FrontKulturTschechow in der Luxusklinik

Tschechow in der Luxusklinik

Verlorene Seelen auf dem Heilungstrip mit viel Partystimmung: Die litauisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross katapultiert am Zürcher Schauspielhaus als Einstand den „Kirschgarten“ von Anton Tschechow in unsere Zeit einer desillusionierten Gesellschaft.

Jahrelang hat die Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja in Paris ihr Geld zum Fenster rausgeworfen und Schuldenberge angehäuft. Nun soll der Kirschgarten, seit Generationen im Besitz der Familie, versteigert werden. Der Unternehmer Lopachin schlägt zur Rettung des Guts vor, den Kirschgarten abzuholzen und profitable Ferienwohnungen zu errichten. Doch die Schuldner wollen davon nichts wissen, bis der Tag der Wahrheit unmittelbar bevorsteht und die alte Heimat in Gefahr gerät, verloren zu gehen. „Es ist kein Drama geworden, sondern eine Komödie, stellenweise sogar eine Farce“. So verteidigte Anton Tschechow seinen Kirschgarten stets gegenüber all jenen, die darin einen wehmütigen Abgesang auf die alte Tradition sahen. Tatsächlich beschreibt er voll heiterer Ironie eine Gesellschaft im Übergang, in der das Altvertraute sich verflüssigt und die Umrisse einer neuen Welt sichtbar werden.

Eine völlig durchgedrehte Ljuba

Regisseurin Yana Ross verlegt das Stück in die Schweiz, in eine Luxusklinik nahe am Kirschgarten. Hier soll die psychisch kranke Ljuba, wie die Gutsbesitzerin in der Zürcher Inszenierung heisst, bis zum Tag der Versteigerung therapiert werden, nichts ahnend, dass der Kirschgarten längst an Heinz (bei Tschechow Geschäftsmann Lopachin), einem der Familie vertrauten Bauernsohn, verkauft worden ist. Als völlig durchgedrehte und verjüngte Partygöre, mit Kopfhörern an den Ohren und in zerschlitzten Hosen, kommt sie im Familiengut an, als desillusionierte Gutsbesitzerin verlässt sie die verlorene Heimat wieder Richtung Paris.

Heimatlos und frei von Adelsdünkel: Danuta Stenka als Ljuba. 

Dazwischen wird viel palavert, werden die Psychotiefen der Figuren mannigfach ausgelotet. Ausgebreitet wird ein Netz an Lügen, Verletzungen und Eitelkeiten. Zwischendurch werden per Video auf Grossleinwand Therapiesitzungen mit einzelnen Figuren gezeigt, in der kniffelige Fragen wie der Umgang mit der Trauer oder das Verhältnis zu Männern, zur Mutter beantwortet werden. Grossartig, wie die Figuren ihre teils zögerlichen Antworten mimisch untermalen. Geboten wird auch eine Gruppentherapie, in der die achtköpfige Familie im Halbkreis sitzend von Dr. Fins (bei Tschechow Diener Fins, grandios gespielt von Gottfried Breitfuss) nach ihrer Befindlichkeit befragt werden und die in einen veritablen Streit ausartet. Babs, die Adoptivtochter von Ljuba, offenbart eine Liebesaffäre der Mutter mit dem Freund der Tochter Anja, dem Studenten Peter, was in einer chaotischen Schlägerei endet. Und ein aus Langeweile inszeniertes Apfelspiel, in dem ein Apfel zwischen zwei Stirnen balanciert wird, artet in eine regelrechte Apfelschlacht aus. Die Äpfel werden an eine an das jahrhundertalte Familiengut erinnernde Steinwand aus Gotthard-Granit geschmissen.

Die neue Welt ist bereits angekommen

Gespielt wird in den Räumen einer Luxusklinik mit Sitzbänken, Pool, in dem sich Ljuba mit einem neuen Lover vergnügt, Fachwerk-Balken, Steinwand, Grossleinwand und herausfahrbarer Glasbox (Bühnenbild: Justyna Elminowska). Yana Ross weicht nicht nur bei der Namensnennung der Figuren von Tschechows Original ab, sondern katapultiert den Bühnenklassiker ins Heute und in hiesige Gefilde. Die Darsteller agieren mehrsprachig (deutsch, englisch und polnisch), Seelennöte werden in Gruppensitzungen auseinandergenommen, die Hauptperson Ljuba präsentiert sich als Heimatlose und frei von Adelsdünkel. Die neue Welt ist bereits angekommen, das ruinöse Familiengut mit dem blühenden Kirschgarten spielt nur noch eine Nebenrolle. Vielmehr herrschen abwechselnd Partylaune und Langeweile als Abbild einer desillusionierten Gesellschaft.

Partystimmung in der Klinik (v.l.): Michael Neuenschwander, Wiebke Mollenhauer, Danula Stenka, Gottfried Breitfuss, Milian Zerzawy, Lena Schwarz.

Das heterogen zusammengesetzte Ensemble zeigt eine reife Leistung. Allen voran die polnische Schauspielerin Danuta Stenka, die die Hauptperson Ljuba schlicht grossartig als abgetakeltes Wrack interpretiert, zuerst völlig zugedröhnt und entrückt, dann depressiv und gelangweilt, im Schlepptau immer den tödlich verunglückten Sohn Gregi als allgegenwärtiges Gespenst (Vincent Basse), an dessen Tod sie eine Mitschuld trägt. Auch die beiden weiteren Frauen gefallen durch beherzten Auftritt: Wiebke Mollenhauer als beschwingte Tochter Anja, die im Glaskasten verzweifelt um die Liebe der Mutter bettelt, und Lena Schwarz als Adoptivtochter Babs, die nervös agierend um Anerkennung in der Familie ringt. Michael Neuenschwander verkörpert den Schwager Leo (bei Tschechow der Bruder) als gescheiterten Lebemann sehr ambivalent und Thomas Wodianka gibt den wortkargen und geschäftstüchtigen Bauernsohn Heinz selbstbewusst und kaltschnäuzig.

Guckspiel aus der Glasbox: rechts Milian Zerzawy als Lover von Ljuba. Fotos: Zoé Obry

Die fast dreistündige Aufführung ist über weite Strecken ein gelungenes Wagnis, eine Welt verlorener Seelen in heutiger Zeit zu zeigen. Mit clownesken Zügen wird Therapie im Unbewussten betrieben, ohne dass wahre Heilung resultiert. Das Krankheitsbild bleibt diffus. Dafür gabs am Premierenabend reichlich Applaus.

Weitere Spieldaten: 16., 18., 21. Dezember, 7., 14., 16., 19., 22., 24., 25., 30. Januar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel