FrontKolumnenOhne Rituale ist das Leben flach

Ohne Rituale ist das Leben flach

Im Advent drängt es sich auf, über Rituale nachzudenken. Der Mensch verspürt in dieser Zeit den Wunsch, sein Haus aussen und innen mit Lichtern zu schmücken. Er erwartet, dass die Gemeinde die Strassen und Plätze des Dorfes weihnächtlich beleuchtet. Er spürt, dass etwas im Kommen ist. Lichtbänder, Sterne und Figuren wecken Erinnerungen. Ich war soeben in Strassburg. Noch nie bin ich bei hereinfallender Nacht durch Strassen gegangen, die so unterschiedlich leuchteten und strahlten. Jede Strasse rund um die Kathedrale faszinierte durch einen einfallsreichem Zauber von Lichtgebilden, der meine Seele poetisch und verspielt berührte. Die Strassburger lassen in jeder Strasse und Gasse rund um die Kathedrale ihren Stolz und ihre Lebensfreude aufleuchten. Es scheint ein spielerischer Wettbewerb zwischen den Strassenzügen und Quartieren zu herrschen. Ich erhielt den Eindruck, es gehe nicht um den Kommerz, sondern vielmehr um das Wiederbeleben einer Erfahrung, die auf das Bleibende hinführen möchte. Der Lichtzauber in jeder Gasse erschien wie ein Wettbewerb von Künstlern, die den alleinigen Zweck verfolgten, Stimmiges zu schaffen. Es fand zugleich ein nicht aufdringlicher Christkind-Markt statt.

In mir geschah etwas, auf das ich nicht vorbereitet war und das am besten mit Erinnerung oder Wiedererkennen ausgedrückt werden kann. Das Ritual, das mich einmal als Knabe gefangen nahm, war plötzlich gegenwärtig. Wie sollte ich das Erlebnis benennen? Es gründete in der Erfahrung, in der sich meine Kindheit abspielte. Sie gab mir den festen Halt. Das sonst so Flüchtige bekam einen Rahmen, in dem ich mich geborgen fühlte. Ich fragte mich, ob die Kinder von heute in der leeren Welt des fiktiven Scheins ihrer digitalen Welt auch noch durch grosse Erlebnisse und Rituale getragen werden? Mein Weihnachtsritual war verbunden mit Warten und Erwarten, mit Staunen und Hoffen, mit dem Leuchten des heimlich aufgebauten Christbaums in der schönen Stube und den spärlichen Geschenken, die in buntem Umschlag verborgen blieben. Dies alles wies auf ein Fest und eine Feier hin. Zuerst aber hiess es, die Mitternachtsmesse, in der Diabellis Orchestermesse erklang, zu besuchen. Im Jubel der Instrumente, der Solisten und des Chors war die Frage «Was bringt mir das Christkind wohl?» zwar nicht ganz zu verdrängen, sie war aber während der Höhepunkte der Messe vergessen.

Was geschah in mir beim Betrachten der leuchtenden Strassen von Strassburg? Und worin bestand das Wiederkennen früherer Rituale? Um mir selbst dies deutlich zu machen, las ich im Reclam-Büchlein von Hans-Georg Gadamer, das von der «Aktualität des Schönen» handelt: «Aber was ist Wiedererkennen? Wiederkennen ist nicht: etwas nochmals sehen. Wiedererkennungen sind nicht eine Serie von Begegnungen, sondern Wiedererkennen heisst: etwas als das, als was man es schon kennt, erkennen. … In der Wiedererkenntnis liegt immer, dass man jetzt eigentlicher erkennt, als man in der Augenblicksgefangenheit der Erstbegegnung vermochte. Wiedererkennen sieht das Bleibende aus dem Flüchtigen heraus.» Darum geht es. Im Augenblick, in dem ich durch die wunderbar verzierten Gassen schlenderte, blitzte das Bleibende, von dem ich als Kind noch nichts wusste, auf. Das Bleibende war dasjenige, das seit der Kindheit in mir ist und mir beim Staunen über die kunstvolle Beleuchtung bewusst wurde.

Nach diesem Erlebnis überwand ich einmal mehr die «Augenblicksgefangenheit» der Kindheit. Wieder zu Hause begann ich über die Situation zu reflektieren. Es wurde mir klar, dass ich Strassburg nicht hätte verlassen können, ohne am darauf folgenden Morgen die grossartige Kathedrale zu besuchen und im gotischen Bauwerk mit seiner inneren Erhabenheit, aber auch mit dessen Intimität und Strahlkraft zu verweilen. Ich erfuhr, dass Wiedererkennen nicht bloss ein Sehen ist, sondern das Wahrnehmen des Bleibenden. Hier ist einer der grossen Räume, die von der Geschichte geprägt sind. Sie werden zum Ort des Zeugnisses menschlichen Strebens. Als einen solchen Raum sehe ich die neugotische Kirche in meinem Dorf, die täglich vor meinem Auge steht. Ich erkenne im Blick auf sie das Bleibende einer kühnen Tat der Bauherren. Kultur sehen heisst, das Bleibende erkennen und die Ortlosigkeit des globalen Einerlei zu überwinden.

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