Kultur

Fliehen vor dem Tod

Der Filmemacher Hassan Fazili dokumentiert drei Jahre lang die Flucht seiner Familie von Afghanistan nach Europa und zeigt in «Midnight Traveler» ihr Leben aus dieser Perspektive.

Genau zur richtigen Zeit kommt «Midnight Traveler» in unsere Kinos! Zu Weihnachten und Neujahr, einer Zeit, in der Menschen oft innehalten und sich grundsätzliche Fragen stellen wie diese: Wie geht es unserer Erde? Wie leben wir Menschen? Vielleicht nehmen wir dabei, unsern Horizont erweiternd, die Millionen Menschen wahr, die weltweit auf der Flucht sind.

Der hier vorgestellte Film zeigt Auf-der-Flucht-Sein von innen, von den Fliehenden selbst erzählt, während drei Jahren mit drei Handys dokumentiert. Der Film ist jedoch, das seine Qualität, so gemacht, dass er nicht bloss die Flucht einer einzigen Familie schildert, sondern das Hier und Jetzt ihrer Flucht zum Immer und Überall aller Fliehenden vertieft.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit verweise ich hier auf einige Filme meiner Website (2018/19) zum Thema Flucht, welche dieses ausweiten und vertiefen können, so: «Los silencios», «Amin», «Capharnaum», «Melanies Chronik», «Malaria», «Transit» und «Eldorado».

Und weiter soll hier auf die weltweit berühmteste Flucht verwiesen werden: die zweitausend Jahre alte Erzählung der Bibel, in welcher Maria, die eben ihr Kind Jesus geboren hat, mit Josef vor König Herodes und seinen Schergen nach Ägypten flieht.

«Die Flucht nach Ägypten» von Vittore Carpaccio, um 1500

Eine Todesdrohung der Taliban treibt den afghanischen Regisseur Hassan Fazili und seine Frau Fatima Hussaini, ebenfalls Filmemacherin, im Jahr 2015 in die Flucht. Zusammen mit den beiden Töchtern Nargis (11) und Zahra (6) fliehen sie auf der Suche nach Sicherheit aus der Heimat ins ferne Europa. Das Ehepaar und auch die beiden Töchter filmen die mehrjährige Reise mit ihren Mobiltelefonen. Auf der Balkanroute, während langer und ungewisser Aufenthalte in verschiedenen Flüchtlingslagern, gibt es ihnen Kraft, ihre schwierige Situation fortwährend zu dokumentieren. Trotz Widrigkeiten und Rückschlägen verlieren die Eltern nie das Menschsein aus den Augen. Sie nehmen alle Entbehrungen auf sich und hoffen auf eine bessere Zukunft für ihre Töchter, die sich auf der langen Reise allmählich emanzipieren. Der Filmemacher sagt: «Wir hatten Glück. Aber die Umstände waren oft grauenhaft.» Sein Film lässt uns die beschwerliche Reise nachvollziehen.

Persönliche Zwischenbemerkung: Wenn ich über Filme schreibe, ergänze ich gerne meine persönlichen Eindrücke mit fremden Informationen, die weiterführen können. Und da mir sowohl Flucht als auch Bilder der Flucht fremd sind, beschränke ich mich nachfolgend ausschliesslich auf die Unterlagen der Betroffenen, die ich von trigon-film dankend übernehme.

Das tägliche Leben im Flüchtlingscamp

Statement des Regisseurs

Unter unseren Umständen war es nicht möglich, mit professionellen Kameras zu arbeiten. Alles, was wir hatten, waren drei Mobiltelefone. Allerdings waren die Telefone für meine ganze Familie einfach zu bedienen, sie waren klein und konnten schnell aufnahmebereit sein. So ermöglichten sie den Film. Meine Familie wurde aus unserem Land gerissen und durch äussere Kräfte in alle Richtungen geworfen, wie Blätter, die bei einem Sturm von einem Baum weggerissen werden. Als Vater bin ich müde von der Anstrengung, meine Familie vor Bedrohungen zu schützen, denen wir auf diesem Weg begegnet sind. Aber als Filmemacher reizen mich diese Wanderungen und Probleme, sodass wir alle zum Thema dieses Films wurden.

Dennoch kämpfte ich darum, den Film realistisch und spannend zu gestalten, denn manchmal bin ich Vater, manchmal Ehemann, manchmal Regisseur und manchmal spiele ich alle drei Rollen auf einmal. Und manchmal werde ich auch einer der Charaktere, denn wenn ich hinter der Kamera bin, bin ich gleichzeitig auch Teil der Szene. Meine Frau ist ebenfalls Filmemacherin, und meine ältere Tochter hat schon kleine Rollen in Filmen gespielt. Sie nehmen am Filmemachen teil und vermitteln ihre persönlichen Erfahrungen auf eine Weise, die ich selber nicht hätte festhalten können. Als Jugendlicher verlor ich eines meiner Augen, als ich in einer Maschinenmechanik Werkstatt arbeitete. Als ich einige Jahre später das Kino entdeckte, spürte ich, dass mein Sehvermögen wiederhergestellt war, und ich stiess auf eine neue Art, die Welt zu sehen. Aber mit diesem Film war es so: Je mehr Probleme meine Familie hatte und je mehr Schmerzen und Leiden meine Augen sahen, desto besser wurde der Film – und ich wusste nicht, was meine Verantwortung in diesem Moment war: Vater oder Regisseur?

Schliesslich war dieser Film nur möglich durch die harte Arbeit und die Erfahrung der anderen Teammitglieder. Emelie (Produktion) war von Anfang an dabei, und ich spürte, dass sie uns sehr nahe stand, obwohl wir erst in Serbien zum ersten Mal in Person zusammenarbeiteten. Sie war sehr sensibel und umsichtig mit den Details des Films. Mit vielen hundert Stunden Filmmaterial war ich nervös, wie man aus so viel Material eine schöne Handlung kreiert. Emelie schickte mir Szenen, und obwohl ich immer noch Probleme hatte, weil ich in einem Lager mit schlechtem Internet unter schlechten Bedingungen lebte, diskutierten wir die Kürzungen. Als ich die Bearbeitungen sah, hatte ich immer das Gefühl, dass sie die besten Entscheidungen traf, was sie im Film lassen sollte und was nicht. Sie hat unsere Geschichte wunderschön geschrieben, und sie gab mir immer gute Ratschläge für die Regie. Emelie stellte uns auch Su (Produktion) vor. Wir waren froh, dass Su zugestimmt hat, den Film mit Emelie zu produzieren.

Su bringt umfangreiche Berufserfahrung in das Projekt ein und stellt sicher, dass wir die besten Entscheidungen über die Finanzierung, Produktion, Fertigstellung und Veröffentlichung des Films getroffen haben. Sie arrangierte auch für sich selbst, Emelie, Dan, Gretchen (Musik) und Kristina, nach Deutschland zu kommen, um mit mir zu arbeiten. Auf diese Weise wurden die Endmontage, das Sounddesign und die Musik zu mir gebracht, da ich selbst nicht ausreisen konnte. Der Ton und die Musik waren in diesem Film besonders wichtig, denn wir konnten die Geräusche nur mit unseren Handys aufzeichnen und es bereitete viel Arbeit, aufbauend auf den von uns aufgezeichneten Tönen den Sound zu entwickeln. Als ich den ersten Rohschnitt des Films hörte, in dem Musik von Gretchen enthalten war, spürte ich, dass dies eine Person war, die uns gut kannte. Dan (Ton) korrigierte und baute den Ton des Films nach. Gretchen hörte mir zu, wie ich über jede einzelne Szene erzählte, und so spürte ich, dass sie meine Gedanken gut kannte. Ohne den Ton und die Musik war der Film wie eine rohe Frucht, aber durch die Ergänzung ihrer Arbeit wird er lebendig. Wenn ich den Film im Endformat sehe, habe ich das Gefühl, dass diejenigen, die die Arbeit an der Musik und dem Sound geleistet haben, mit uns auf der Reise waren und die Gefühle der Charaktere auf die Zuschauenden übertragen konnten.

Wie schmeckt wohl Geborgenheit in Zelten und Baracken?

Biofilmografie von Hassan Fazili

Hassan Fazili entwickelte in Afghanistan Theaterstücke, Dokumentarfilme, Kurzfilme und mehrere beliebte Fernsehserien. Im Jahr 2011 wurde er vom British Council ausgewählt, um am Sheffield/DocFest teilzunehmen. Seine Filme «Mr. Fazili’s Wife» und «Life Again!» handelten von Frauen-, Kinder- und Behindertenrechten in Afghanistan und wurden an zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnet. Er arbeitete als Location Manager für den Film «Feo Aladag’s In Between Worlds», der an der Berlinale 2014 Premiere feierte, sowie als Camera Operator bei Voice of a Nation für «My Journey Through Afghanistan». Sein Dokumentarfilm «Peace in Afghanistan», der für das nationale Fernsehen produziert wurde, zeichnete das Porträt des talibanischen Kommandanten Mullah Tur Jan, der die Waffen für ein friedliches ziviles Leben niederlegte. «Midnight Traveler» wurde 2019 ans Sundance Film Festival eingeladen und erhielt dort den World Cinema Documentary Special Jury Award; anschliessend kam er an die Berlinale und erhielt im Panorama eine Lobende Erwähnung der Friedensfilmpreis-Jury und einen Publikumspreis; weiter lief er in Nyon am Festival Visions du réel und erhielt den Prix du Public.

Titelbild: Hassan filmt seine Frau Fatima und die Töchter Nargis und Zahra

Zur Entstehung des Films «Midnight Traveler« von Hassan Fazili, PDF

Regie: Hassan Fazili, Produktion: 2019, Länge: 87 min, Verleih: trigon-fil


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