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Macht Scham Sinn?

Das diesjährige Fachsymposium Gesundheit widmete sich den ‹Heiklen Themen und Tabus› in der Pflege. Einige Aspekte waren jedoch auch über den Kreis der Pflegefachpersonen hinaus höchst interessant. So beispielsweise der Vortrag von Daniel Hell, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Meilen ZH.

Das Symposium, wie immer organisiert und durchgeführt vom Kantonsspital St. Gallen, vermochte am 22. und 23. Januar 2020 rund 600 Interessierte aus Pflege und Medizin in die Olma-Hallen zu locken. Ausgewiesene Expertinnen und Experten referierten zu aktuellen Themen wie Tabus in der Urologie, Stigmatisierung bei Adipositas, Suizidalität in Gesundheitsorganisationen oder Gewalt gegen das Pflegepersonal. Mit seinem Vortrag ‹Im Boden versinken – Über Peinlichkeit und Scham› beleuchtete Daniel Hell Aspekte, die auch für ein breiteres Publikum von Interesse sind.

Schäm dich! Eine Aufforderung, zu der Eltern auch heutzutage noch gerne greifen, um den Nachwuchs in die richtigen Bahnen zu lenken. Die Demütigung wirkt, und zwar oft lange über den Moment hinaus. Selbst im Erwachsenenalter können wir uns noch an die eine oder andere Situation erinnern, die uns vor Scham erröten liess, so dass wir am liebsten im Boden versunken wären. Allerdings ist die Fähigkeit, sich zu schämen, nicht von Geburt an vorhanden, sondern an die kognitive Entwicklung des Kindes gekoppelt. Das Schamgefühl, so Daniel Hell, entsteht im dritten oder vierten Lebensjahr, also dann, wenn der junge Mensch fähig wird, eigene Unzulänglichkeiten in Bezug auf bestimmte Wertmassstäbe und Regeln wahrzunehmen. Voraussetzung für diese Emotion ist anfänglich noch, dass eine als beschämend empfundene Situation in Anwesenheit anderer Personen geschieht. Sich vor sich selbst zu schämen ohne so genannte Schamzeugen ist erst später, etwa ab dem Eintritt in die Primarschule, möglich.

Scham offenbart Verletzlichkeit

Ein Schreck durchfährt uns, wenn wir uns schämen. Hell spricht auch von einer ‹Entschleierung›. Wir fühlen uns blossgestellt, vor uns selbst und mitunter auch vor einem anderen Menschen. Das Gefühl der Scham brennt, weil es einen inneren Bruch mit dem ‹Selbst› bewirkt und damit gewissermassen einen Verrat an den eigenen Idealen bewusst macht. Im Zustand der Scham erröten wir, senken den Blick, möchten am liebsten der Situation sofort entkommen. Erst im Nachhinein sind wir fähig für Selbstkritik und Selbstkorrektur. Sozusagen verwandt mit der Scham ist die Peinlichkeit, die eine abgeschwächte Form desselben Gefühls darstellt.

Scham als Türhüterin unseres Selbst

Auf den ersten Blick erscheinen schamhafte Emotionen daher als unangenehm, so dass wir gerne auf sie verzichten würden. Dennoch hat Scham auch etwas Gutes. Sie schützt uns. Unser Schamgefühl bewahrt uns davor, Dinge zu tun oder zu sagen, die uns im Moment als angemessen erscheinen, sich im Nachhinein jedoch als nicht vereinbar mit unseren Grundwerten erweisen würden. Es ist deshalb ein sinnvolles Regulativ, oder, wie es Daniel Hell formulierte, die Türhüterin unseres Selbst, eine Aufsicht, die die Grenzen unserer Intimität schützt – und die Grenzen unserer Mitmenschen. Grenzen einzuhalten sichert denn auch den Verbleib in der Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt.

Was hilft, was schadet?

Wir sollten also die Scham aus unserem Leben nicht verbannen, denn sie warnt uns vor seelischen Verletzungen. Falls sich ein Schamgefühl eingestellt hat, beispielsweise nachdem die Partnerschaft in Brüche gegangen ist, sei es hilfreich, das Schamgefühl in einem bestimmten Mass zuzulassen, denn die Scham bereite noch zusätzliche Probleme, wenn sie abgewehrt werde. Sich vom Schamgefühl vollständig bestimmen zu lassen, sei jedoch auch problematisch, denn bei einer übergrossen Scham, so Held, bestehe nachweislich die Gefahr, dass der betroffene Mensch eine Depression entwickle.

 

Weiterführende Literatur:
Daniel Hell: Lob der Scham – Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Psychosozial-Verlag, Giessen 2019

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