FrontGesellschaftHier stehe ich und kann nicht anders

Hier stehe ich und kann nicht anders

Nicht alle Gartenbegeisterte sind aus demselben Holz geschnitzt. Wäre ja auch langweilig. Es gibt Optimisten und Pessimisten, Ordnungsfanatiker und Faulpelze. Und jedem gefällt «sein» Garten am besten. Eine kleine Typologie derer, die sich eines grünen Daumens rühmen.

Am einfachsten machen es sich die Faulen. Die lassen einfach wachsen. Der Rasenmäher kommt nur dann zum Einsatz, wenn ein Plätzchen für den Liegestuhl gerodet werden muss. In den Gemüsebeeten, falls solche vorhanden sind, versamt sich der Nüsslisalat von Jahr zu Jahr selber, Spinat und Pflücksalat werden breitwürfig ausgesät und heikle Pflanzen wie Gurken oder Tomaten nach dem «Vogel-friss-oder stirb»-Prinzip in den Boden gebracht. Das heisst, entweder wachsen sie den Schnecken davon – die Gurken – oder sie wehren sich selber gegen die Tomatenfäule. Gelingt beides nicht, wird das Vitaminzeug halt im Laden oder auf dem Markt gekauft.

Der Natur gefällts

In den Gärten der Faulen wachsen auch mal orange Ringelblumen neben rosa Rosen und Königskerzen mitten auf dem Gehweg. All die Blumen, die sich selber versamen, die Stauden, die zum Wuchern neigen, sind reichlich vertreten und über allem liegt im Sommer ein Hauch von Minze. Weil die überall wächst und sich gerne ausbreitet. Dazu summt und brummt es, Schmetterlinge gaukeln umher und die Vögel finden selbst im Winter noch genügend Nahrung an den Sträuchern und im Laub darunter. Dieses bleibt natürlich so lange liegen, bis es im Frühling zu neuer Erde geworden ist.

Faule Gärtner lassen vor allem wachsen und freuen sich über jede Ringelblume. Auch wenn sie im rosaroten Rosenbeet wächst.

Wenn neben einem Laisser-faire-Gärtner ein Ordnungsfanatiker wohnt, dann sind Konflikte voraussehbar. Denn diesem Gartentyp gehört das Stückchen Natur ihm allein, und zwar ausschliesslich. Käfer, Würmer oder Schnecken werden energisch eliminiert, so wie auch jedes Unkraut. Und Unkraut ist all das, was ungeplant wächst.

Ordnung muss sein, um jeden Preis

Im Herbst wird das Laub jeden Tag akribisch zusammengerecht – oder -geblasen – und umgehend entsorgt. Beginnen Stauden nach der Blüte zu schwächeln, werden sie bodeneben abgeschnitten. Denn der Ordnungsfanatiker weiss, dass deren Blätter bald braun werden und dann unordentlich am Boden liegen. Auch die Rosenstöcke werden noch während der letzten, etwas spärlichen Blüte kniehoch geschnitten und dürfen so noch einige Wochen warten, bis dann endlich Winter wird.

Ordnung muss sein, immer und überall. Das kann so weit gehen – und das ist leider kein Witz – , dass das Metallgeflecht am Gartenzaun im Herbst geputzt wird. Auch wenn dazu die Hagrose, die im Frühling so malerisch blühte und im Herbst voller Hagebutten ist, rigoros entfernt werden muss. Oekologisch gärtnern? Davon haben diese Ewiggestrigen noch nie etwas gehört.

Es gibt Gärtner, für die ist ein kahler Metallzaun schöner als diese Hagrosen.

Zu einer wesentlich erfreulicheren Spezies gehören die Optimisten. Das sind diejenigen, die sich im Gartencenter von jeder Neuheit verführen lassen und schon im frühen Frühling pflanzen und säen – und hoffen. Dabei lassen sie sich von Hinweisen wie «frostempfindlich» oder «nur für milde Lagen geeignet» nicht abhalten. Probieren geht über studieren. Für sie ist der Garten immer wieder ein Erlebnis und sie freuen sich, wenn eine heikle Pflanze doch noch zum Blühen kommt oder unversehens etwas wächst, was wochenlang vor sich hin geserbelt hatte.

Salate wachsen (fast) unter dem Schnee

Optimisten pflanzen im Herbst die allerletzten Salatsetzlinge und säen noch Spinat, wenn andere bereits den Schnee riechen. Auch wenn nicht alles gelingt, überrascht ein Optimistengarten immer wieder. Weil, so meine Theorie, sich die Pflanzen von einem hoffnungsfrohen Gemüt anstecken lassen und ihr Bestes geben.

Salatsetzlinge im November? Optimisten lassen es drauf ankommen – und haben nicht selten Erfolg damit.

Die Pesssimsiten arbeiten da ganz anders. Sie lassen im Frühjahr die schützenden Tannäste so lange auf den Blumenbeeten liegen, bis die Schneeglöckchen durch die Nadeln hindurch wachsen. Sie binden im Sommer den Rittersporn und die Sonnenblumen auf, sobald sie dem Kleinkinderstadium entwachsen sind. Sie spritzen die Rosen am liebsten präventiv gegen alle möglichen Krankheiten und Schädlinge und sperren die reifenden Beeren ganz früh hinter ein Gitternetz. Als Schutz vor den Vögeln.

Sechs Monate im «Wintermantel»

Im Herbst hüllen sie alle heiklen Pflanzen spätestens Anfang November in wärmende Vliesdecken – auch wenn sie selber nie und nimmer ein halbes Jahr lang im dicken Norwegerpullover und mit einer Strickmütze auf dem Kopf leben möchten. Die Pessimisten rechnen immer mit einem Kälteeinbruch, mit Sturmwinden und meterhohen Schneemassen – und schauen entspannt zu, wenn ihre Nachbarn hektisch ihre Pflanzen vor solchen Wetterkapriolen zu schützen versuchen.

Die meisten Gartenbegeisterten vereinen wahrscheinlich Eigenschaften verschiedener Gartentypen in sich. Und das ist auch gut so. Wichtig ist doch, dass man seinen Garten als das erlebt, was er bei jedem ist: Ein kleines Stück lebendige Natur, ein Lebensraum, nicht nur für den Menschen.

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