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Schreiben aus Mitgefühl

Erst am heutigen 10. Dezember wird in Stockholm der Literatur-Nobelpreis für das vergangene Jahr verliehen. Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk erhält ihn. Diese Entscheidung ehrt eine Autorin, die unter Literaturkennern schon lange hoch geschätzt wird.

Das Werk von Olga Tokarczuk ist umfangreich, auch wenn es bei uns noch wenig bekannt ist. Betrachten wir hier einen kleineren Roman Ur und andere Zeiten, der das gesamte 20. Jahrhundert vom ersten Weltkrieg an durchläuft. Märchenhafte Elemente verweben sich hier mit realistischem Erzählen. In keinem Moment verschliesst die Erzählerin die Augen vor den Brüchen und Katastrophen dieses Zeitraums.

Dem Geschehen des Romans nähern wir uns über seine Umgebung. Den fiktiven Ort Ur in Ostpolen bettet die Autorin in eine Landschaft ein, die sie von den vier Himmelsrichtungen aus beschreibt. Von den Bäumen, dem Hügel, den Wiesen führt uns Olga Tokarczuk zu den Bächen «Die Weisse» und die «Schwarze», die sich zu einem starken Fluss vereinen, der die Mühle von Ur antreibt – und nun sind wir bei den Protagonisten des Romans angelangt, ganz gewöhnlichen Menschen, mehreren Generationen einer Müllerfamilie, einem Freiherrn, der nach dem Sieg der Sowjets seinen Besitz verliert, sich jedoch zuvor schon im Kabbala-Spiel verloren hat; auch Aussenseiter leben in Ur und im Wald der ‹Böse Mann›, vor dem nicht alle gleichermassen Angst haben.

Landschaft prägt die Menschen

Dass die Himmelsrichtungen in Ur von den vier Erzengeln bewacht werden, darf uns nicht zu der Meinung verleiten, der Roman sei katholisch geprägt. Dem ist nicht so. Die Erzengel sind eher als mythische Wächter und Zeugen der Geschichte zu verstehen. Religiöse Bindungen haben eine Bedeutung, denn sie gehören zu dem, was einen Menschen ausmacht, aber Olga Tokarczuk gibt allen religiösen Richtungen Raum, auch den Juden, die bekanntlich jahrhundertelang in Polen und Osteuropa lebten.

Wir mögen fragen, was der Titel bedeutet.  «. . .und andere Zeiten» bezieht sich wohl auf die Untertitel. Die kurzen, übersichtlichen Kapitel benennen jeweils eine Person in einem Moment der laufenden Zeitfolge. Wer aber den polnischen Titel wortwörtlich übersetzt, erkennt, dass ‹Ur› sich auf Urgeschichte, auf die Wurzel des Menschen bezieht. Was im 20. Jahrhundert geschieht, ist in langer Geschichte gewachsen – seit Urzeiten.

Olga Tokarczuk baut ihre Romane auf zwei Ebenen: die Geschichte, insbesondere die Geschichte Polens, und die Landschaft, die Natur, in der die Romanfiguren leben und ihre Charaktere sich spiegeln. «Landschaft wirkt sich auf unser Denken aus», sagt sie in einem Interview. «Wer in einer ungewöhnlich schönen Landschaft lebt, tendiert dazu, die Dinge aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das trainiert unseren Geist auf ganz besondere Weise.» – Deshalb zieht sie sich zum Schreiben in ein abgeschiedenes Häuschen in den Karpaten zurück.

Geschichte als Urgrund eines Romans

Wie ein Psychoanalytiker versucht, den Grund seelischer Probleme zu erkunden, so sucht Tokarczuk, die ausgebildete Psychoanalytikerin, in ihrem Schreiben die historischen Wurzeln Polen zu erforschen. – Geschichtliches Denken zeigt die Verbindungen der Menschen über die Generationen hinweg. Und oft genug sind sie mit Schmerz verbunden, gerade in Polen, das in den letzten Jahrhunderten unter dem Machtgebaren seiner östlichen und westlichen Nachbarn zu leiden hatte. Diese Geschichte nimmt Tokarczuk besonders in den Jakobsbüchern auf, in denen sie bis in die Zeit des litauisch-polnischen Grossreiches zurückgeht, eine Darstellung, die zwar historisch korrekt ist, den gegenwärtigen Nationalisten Polens aber nicht genehm war. – Deshalb kritisierte die Regierung Tokarczuk zunächst, bis der Stolz über den Nobelpreis auch die Politiker zu positiven Äusserungen bewog.

Olga Tokarczuk auf der Frankfurter Buchmesse 2019   ©  Harald Krichel / commons.wikimedia.org

Der Autorin jedoch geht es um die Menschen und den Schmerz, der sich in solchen historischen Umwälzungen zeigt. «Mir ist es offensichtlich, dass Schmerz die ganze Welt beherrscht», erklärt sie. «Um zu verstehen, was um uns herum vorgeht, müssen wir den Schmerz und die Leiden erkennen. Gerade für das Schreiben ist das eine Grundvoraussetzung, denn man kann nicht wirklich über andere Menschen schreiben, wenn man nicht versteht, weshalb sie leiden. Das ist doch die Ebene, auf der wir am häufigsten kommunizieren – das ist Mitgefühl (compassion).»

Geboren 1962 im polnischen Sulechów studierte Olga Tokarczuk Psychologie in Warschau, heute lebt sie in Breslau. In literarischen Kreisen zählt sie schon seit Jahren zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Ihre Werke, bislang neun Romane und drei Erzählbände, wurden in 37 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur 2018 erhält sie «für ihre narrative Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht“. – Im letzten Jahr hatte ein Skandal im Stockholmer Komitee die Verleihung des Literaturnobelpreises verhindert. Die Medien berichteten darüber ausführlich. – Ebenfalls 2018 wurde Tokarczuk für ihr neuestes Werk Unrast der britische Man Booker International Prize verliehen.

Sechs polnische Nobelpreisträger für Literatur

Olga Tokarczuk ist die sechste Schriftstellerin aus Polen, die den Nobelpreis erhält. Hierzulande sind vor allem zwei Autoren bekannt: Hendryk Sienkiewicz, geboren 1846 und 1916 in Vevey VD gestorben, erhielt den Nobelpreis 1905. Er ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch Quo vadis bekannt, den Roman über Kaiser Nero und die frühen Christen in Rom, den wohl viele in ihrer Jugend mit Spannung gelesen haben. Sein Oeuvre umfasst viele Werke, die auf historischen Ereignissen fussen.

1978 erhielt Isaac Bashevis Singer (1902 – 1991), polnisch-amerikanischer Doppelbürger, den Nobelpreis. Er ist in Polen aufgewachsen, aber vor dem Einmarsch der Nazis nach Amerika ausgewandert. Sein Schreiben ist ganz in der jiddischen Tradition verwurzelt; er hat zahlreiche Bücher geschrieben, auch Kinderbücher. Yentl wurde mit Barbra Streisand verfilmt und in vielen Ländern bekannt.

OLGA TOKARCZUK:  Ur und andere Zeiten. (Originaltitel: Prawiek i inne czasy.) Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Roman. ca. 336 Seiten. Kampa Verlag 2019. ISBN 978 3 311 10018 8 | Auch als E-Book erhältlich

Im Kampa Verlag sind fast alle der auf Deutsch erschienenen Werke von Olga Tokarczuk erhältlich.

Zu den Umständen der Preisverleihung der Artikel von Dagmar Schifferli «Hinter den Kulissen»

Titelbild: Olga Tokarczuk   © Borys Nieśpielak / DeFacto / commons.wkimedia.org

2 Kommentare

  1. Danke, Maja, für die anschauliche Buchbesprechung, sie macht Lust das Buch zu lesen. Durch das Video am Schluss des Beitrags, lernt man die Autorin näher kennen.

    • Danke, Ruth. Olga Tokarczuk hat mich beeindruckt, weil sie nicht nur die Geschichte Polens erzählt, sondern in all ihrem Schreiben alle Aspekte des Lebens, seien es Menschen, Tiere, Natur, einbeziehen will.
      Sie spricht in ihrer Dankesrede an der Nobelpreisverleihung, die ich nur unvollständig mitbekommen habe, von der «4. Erzählebene», das bezieht sich vielleicht darauf, dass die unsichtbaren Beziehungen aller Lebensformen zusammen erzählt werden sollen. – Für mich ist sie eine sehr feinfühlige, aber auch bewusst reflektierende Schriftstellerin.

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