FrontKulturHinreissend! Zauberhaft!

Hinreissend! Zauberhaft!

Das Verdi-Requiem in der Ballettversion von Christian Spuck mit seiner Zürcher Compagnie war das künstlerische Ereignis der Saison 2016/17. Nun folgte die Wiederaufnahme unter veränderten Vorzeichen – und man war erneut hin und weg.

Giuseppe Verdis Totenmesse als Gesamtkunstwerk mit Chor, Solisten, Ballett und Orchester? Wie immer, wenn es um vertanzte und bebilderte Umsetzungen eines Oratoriums geht, melden sich kritische Stimmen, welche die optische Ergänzung als unnötig oder störend empfinden. Bei der Visualisierung durch Christian Spuck sind die Kritikaster aber verstummt und das Resultat ist einhelliger Begeisterung gewichen. Der Ballettdirektor weiss um die Gefährdung, dem Messetext eine Geschichte zu überstülpen, die rasch larmoyant und kitschig würde. Nein, er wählt die reine Abstraktion von phänomenaler Vielfalt und schafft Visionen und Bilder von ätherischer Schönheit. Seine  zauberhafte Ästhetik wird zum höchsten Kunstgenuss.

Yen Han und Filipe Portugal in Verdis Messa da Requiem / Fotos © Gregory Batardon

Das Ballett Zürich steht im Zenit einer atemberaubenden Entwicklung, die höchstens mit der Truppe von Maurice Béjart in seinen Glanzzeiten zu vergleichen ist. Die seit 25 Jahren in Zürich tanzende US-Chinesin Yen Han, die nun noch gastiert, ist von einem anderen Stern. Ihre filigrane Anmut, die sphärische Eleganz und erschütternde Verlorenheit im Angesicht von Verdis letzten Fragen zu Tod, schuldhafter Verstrickung, Vergänglichkeit und Erlösung ist so packend, dass man um Worte ringt. Aber natürlich ist im gleichen Atemzug auch ihr phänomenaler Partner Filipe Portugal zu nennen. Auch die Solisten Giulia Tonelli und William Moore zählen nebst vielen weiteren hochgradig qualifizierten Tänzerinnen und Tänzern zu den herausragenden Ballett-Juwelen, welche Zürich derzeit zur ersten Tanzadresse machen.

Christian Spucks Gesamtkunstwerk als epochales Ereignis

Spuck wäre zweifellos auch ein erstklassiger Opernregisseur, denn wie er die Chormassen (Chor, Zusatzchor und Chorzuzüger, einstudiert von Ernst Raffelsberger) choreographisch in die Dramaturgie einbezieht, ist bewundernswert. Wann sieht man einen Chor je derart fesselnd und werkgetreu agieren? Je sparsamer, je prägender. Die Bilder bleiben mit Nachdruck haften.

Ballett Zürich, Chöre der Oper Zürich und die Solistin Giulia Tonelli im epochalen Ereignis

Dass dadurch die sängerische Präzision mit leichten Retardierungen etwas leiden mag, ist angesichts der räumlichen Dimension der nackten, grauschwarzen Bühne (Christian Schmidt) mit den meist im Dunkeln verharrenden Chorscharen nur marginal zu bemängeln. Vom Sängerquartett von 2016 ist nur noch Georg Zeppenfeld dabei, der mit seiner sonoren Bassschärfe ein betörendes Fundament beisteuert. Statt Stoyanova, Simeoni und Meli singen nun die Sopranistin Guanqun Yu, die Altistin Agnieska Rehlis und der Tenor Stephen Costello die Solopartien. Der Vergleich fällt aber nicht zu ihren Ungunsten aus. 

Die musikalische Entdeckung des Abends ist aber die junge amerikanische Dirigentin Karina Canellakis. Wie sie den grossen Orchesterapparat der Philharmonia Zürich mit den Chören und Solisten zusammenhält und mit glasklarer und inspirierender Zeichengebung auf Präzision und Dynamik setzt, ist von grosser Eindringlichkeit. Neun Vorstellungen sind anberaumt. Wer das Nachsehen hat, dem sei die Aufnahme unter Fabio Luisi empfohlen.

Weitere Vorstellungen: November 24, 29, Dezember 1, 7, 11, 14, 22, 29

Verdi: Messa da Requiem, als DVD oder Blue Ray erhältlich im Opernhaus Zürich (www.philharmonia-records.ch) oder im Handel.       

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