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Irritierender Bilderreigen

Ein Mensch verliert sein Gedächtnis: Alexander Giesch inszeniert auf der Pfauenbühne des Schauspielhauses Zürich Max Frischs Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“.

Herr Geiser ist beunruhigt. Im Tessin regnet es seit Wochen. Was, wenn der Berg ins Rutschen kommt und sein Haus, das Dorf, das ganze Tal verschüttet für alle Zeit? Er sieht seine selbstgewählte Einsamkeit in Gefahr, beginnt zu sammeln: Wissen, das nicht verloren gehen darf, Daten und Fakten. So will er Ordnung schaffen, gegen das natürliche Chaos ankämpfen, das sich ausbreitet. Um ihn herum, aber auch in seinem Kopf, wo sich die Anzeichen einer Demenz mehren.

Ein sperriger, karger Text

Herr Geiser ist der Protagonist aus Max Frischs Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ aus dem Jahr 1979. Es ist ein sperriger und vor allem sehr karger Text, eine Parabel über den Verfall des menschlichen Lebens durch den Verlust des Gedächtnisses. Ist das ein Text für die Bühne? Regisseur Alexander Giesche macht die in sich gekehrte Erzählung zu einem bilderreichen Bühnenereignis mit stupend eingesetzter Musik und diffusen, teils poetischen Bilderwelten.

Die Erzähler Karin Pfamatter und Maximilian Reichert im Nebelmeer. 

Im Foyer der Pfauenbühne werden die Besucher und Besucherinnen aus Lautsprechern in das Tessiner Bergtal eingestimmt, beim Eintritt in den Saal liefern sich die beiden Protagonisten (Karin Pfamatter und Maximilian Reichert) auf der Bühne auf motorisierten Rollstühlen ein Wettrennen. Der Vorhang schliesst sich, mit grossen, flackernden Lettern werden Stück und Autor angekündigt. Der Vorhang geht hoch, wie in einer geisterhaften Zwischenwelt packen die beiden Protagonisten einen Gesteinsbrocken mit einem schwarzen Band ein. „Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht“, resümiert der Erzähler, der von aussen her die Position Geisers einnimmt.

Irritierende Gegenstände

Als ein „Visual Poem“ beschreibt Giesche seine Inszenierung. Eine poetische Bühnenlandschaft sucht man vergeblich, dafür werden irritierende Gegenstände (Spitalbett, Windmaschine, Rollstühle, Digitalmaschine, die dreidimensionale Gegenstände in die Luft zaubern kann) auf die karge Bühne geschoben, hüpfen spielende Kinder umher, blitzlichtet und donnert es gewaltig, laufen über ein wellendes Schriftband interpretatorische Interventionen, ziehen künstliche Nebelschwaden hoch, prasselt und plätschert minutenlang eine Regenwand, stolziert ein Dinosaurier über die Bühne. Dazwischen wird bruchstückhaft Geisers Schicksal erzählt, der der Welt ganz leise abhandenkommt. Auch sein gescheiterter Versuch, über den Berg auszureissen, wird szenisch kommentiert. Zum Schluss sind alle Gegenstände nutzlos geworden, werden nochmals auf die Bühne gekarrt und die ganze Bühne mit einer Silberfolie abgedeckt (Bühnenbild: Nadja Fistarol).

Versuch, über den Berg auszureissen (im Bild Maximilian Reichert). Fotos: Zoé Aubry.

Es gibt in der Inszenierung durchaus poetische Momente, sinnige Bilder, die gefallen, die die Kraft der Natur einfühlsam illustrieren und apokalyptische Untergangsstimmung erahnen lassen. Grossartig, wie die beiden Protagonisten hinter und unter dem prasselnden Regen schweigend verharren oder sich durch dichten Nebel nach vorne kämpfen oder im lärmenden Windgebläse Wortfetzen der Erzählung hinausschreien. Berührend auch die Szene fast am Ende, wo die beiden Protagonisten auf einem kreisenden Baumstamm sitzend sich einander nähern, sie, vergesslich und kraftlos, mühsam seine Worte nachspricht. Karin Pfamatter und Maximilian Reichert ergänzen sich in der Rolle der Erzählenden, sie zurückhaltend und mehr schweigsam, er lebhaft und beherzt, liefern ein durchwegs konträres Bild von Geisers Verfall.

Alles in allem, Giesches Bühnenadaption von „Der Mensch erscheint im Holozän“ hinterlässt einen eher zwiespältigen Eindruck. Seine Inszenierung, die Erzählung in einen kontemplativen, zugleich spannungsgeladenen Bilderreigen zu verpacken, ist nur ansatzweise gelungen.

Weitere Spieldaten: 27., 31. Januar, 2., 4., 7., 12., 15., 24. Februar, 1., 23. März

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