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Die vorgegaukelte Einsamkeit

Ausgehend von einer wahren Geschichte, entwickelt ein internationales Künstlerteam um Regisseur Giacomo Veronesi mit «Solitude» ein Stück zum Thema Einsamkeit in der «Box» des Luzerner Theaters.

Ein junger Mann verlässt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, für einen Aufenthalt in Brasilien. Auf Facebook verfolgt sein Freundeskreis, wie sich sein Leben dort entwickelt: Er hat neue Freunde, feiert aufregende Partys, schwimmt an eindrucksvollen Stränden und wird erfolgreich selbstunternehmerisch tätig. Seine Posts vermitteln das Bild eines Lebens, wie es sich viele junge Westeuropäer erträumen. Zehn Jahre später jedoch entdecken seine Jugendfreunde, dass er sein Dorf und sein Elternhaus über die ganzen Jahre hinweg nie verlassen hat.

Der italienische Regisseur Giacomo Veronesi entwickelt, ausgehend von realen Begebenheiten, eine Arbeit über die Erwartungen an junge Menschen in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Vier Kunstschaffende aus verschiedenen Disziplinen untersuchen das Phänomen der Isolation und ihre Konsequenzen sowohl für den Isolierten als auch für seine ihm ehemals nahestehenden Mitmenschen.


André Willmund zwischen den Brettern im Untergrund

Wie man dieses Thema auf der Bühne umsetzt, verblüfft. Ein Stahlgerüst steht auf 19 leicht verschobenen Holzbrettern. Eine Frau und zwei Männer umarmen sich in der Mitte. Hat das Stück bereits begonnen, bevor die Zuschauer Platz genommen haben? Spärliches Licht leuchtet die Szene aus. Dann verschieben sich die Personen in die Ecken.

Unerwartet wird ein Holzbrett zur Seite geschoben: Camilla Parini taucht aus dem Untergrund auf. Schauspieler André Willmund spricht aus der Ecke: «Du bist die Summe deiner Freunde! Die Liebe deiner Freunde ist die Liebe zu dir selbst. Du brauchst die sozialen Medien, damit auch die Freunde, die weit weg wohnen, immer ganz nahe sind.»

Er erzählt die Geschichten von seinen Freunden A, B, G und F. aus der Gymnasiumszeit 2008. Er sei immer der Ehrgeizige gewesen. B wollte Schauspieler, G Anwalt und F Metzger werden. So musste er nach Südamerika aufbrechen, wo er viele schöne Dinge erlebte. Die Bilder veröffentlichte er auf Facebook und alle glauben ihm.

Es entsteht ein Abend zwischen Performance, Tanz und Theater zum Thema Alleinsein. «Einsamkeit kann passiv negativ erlebt werden, sie kann Verzweiflung und Ausgeschlossenheit bedeuten,» steht im Programmheft

Es wird Lars Svendsen zitiert: «Wir leben in einer Zeit, in der die meisten von uns kaum noch auf sich allein gestellt sind, in der Telefongespräche, Textnachrichten Twitter, Facebook und Skype dafür sorgen, dass wir chronisch mit anderen interagieren. Wir haben seltener Zugang zur Einsamkeit als früher, vor allem weil wir uns entschieden haben, den Raum, in dem Einsamkeit existieren könnte, mit Gesellschaft zu füllen.»

In Bilder und Aktionen auf der Bühne umgesetzt, kann sich jeder eine Interpretation zurecht legen, wenn sich die Tänzerin mit einem riesigen Glas Honig, das fast leer ist, beschäftigt. Und wenn Sammy van den Heuvel wie Batmann sehr lange Zeit kopfüber am Holzbrett hängt (eine artistische Leistung) und wenn André Willmund in silbernen Unterhosen und gelbem Sakko über dem nackten Bauch Monologe hält.

Eher heiter wirkt die Szene, wenn die Tänzerin Parini im Taucheranzug Dosenbier aus den Tiefen holt und sie sich zuprosten.

Fotos: Ingo Hoehn

Weitere Vorstellungen:

  1. Januar, 1., 7., 12, Februar

17., 19.- 24., 26.- 28.- 30. April 2020 jeweils 20 Uhr in der «Box» vor dem Luzerner Theater

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