FrontKulturÜber Abhängigkeiten nachdenken

Über Abhängigkeiten nachdenken

Das Vögele-Kulturzentrum setzt sich in seiner aktuellen Ausstellung aus allen denkbaren Blickwinkeln mit der Abhängigkeit auseinander.

Die spezielle Ausstellungsserie – jeweils die Mischung zwischen Kunstausstellung mit zeitgenössischen Werken und einer auf einem Begriff aus dem Alltag oder der Gesellschaftspolitik basierenden Schau – ist das Alleinstellungsmerkmal des Vögele-Kulturzentrums gleich beim Seedammcenter in Pfäffikon SZ.

Ausstellungsansicht. Foto: © Katharina Wernli

Diesmal wird untersucht, wie Abhängigkeiten funktionieren, wer von wem oder auch wovon abhängig ist, wie Abhängigkeiten das soziale Gefüge einer Gesellschaft prägen, aber auch, warum heute Unabhängigkeit als Traumziel gilt. Schon der Titel der Ausstellung ist eine Frage: Abhängig? Wer, wie, von wem oder wovon. Und den fünfzehn Essays im die Schau ergänzenden und vertiefenden Begleitbulletin ist immer eine Frage zum Thema vorangestellt, mal provozierend, mal philosophisch.

Wer sich die Zeit für den Gang durch die Schau nimmt, erlebt einerseits, wie bildende Künstler mit dem Begriff Abhängigkeit umgehen, andererseits entsteht ein Bewusstsein über die Abhängigkeiten von äusseren Umständen oder auch im Zusammenleben, begründet in wissenschaftlichen Beiträgen und erlebbar auf interaktiven Stationen, die das komplexe Thema spielerisch erschliessen.

Harry Hachmeister, Neverland, 2004, Zeichnungen,
© 2019 Harry Hachmeister, Pro Litteris, Zürich

Abhängig sein – ein weites Feld von Assoziationen öffnet sich: Sucht, beispielsweise, oder die ungleiche Paarbeziehung, oder auch das Wetter für Bauern oder Touristiker. Und erst recht die völlige Abhängigkeit eines Neugeborenen. Oder des Pflegebedürftigen am anderen Ende der Lebensskala. Die Ausstellung aber kann mehr, nämlich auf Abhängigkeiten hinweisen, an die man im Alltag überhaupt nicht mal denkt.

Zweimal gibt es das Modell der instabilen Platte, die nur durch gemeinsame Absprache in der Balance gehalten werden kann. Zum einen ist es das Video der Künstler Christoph und Wolfgang Lauenstein. In dem Animationsfilm Balance von1989 stehen fünf Figuren auf einer instabilen Platte. Wenn sie sich absprechen, bleiben sie oben, wenn nicht – beispielsweise weil wegen einer verschlossenen Kiste auf der Plattform Besitzgier und Neid aufkommen – stürzen sie ab. Am Ende bleibt einer übrig und die geheimnisvolle Kiste bleibt unerreichbar weit weg als zwingend notwendiger Gegenpol fürs Gleichgewicht. Die zweite Anordnung ist eine der interaktiven Stationen, nämlich der Tisch ohne Beine: Die Beine der Besucherinnen und Besucher, die sich drum herum setzen und das Blatt auf ihren Knien festhalten, sollen es so stabil halten, dass der darauf servierte Kaffee ohne Fussbad oder Schlimmeres wie bekleckerte Kleider getrunken werden kann. Ohne zumindest stumme Absprache gelingt das nicht.

Alan Wexker: Coffee Seeks Its Own Level, 1990. Installation. Courtesy Ronald Feldman Gallery, New York City

Noch viel anspruchsvoller ist das Kaffeetrinken mit kommunizierenden Gefässen, wie sie der amerikanische Künstler Allan Wexler 1990 erstmals aufgebaut hat. Frei nach dem Gesetz der Schwerkraft bewegt sich Flüssigkeit nach unten. Da sitzen vier Menschen am Tisch vor sich je eine Tasse Kaffee. Die Tassen sind durch Schläuche miteinander verbunden, Kaffee kann durchfliessen. Will einer einen Schluck nehmen, müssen alle anderen ihre Tasse gleichzeitig auf die gleiche Höhe heben, andernfalls leert sich die oberste Tasse statt in den Mund der Person gleich in die unterste der übrigen Tassen – Überschwemmung. Coffee Seeks Its Own Level (Kaffee sucht sich sein eigenes Niveau) demonstriert ein physikalisches Gesetz. Bei solchen Experimenten ist offensichtlich, wie Abhängigkeit geht.

Tonjaschja Adler: ABC der UnMöglichkeiten, 2019. Ausstellungsansicht, Foto: © Katharina Wernli

Unser Zusammenleben besteht aus einem Netzwerk von Abhängigkeiten, lebenswichtigen und prägenden, oder auch solchen, die wir uns selbst geschaffen oder auch eingebrockt haben. So erscheint in der zeitgenössischen Gesellschaft der Wunsch nach Unabhängigkeit erstrebenswert, Voraussetzung von Glück. Das suggerieren rundum Werbung, Politik und Medien. Die Ausstellung hinterfragt diese Sehnsüchte, die oft nichts als kommerzielle Verführung zum Konsum sind.

Ausstellungsansicht. Foto: © Katharina Wernli

An der Ausstellung arbeiteten die Kuratorinnen gemeinsam mit der F+F-Kunstschule in Zürich. Ein Jahr lang beschäftigten sich die Studierenden mit Abhängigkeit jeder nur erdenklichen Art. So stammen aus ihrem Ideenfundus nicht nur eine ganze Reihe von ungewöhnlichen Fragestellungen rund um Abhängigkeiten, sondern auch Kunstwerke, die extra für das Kulturzentrum erfunden und realisiert wurden – Massarbeit in bildender Kunst.

Einerseits bekommen junge Künstlerinnen und Künstler damit eine Plattform, die entschieden ausserhalb des üblichen eher hermetischen Kunstbetriebs steht, andererseits werden die Besucher, die sich aufgrund der Titelfrage angesprochen fühlen, mit aktuelle Positionen in der Kunst konfrontiert und angeregt, im Zusammenspiel der Objekte und der interaktiven Stationen über ihre eigenen Abhängigkeitsverhältnisse nachzudenken oder auch die Wünsche nach Freiheit und Unabhängigkeit zu hinterfragen.

Beitragsbild: Aus Christoph & Wolfgang Lauenstein: Balance. Animationsfilm, 1989
Das Bulletin zur Ausstellung kostet 7 Franken
Weitere Informationen zur Ausstellung Abhängig? sowie zu den Veranstaltungen

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