FrontKulturDas Phänomen Cecilia Bartoli

Das Phänomen Cecilia Bartoli

30 Jahre nach ihrem Zürcher Operndebut schenkte „La Bartoli“ ihrer zweiten Heimat mit Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride“ eine Titelpartie mit ungestüm-fesselnder Dramatik und einem musikalischen Impetus prägenden Charakters. 

Der Festtagskalender am Zürcher Opernhaus gehört schon seit einigen Jahren der musikalischen Ausnahmeerscheinung im Barock-Repertoire, die am Zürichsee ihre Bleibe hat und mit dem einheimischen Gewächs, dem Bariton Oliver Widmer, verheiratet ist. Über die Jahreswende brillierte sie wie einst in Wiederaufnahmen von Rossinis „Cenerentola“, einer Paraderolle halluzinöser Equlibristik, die sie, scheinbar alterslos, mit ihrer liebenswürdigen und bescheidenen Anmut verkörperte.

Und nun also Gluck (1714-1787), der die Brücke zu Mozart schlägt, weg von der italienischen Opera seria mit ihrem virtuosen Belcanto-Bravour und hin zum französischen Genre, wo die Expressivität ganz der Textdeutung folgt und der Balance zwischen einem natürlichen sängerischen Fluidum und einer Orchesterbegleitung mit eindringlicher Gefühlstiefe huldigt. Cecilia Bartoli: „In Iphigénie en Tauride muss ich als Sängerin bereit sein, dem Publikum meine nackte Seele zu zeigen. Die Stimme muss in der Lage sein, eine sehr grosse Bandbreite an Emotionen auszudrücken.“ Die hinzugewonnene kantige Schärfe ihres Ausdruckspotentials passt haargenau zum verzweifelten Furor der Tragödie.

Zum Phänomen Bartoli gehört aber auch, dass sie nie und nimmer die Diva spielt wie andere Berühmtheiten, sondern sich als «prima inter pares» stets in den Dienst des Ganzen und der immanenten Werkdeutung stellt. Dass sie neben ihren geschichtsträchtigen, authentischen Barock-Einspielungen auch noch bis 2026 Intendantin der Pfingstfestspiele Salzburg ist und ab 2023 auch noch erste Leiterin der Oper von Monte Carlo wird, zeigt eine künstlerische Bandbreite, die bewundernswert und einzigartig ist.

Chor der Oper Zürich mit Cecilia Bartoli (Iphigénie), Birgitte Christensen (Diane) und Stéphane Degout (Oreste) v.l. / Fotos © Monika Rittershaus

Die Anforderungen betreffen auch alle anderen Rollen, einschliesslich der wichtigen Chorpartien, beeindruckend und  stilsicher (inklusive französischer Diktion) einstudiert von Janko Kastelic. Die Inszenierung, aber auch die Besetzung ist Chefsache. Andreas Homoki, dem die Hommage an Gluck wie an Cecilia Bartoli sichtlich ein Anliegen war, wusste sehr wohl, dass er alle Partien mit hochrangigen Sängerpersönlichkeiten zu besetzen hatte, wollte er das künstlerische Credo auf einer höheren Ebene ansiedeln. Und ich darf füglich anmerken, dass sich die sängerische Qualität samt und sonders in einsamen Gefilden bewegte. Da sind neben der alle darstellerischen wie gesanglichen Kräfte fordernden Titelpartie vor allem das Dreigestirn Oreste (Stéphane Degout), Pylade (Fréderic Antoun) und König Thoas (Jean-François Lapointe) zu nennen, die mit einer bestechend virilen Gestaltungskraft begeisterten. Auch Birgitte Christensen in der kleineren Rolle der Diane wusste mit ihrem warmen, raumgreifenden Timbre zu gefallen. 

Ein musikalisch-szenisches Juwel für die Geschichtsbücher

Man mag sich an den unheilkündenden schwarzen Schlund von Verdis „Macbeth“ zurückerinnern. Auch hier nutzt der Ausstatter Michael Levine, dessen bühnentechnische Handschrift in Zürich schon verblüffende Einfälle zeitigte (denken wir nur am Alban Bergs Oper „Wozzeck“, welche dieser Tage wieder im Spielplan erscheint), die beklemmende Schwärze des mythologischen Atridenfluchs, um die Ausweglosigkeit der göttlichen Mord- und Totschlag-Rachefeldzüge zu bebildern. Wie er im gleissenden Bühnenrahmen die undurchdringlichen Nachtschatten immer wieder mit zackigen Lichtrissen aufspaltet, unterstreicht die dramatische Handlung sehr zielführend.

      Cecilia Bartoli (Iphigénie) erkennt ihren todgeweihten Bruder Oreste (Stéphane Degout) 

Ein weiterer Glücksfall ist Gianluca Capuano am Dirigentenpult. Der Barockspezialist, der Cecilia Bartoli schon in Salzburg und auf Tournee begleitete und inzwischen auch Chefdirigent der von ihr gegründeten „Musiciens du Prince-Monaco“ wurde, zeigt auch bei Gluck seine Affinität zu einer schlanken, gelegentlich fast asketisch zurückhaltenden, fein austarierten Klangsprache. Wenn er seinen winzigen Dirigierstab jeweils zur Seite legt und Solisten und Chor mit grazilen Handgesten inspiriert und befeuert, erinnert er an Nikolaus Harnoncourt. Welch filigrane Piano-Valeurs entlockt er dem äusserst akkurat aufspielenden Orchestra La Scintilla! Das Haus hielt den Atem an, bis sich nach dem Schlussakkord einhellige Begeisterung entladen durfte.

Die vertrackte, unheilvolle griechische Mythologie

Während bei Richard Strauss Orests Schwester Elektra die zentrale Gestalt verkörpert, ist es bei Gluck Iphigénie. Die Göttin Diana gilt in der Mythologie eigentlich auch als  Beschützerin der Frauen und Mädchen, doch in dieser Fassung trifft ihr Zorn Iphigénie mit voller Wucht. Kommt noch hinzu, dass König Thoas, Herrscher auf Tauris, aufgrund eines Orakels fordert, Fremdlinge zu töten, weil er um sein eigenes Leben fürchtet. Darunter befinden sich Orest und sein Freund Pylade, Iphigénie soll sie richten. Doch Diane befreit ganz im Sinne des „lieto fine“ (dem glücklichen Ausgang) die Schuldbeladenen. Orest kehrt mit seiner Schwester nach Mykene zurück. Einzig Iphigénie traut im Schlusschor der Erlösung nicht so ganz über den Weg und verlässt verstört die Szene.          

Weitere Vorstellungen: Februar 4, 6, 8, 11, 16, 20, 23, 28

 

Bartoli mit Bart, angeklebt wie einst beim Kastraten Farinelli, dessen trauriges Sängerschicksal sie mit einer neuen CD würdigt, erschienen beim Label Decca, DDD, 2018, Bestellnummer 9464952.

 

         

2 Kommentare

  1. Schade nur, dass die Zürcher Opernhaus Inszenierungen sich meist bemühen, ein möglichst abscheuliches Bühnenbild zu geben. Man muss eine Gluck-Oper ja nicht unbedingt in Barock-Klamotten bringen, aber etwas mehr Phantasie als düstere Askese wäre da schon besser (die Ponelle Monteverdi-Inszenierungen sind da noch in guter Erinnerung). In traditionellen Opernhäusern wie in Mailand, Salzburg oder Wien würden solche Inszenierungen nicht ankommen. Da darf man sich nicht wundern, wenn das Zürcher Opernhaus weniger in der Bevölkerung verwurzelt ist als die anderen vorhin genannten Stätten.

  2. Leider, war die Vorstellung ein absoluter Horror. Das Orchester war leblos, Bartolis Stimme ist zu klein für Iphigenie, und die Partie ist zu anstrengend für eine alte Diva und die Inszinierung ist eine Schande. Ein riesiger Flop, egal was die Kritik dazu schreibt.

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