FrontKolumnenEine schöne Geschichte

Eine schöne Geschichte

Ja, das ist eine schöne Geschichte, sagt man leicht ironisch, was so viel besagt, man hätte eigentlich gerne das Gegenteil gehört. Ein Arzt aus der Innerschweiz erzählte am Fernsehen, wie ihn ein Gauner um eine halbe Million betrogen habe. Der Betrüger hatte sich eine Geschichte ausgedacht, um den Arzt an die Angel zu kriegen. Er versprach ihm, spielend viel Geld zu verdienen. Worauf der Arzt auf Probe einige Tausend Franken riskierte. Siehe da, der versprochene Gewinn wurde ihm sehr säuberlich gutgeschrieben. Sein Konto wuchs. «Wenn Geld so leicht verdient wird, warum soll ich nicht noch mehr gewinnen?», dachte sich der Doktor. Er wagte höhere Einsätze und wieder vermehrte sich das Geld auf überraschende Weise. Das Märchen vom Sterntalermädchen schien sich zu erfüllen. So ging es weiter, bis der inzwischen geldgierig gewordene Arzt den grossen Coup zu landen wagte, und flugs war die halbe Million weg. Diese Geschichte im Fernsehen, mit verdecktem Gesicht und veränderter Sprache vorgetragen, enthielt eine derart dramatische Erzählstruktur, dass eine Autorin oder ein Autor nur noch einen Mord hätte erfinden müssen und der Kriminalroman wäre perfekt gewesen.

Wer Romane liest, begegnet solchen Geschichten in tausendfachen Variationen und warnt vor Versuchungen der geschilderten Art. Nun, dieser Arzt hat wahrscheinlich gar keine Zeit, Romane zu lesen. Das wäre verlorene Zeit. In Romanen werden alle möglichen Kniffs und Pfiffs des Lebens geschildert. Meist stützt sich der Strang der Geschichte auf eine wahre Begebenheit. Vielleicht wäre der Arzt als Leser hellhörig geworden und hätte den steigenden Kontostand etwas genauer diagnostiziert. Inzwischen warnt die Polizei schon wieder vor neuen Tricks, in der sogar die Nummer 117 ins Spiel gebracht wird. Die alte Frau, die ein kleines Vermögen besass, sollte nach einem Rat der Gauner die Nummer 117 anrufen. Dort werde ihr bestätigt, dass die Forderung der (falschen) Polizei gerechtfertigt sei. Der Anruf, umgeleitet auf die Nummer des Gauners, gab ihr recht. Die vermeintliche Polizei forderte die Frau auf, das verlangte Geld auf der Bank abzuheben.

Ein Arzt ist meist ein guter Diagnostiker. Er kann eingebildete Krankheiten von echten unterscheiden. Er weiss, wenn ein Patient unter Phantomschmerzen leidet oder wenn er wirklich erkrankt ist. Wenn es aber um Geld geht, ist es auch ihm nicht so leicht, den eigenen Phantomschmerz zu durchschauen. Dieser wird da von einer seltsamen Gier überlagert. Wenn heute alle Welt davon spricht, dass mit Aktien und besonderen Anlagen das grosse Geld gemacht werde und nicht mit Arbeit, liegt die Versuchung nahe, dass einer, der schon viel hat, in den Sog gerät, noch mehr besitzen zu wollen. Und eben diese Gier verhindert die genaue Analyse und die Selbstdiagnose. Im Stethoskop vermischen sich Pulsschläge und Herztöne leicht mit dem Klingeln der Münzen und dem Rascheln der Noten.

Vor Geldgier warnten schon die Sagen des Altertums. König Midas hatte den jugendlichen Begleiter des Dionysos vor dem Gespött des Volkes bewahrt. Dionysos, der Gott der Reben, versprach ihm, deshalb einen Wunsch zu erfüllen. Midas sprach: «Erhabener Gott, wenn ich wünschen darf, verwandle alles, was ich berühre in Gold.» So geschah es. Das Brot wurde zum Goldklumpen, das Wasser verwandelte sich in flüssiges Gold und auch alles andere, was Midas berührte, wurde zu edlem Metall. Nun wusste er, dass ihn seine Gier das Leben kostete.

Eine Geschichte der Gier muss ja nicht gerade tödlich enden, aber sie verdirbt das Leben. Wie sollte der Arzt sich jemals vom Vorwurf seiner Torheit und von der Selbstanklage, dass er die grösste Dummheit des Lebens gemacht hatte, befreien können. In diesem Sinne äusserte er sich schuldbewusst am Fernsehen. Was hätte es ihm gedient, wenn er seine halbe Million tatsächlich hätte verdoppeln können? Wäre er dann ein besserer, ein menschlicher Arzt geworden? Ja, das ist eine schöne Geschichte! Gut, dass der Arzt den Mut hatte, sie öffentlich zu machen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel