FrontKulturJunge Kunst und koloniales Erbe

Junge Kunst und koloniales Erbe

Die Demokratische Republik Kongo ist heute als Staat mit korrupter Regierung bekannt, aber berühmt ist das Land auch dank seiner lebendigen Kunstszene. Die Ausstellung «Fiktion Kongo» im Museum Rietberg stellt erstmals traditionellen Werken zeitgenössische Kunst gegenüber und zeigt, wie junge Kunstschaffende sich mit dem kolonialen Erbe auseinandersetzen.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind Objekte und Fotografien des Kunstethnologen Hans Himmelheber (1908-2003), die er 1938/39 von seiner Reise aus dem Kongo mitbrachte. Die farbigen Masken, Kraftfiguren und kunstvoll gestalteten Objekte zeugen vom ästhetisch bedeutungsvollen traditionellen Schaffen und werden teilweise erstmals öffentlich präsentiert. Das Museum Rietberg hat unlängst Himmelhebers fotografischen und schriftlichen Nachlass erhalten, der auch die gesellschaftlichen Umbrüche während der belgischen Kolonialzeit dokumentiert.

Chéri Samba, «Hommage aux anciens créateurs», 1999. Chéri Samba war beeindruckt von der grossen Anzahl alter Stücke aus dem Kongo, als er vor dreissig Jahren das Zürcher Völkerkundemuseum besuchte, und es war ihm unverständlich, warum der Sammler nie afrikanischen Boden betreten hatte. Foto: rv.

Um einen einseitigen westlichen Blick auf die Kunst des Kongos zu vermeiden, hat das Museum Rietberg verschiedene zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus dem Land eingeladen, sich mit der Sammlung von Hans Himmelheber, der kolonialen Geschichte, aber auch der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. In einem Artist-in-Residence-Programm konnten sie in Auftragsarbeiten ihre eigene Fiktion des Kongo kreieren. So sind Werke des Mitbegründers der Kunstbiennale in Lubumbashi Sammy Baloji sowie des jungen Schriftstellers und Künstlers Sinzo Aanza und David Shongo ausgestellt, auch Arbeiten der in Paris lebenden Künstlerin Michèle Magema sowie von Fiona Bobo, die in der Schweiz aufgewachsen ist. Insgesamt präsentiert die Ausstellung Arbeiten von vierzehn zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich formal oder inhaltlich auf traditionelle Kunst sowie auf ihr kulturelles Erbe beziehen.

Sinzo Aanza, «The Lord is Dead. Long Life to the Lord», Fotomontage und Installation zum kolonialen und missionarischen Erbe in Afrika. 2019, entstanden im Auftrag des Museums Rietberg. Foto: rv.

Die in sechs Kapiteln unterteilte Ausstellung beginnt mit der multimedialen Projektion Ankommen und Blickwechsel. Sie nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf die Reise, die Hans Himmelheber vor achtzig Jahren im Kongo unternahm. Sich in einer Hängematte tragen zu lassen, befremdet uns heute, war aber in der Kolonialzeit üblich. Die Tagebuchaufzeichnungen und Fotografien machen deutlich, wie beschwerlich das Reisen damals war.

Hans Himmelheber, «Reifenspuren» (oben), Kongo 1939*, und Raffia-Wickeltuch (unten) mit Pneu-Motiv, Kongo, 1. Hälfte 20. Jahrhundert, © Museum der Kulturen Basel, Foto: rv. Schon die traditionellen Handwerker liessen sich von Formen aus der Umwelt inspirieren und setzten sie spielerisch um.

Im Bereich Design und Eleganz sind prunkvoll gestaltete traditionelle Alltags- und Prestigegegenstände aus Holz, Glasperlen und Kaurischnecken ausgestellt. Besonders beeindruckend sind die über sechs Meter langen Tanzstoffe aus Raffia, deren abstrakte Formen und Muster Künstler wie Paul Klee, Pablo Picasso oder Henri Matisse inspirierten.

Luxuriöse Accessoires und elegante Auftritte sind seit der Kolonialzeit bei den modisch gekleideten Sapeurs beliebt. Der Sapeur, genannt nach dem französischen Begriff sape für Klamotten, ist ein auffällig elegant gekleideter Mann, dessen Auftreten in deutlichem Kontrast zu seinen Lebensumständen steht. Mitte der 1970er Jahren entwickelte sich aus dem Kongo-Gebiet eine Protestbewegung gegen die Politik der Machthaber. Das dandyhafte Auftreten zeigt die innere Freiheit gegenüber den äusseren Gegebenheiten und ist eine Form von Widerstand gegen die Armut.

Yves Sambu, «Sapeur in Kinshasa», 2018. Digitaldruck auf Aluminium ©Yves Sambu.

Die Abteilung Power und Politik zeigt die Wirkung und politische Dimension von traditionellen Figuren und Masken, auch von Geheimgesellschaften, die während der Kolonialzeit und Missionierung verboten wurden. Kraftfiguren, sogenannte nkisi, wurden durch magische Substanzen, Kräuter und Materialien aufgeladen und dienten zur Heilung von Krankheiten, aber auch als Zauber gegen Unglück oder böse Mächte.

Hilaire Balu Kuyangiko, «Nkisi numérique», 2017. Zeitgenössische Kraftfigur, hergestellt aus verschiedenen Materialien. Sammlung Nuno Crisostomo. Foto: rv.   

Der in Kinshasa lebende Künstler Hilaire Balu Kuyangiko transformiert selbst geschnitzte Kraftfiguren mit Elektroschrott und erschafft eine düstere Zukunftsvision des von Korruption und globaler Ausbeutung geprägten Kongo.

Für die Initiation treten farbenprächtige Maskengestalten auf, bei der sich Knaben während einer Zeit der Prüfungen und Beschneidung auf ihre zukünftige Rolle als Männer vorbereiten. In Performance und Initiation kommen lokale Schönheitsideale von Männlichkeit und Weiblichkeit zum Ausdruck, aber auch Erotik und Humor.

Das Kapitel Kunsterwerb und Forschung thematisiert die Finanzierung von Hans Himmelhebers Forschungsreise im Kongo, denn er war auf den Handel mit vor Ort erstandenen Objekten angewiesen. Die ethnologischen Museen in Basel und Genf gehörten zu seinen Abnehmern. Himmelhebers fünfzehntausend Fotografien sowie seine schriftlichen Dokumente geben nicht nur wertvolle Einblicke in die Herstellung und Verwendung der Artefakte, sie geben auch Rückschlüsse über die Bedingungen, unter denen er die Objekte kaufte und nach Europa transportierte. Die Künstlerin Michèle Magema sowie der Künstler David Shongo setzten sich mit Himmelhebers Fotografien auseinander und hinterfragen die Rolle der Fotografie im kolonialen Kongo.

David Shongo, «Bugs, aus der Serie Blackout Poetry, Idea’a Geneaology», 2019. Digitaldruck. Entstanden im Auftrag des Museums Rietberg.

Im letzten Bereich Meine Vision Kongo werden die einzelnen Fäden der Ausstellung nochmals zusammengeführt und kommentiert. In gefilmten Interviews kommen Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffende aus dem Kongo und der Diaspora in der Schweiz und Europa zu Wort. Sie regen zum Nachdenken über Fragen bezüglich kolonialer Sammlungen sowie zur Debatte der Rückgabe von Kulturgütern an.

Den Schlusspunkt setzt Monsengo Shula mit seiner populären Malerei von Satelliten, gekrönt von einer traditionellen Figur und umflogen von Afronauten in bunten Textilien. Der in Kinshasa lebende Künstler bezieht sich auf das ambitionierte kongolesische Weltraumprogramm der 1970er Jahre und malt sich eine neue Weltordnung aus mit Afrika als Mittelpunkt des Kosmos, ganz im Sinne der Vision von Patrice Lumumba, der als erster Ministerpräsident des 1960 unabhängig gewordenen Kongo gewählt, dann abgesetzt und ermordet wurde: Afrika wird seine eigene Geschichte schreiben und es wird nördlich und südlich der Sahara eine Geschichte des Ruhmes und der Würde sein.

Monsengo Shula, «Ata Ndele Mokili» (Tôt ou tard le monde changera), 2014. Acryl und Pailletten auf Leinwand, 130×200 cm, Sammlung Henri und Farida Seydoux.

Fotos: Museum Rietberg, Zürich.
*Foto: Hans Himmelheber, Kongo, 1939, SW-Negativ
© Museum Rietberg. Geschenk Erbengemeinschaft Hans Himmelheber.

Museum Rietberg, Zürich «Fiktion Kongo – Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart», bis 15. März 2020.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel