilm eine stark engagierte humanistische und pazifistische Botschaft für Demokratie und Chancengleichheit aller Menschen dieser Welt verkündete.

«Heil Hynkel!» Gabriel Schneider, links Jürg Wisbach als Dr. Garbitsch, ganz rechts Stefano Wenk als Feldmarschall Hering.

Formal wirkt die deutschsprachige Erstaufführung vielseitig und spannend. Einerseits erlebt man eine Hommage an den grossen Clown und Mimen Chaplin. Dann wirkt als zweiter Aspekt die Umsetzung der Rahmenhandlung zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Einmarsch der Deutschen in Österreich mit den charakteristisch gezeichneten Nebenpersonen und den Protagonisten Diktator Hynkel, jüdischer Friseur und Schultz, der Zwielichtige. Dritter Strang der Handlung und des dramatischen Aufbaus ist die Wandlung des anfänglich recht unbedarft anmutenden Friseurs und Hynkel-Doppelgängers zum leidenschaftlichen Verkünder einer der dargestellten Gegenwart entgegengesetzten humanistischen, menschenfreundlichen Zukunft voller Toleranz, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit und Demokratie. Noch und noch berühren die wie Einschübe gestalteten Schilderungen von Träumen des Friedens, des glücklichen Zusammenlebens und des Erntens der Früchte der Arbeit, die mit dem Schicksal der Unterdrückten und Armen verbunden sind. Träume einer besseren Welt als Kontrast zum mehr als nur Prekären.

Hynkel (Gabriel Schneider) mit Dr. Garbitsch (Jürg Wisbach)

Viele pantomimische und tänzerische Elemente dieser Inszenierung beeindrucken nicht weniger. Hier in kurzen, da in längeren Szenenabschnitten. Mit der Zeit scheint es, als würden gar die Bühnenumbauten auf offener Szene ballettartig ablaufen. Alles das Unglaubliche, das manche heutzutage schon nicht mehr für möglich halten, obschon es erwiesenermassen geschehen ist, wird mit Persiflage, Satire und clowneskem Witz in Worten und vor allem auch Gesten und Haltungen so überzeichnet, dass es das Schreckliche noch zu übertönen vermag. Das verbindet sich denn auch mit dem Bild Chaplins, der in diesem seiner grösseren Filme nicht den verträumten Humor seiner Tramp-Figur zelebriert, sondern seine persönlich engagierte, anklagende Leidenschaft ins Groteske verzeichnet. Damit gelingt es ihm, und in der Folge auch dem kongenialen Verfasser und Regisseur dieser Aufführung, Cihan Inan, das Ungeheuerliche mit beissendem Aberwitz fast noch mehr als nur blosszustellen. Dass sich während der grossartigen humanistischen Schlussrede der Hauptdarsteller in der Friseur-Gestalt sein riesig auf den Frontvorhang projiziertes Gesicht demaskiert und abschminkt, ist ein bewegender Vorgang von starker symbolischer Kraft.

Eine starke Wirkung erreicht auch Konstantina Dacheva mit der Gestaltung des Spielraums. Düsternis verbreiten die dunkelgrau-schwarzen Stellwand-Gerüste, die beidseitig verwendet werden und als mehrstöckige bewegliche Elemente verschiedene Orte der Handlung andeuten. Sie wirken auch, wo sie die Wohnungen des Ghettos darstellen, so wie man sich Gefängnisgänge vorstellt. Lediglich dort, wo sie als Kulisse die Innenräume für Hynkel und seine Männer bilden, sind sie hellgrau gehalten. Licht untermalt hell und blendend die Hynkel-Szenen und eher düster die Vorgänge auf der Strasse und im Ghetto.

Der jüdische Friseur (Gabriel Schneider, Doppelrolle) vor seinem Laden

Als letztes formales Element, sozusagen als zweiter Rahmen um das Geschehen, wirkt die Erzählerin (Chantal Le Moign) Sie kommentiert die geschichtlichen Umstände, verweist auf Details der Konzeption des Films und auf das historische Wirken von Chaplin selbst, auf seine Einstellung gegenüber dem deutschen Nationalsozialismus und dessen Anspruch auf Beherrschung des eigenen Volks und schliesslich der ganzen Welt. Damit gelingt es ihr immer wieder, das Bewusstsein für die Realität zu schüren und so zu verhindern, dass man ins Mitfiebern in einem fiktiven, wenn auch albtraumhaften «Nur-Spiel» versinkt.

Dass die Frauen in dieser Handlung eine eher schattenhafte Rolle spielen, liegt in der Natur des Geschehens. Immerhin bringen Gina Lorenzen in ihrer vielseitigen Mehrfachrolle und Luise Schneider als zartbesaitete Hannah die erwünschten Akzentfarben überzeugend ins sonst in jeder Hinsicht männliche Spiel. Das ganze Ensemble, fast alle davon in Mehrfachrollen, entwickelt eine überaus dynamische Gesamtleistung und bringt auf diese Weise das Anliegen dieses beispielhaften Werkes wirkungsvoll zum Ausdruck.

Denn das Bühnenstück von Cihan Inan hat durchaus eine zeitgemässe Botschaft, die mehr als nur das Übertragen des Chaplin-Filmes auf die Sprechbühne bedeutet. Auch wenn der Bezug zur Gegenwart nicht mit schulmeisterlich sozusagen fettgedruckten Hinweisen geschieht. Es ist der bereits geschilderte überhöhte Aberwitz in szenischen Stellungen, Posen, Bewegungen und Mienenspielen, die aufrütteln und gerade, weil sie eigentlich unrealistisch sind, die Verknüpfung mit der gegenwärtigen Realität wecken. Es ist aber auch diese geniale absurde Kunstsprache, von Chaplin erfunden und von Gabriel Schneider als Hynkel so virtuos angewandt, dass man manchmal kaum den Übergang von normalem Text zum Salbadern unmittelbar nachvollzieht.

Alle Bilder: © Annette Boutellier

Aufführungen bis April 2020.

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