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Das Feuer der Ungewissheit

Ich möchte ein wenig träumen und fabulieren. Es ist noch nicht Advent und dennoch zünde ich eine Kerze an. Vor der Flamme möchte ich mich der Träumerei hingeben. Aber die Welt brennt. In Australien bedroht das Feuer die Stadt Sydney, in Sibirien und Kalifornien fackelt das Feuer Wiesen, Wälder und Häuser ab. Es brennt weit herum. Die Feuerwehren sind überall im Einsatz. Noch mehr zu denken gibt mir, dass der Welt ein falsches Feuer droht. Denn in den sozialen Medien flammt die Intoleranz. Alles sei subjektiv. Die Meinung triumphiert über die Sache. Das ist gefährlich und führt zu einem Flächenbrand. Denn gibt es keine Wahrheit mehr, brennt die Welt. Auch Tatsachen werden als Meinungen abgetan. Ich schreibe gerade diese Kolumne. Dies ist eine Tatsache. Träume ich vor der Kerze, berührt mich eine persönliche Wahrheit, die nur mich betrifft. Wird die Kolumne im Seniorweb öffentlich, sollte sie der Wahrheit genügen, darf aber, wenn Argumente nicht fehlen, bestritten werden. Neben der Kerzenflamme bewegt sich leise die Luft. Sie atmet bläulich und ich wärme meinen Blick an der Flamme.

Ist Träumerei erlaubt? Es ist gewiss, dass Menschen, die arbeiten, die der Leistung Priorität geben, die sich mit Natur- und Technikwissenschaften beschäftigen, irgendwann zur Kerze zurückkehren, in deren Flackern schauen, träumen und ihr Begehren entdecken. Die Flamme verzehrt den Docht. Das Wachs verschwindet, löst sich auf, die Kerze wird kleiner. Die Träumerei hat endlich begonnen. Ich sitze lässig da. Ich beschäftige mich mit dem Überflüssigen. Ich bereite mich spielerisch darauf vor, was ich als notwendig zu erachten habe. Ich lese bei Bachelard: «Wenn wir uns selbst zuwenden, wenden wir uns damit ab von der Wahrheit. Wenn wir innere Erfahrungen machen, widersprechen wir notwendigerweise der objektiven Erfahrung.» Das mag ja sein, denke ich. Aber, frage ich mich, erwacht beim Blick in die Flamme nicht auch der Selbstzweifel, der Zweifel an der eigenen Meinung? Jeder Zweifel beginnt mit dem Selbstzweifel. Wer nicht an sich selbst zweifelt, glaubt, er verfüge über die Wahrheit und ihm macht es nichts aus, dass andere möglicherweise daran verzweifeln könnten.

Ich freue mich auf den kalten Winter. Ich werde Holzscheite auf kleine Hölzchen legen, die wir als Kinder Spieggeli nannten, den Balg drücken und das Feuer entfachen. Die Flammen werden flackern, das Holz verzehren. Ich werde mich entspannt zurücklehnen. Jede Flamme züngelt anders über dem Scheit. Sie schiesst wie die Meinung hoch, ändert sich und verglüht. Fassen kann ich sie nicht. Es ist einfach so. Ich kann die Flammen nicht in eine bestimmte Form zwingen, so wenig wie die Flammen der Unwahrheit. Vor dem Feuer bin ich bloss Zuschauer. Und im Reich der fake news meistens auch. Betrachte ich meine Gedanken, die den Weg gehen, den sie wollen, handeln sie nach einem Gesetz des Denkens, dass es denkt in mir, wie es will. Ich lasse die Träumerei zu.

Bachelard regt meine Meditation an. Im Leben herrsche der Dualismus: «Das Feuer ist in uns und ausser uns, es ist unsichtbar und sichtbar, Geist und Rauch.» Dieser Gedanke am Ofen zu reflektieren, hilft mir, mich weiter zu entwickeln. Ich überlege mir, ob in meiner Zeit der politischen Arbeit der Rauch grösser gewesen sei als der Geist? Es gab das Internet noch nicht. Ich bin älter geworden, bin ein wartender, aber ein erwartender Mensch geblieben. Ich lebe im Sinne Ludwig Haslers «für ein Alter, das noch was vorhat». Die Flamme der Selbstreflexion brennt noch immer. Ich bin noch da, um ein Feuer zu entfachen. Und noch schöner ist, wenn Feuer in mir entfacht wird.

Bald ist Advent, die Zeit der Erwartung des Herrn ist angesagt, was immer auch heisst, etwas Grösseres wird kommen. Niemand wusste, was Jesus den Menschen bringen wird. Nur die Hirten und die Drei Könige an der Krippe ahnten, was die Geburt bedeutete. In meinem Haus ist vor zwei Monaten ein Knabe geboren worden. Eine Geburt ist ein neuer Anfang in der Welt. Ich werde für den kleinen Miro auch eine Kerze anzünden, und später werde ich Scheite in den Ofen legen, um darüber zu meditieren, was das Leben noch mit mir vorhaben könnte. Aber schon jetzt frage ich mich, ob ich im Leben getan habe, wofür ich gelebt haben möchte. Es möge mehr gewesen sein als Rauch.

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