FrontGesellschaftVerleger als Fluchthelfer

Verleger als Fluchthelfer

Der Historiker Christoph Emanuel Dejung zeichnet in der Biografie «Emil Oprecht – Verleger der Exilautoren» den Lebensweg des Verlegers und Buchhändlers nach. Er und seine Frau Emmie hatten zahlreiche Menschen während des Nationalsozialismus unterstützt, ihr Verlag war für viele Emigranten eine Anlaufstelle.

Die legendäre Zürcher Buchhandlung Dr. Oprecht an der Rämistrasse 5 schloss am 31. Januar 2003 ihre Türen für immer. Damit verlor Zürich nicht nur einen Laden, damit ging eine Ära zu Ende. Im intellektuellen Milieu Zürichs herrschte so etwas wie Nationaltrauer, schrieb die NZZ. Letztes Jahr zog die Galerie Hauser & Wirth mit ihrem Kunstverlag in die renovierten historischen Räumlichkeiten. Und immer weniger Menschen erinnern sich an die einstige Buchhandlung und ihre wechselvolle Geschichte.

Das Schaufenster der Buchhandlung Oprecht an der Rämistrasse 5, nach 1945.

Das Leben von Emil (1895-1952) und Emmie Oprecht (1899-1990) war für den Historiker Christoph Dejung nicht einfach, biografisch aufzuarbeiten, zumal es keine Nachkommen gibt. Zwar war Emil Oprecht ein Büchermensch, schrieb selber aber nur wenig. Als Tatmensch fand er in den schwierigsten Situationen, scheinbar aussichtslose Wege wieder gangbar zu machen, dabei hielt ihm seine ebenso aktive Frau Emmie stets den Rücken frei und unterstützte ihn.

Die Biografie liest sich nicht wie ein fortlaufender Roman. Vielmehr ist es eine Aufarbeitung der Lebensumstände sowie der Zeit aufgrund historischer Quellen, persönlicher Gespräche mit Zeitzeugen, ergänzt von kurzen biografischen Abschnitten zu Zeitgenossen. Auf graugefärbten Seiten finden sich Einschübe mit erhellenden zusätzlichen Texten als Intermezzi, im Anhang transkribierte Briefe.

Emil und sein älterer Bruder Hans Oprecht, der spätere SP Politiker, entstammten einfachen Verhältnissen. Der Vater war Stationsgehilfe und später Steuerbeamter der Stadt Zürich. Die Brüder engagierten sich bei den Jungsozialisten. In der Wandervogelbewegung lernte Emil früh seine Frau Emmie Fehlmann kennen; sie heirateten 1921. Im gleichen Jahr promovierte Emil als Nationalökonom, arbeitete drei Jahre als Bankangestellter und war höherer Unteroffizier im Militärdienst. Er setzte sich für die Förderung von Kindern und Jugendlichen ein. Zwischen 1918 bis 1921 organisierte er die «Hilfsaktion für ausländische Proletarierkinder», die für Erholungsferien in der Schweiz in Familien untergebracht wurden.

Emil Oprecht erwies sich schon früh als Organisationstalent. Mit 25 Jahren hatte er ein halbes Dutzend Vereine gegründet, die er alle präsidierte – jeweils in der kleinen Wohnung seiner Eltern. So war er auch Verwaltungspräsident der schweizerischen Arbeiterbuchhandlung «Genossenschaft Unionsbuchhandlung und Verlag Zürich» und wirkte zwischen 1921 bis 1925 als ihr literarischer und geschäftlicher Leiter. 1925 gründete er mit einem nur temporär beteiligten Partner den Verlag «Dr. Oprecht & Helbling» sowie die Buchhandlung an der Rämistrasse. 1933 folgte der «Europa Verlag» für die Publikation politischer Bücher.

Zeitlebens setzte er sich gegen Unrecht und Intoleranz ein, anfangs in der Kommunistischen, seit 1926 in der Sozialdemokratischen Partei. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus unterstützten er und seine Frau Emmie emigrierte verfemte Schriftsteller und Politiker und boten ihnen durch den Verlag Publikationsmöglichkeiten. Sie beherbergten unzählige Flüchtlinge bei sich zu Hause, beschafften für viele Visa und Pässe. Dadurch wurde das Verlagshaus und die Wohnung der Oprechts zur zentralen Anlaufstelle verfolgter Kunstschaffender und Intellektueller aus ganz Europa.

Emil Oprecht, Porträtstudie von Max Oppenheimer, gen. Mopp (1885-1954), ein Wiener Maler, der 1938 in die USA emigrieren musste.

Zwischen 1933 bis 1945 erschienen, meist ohne finanziellen Erfolg, Werke von etwa hundert Exil-Autoren, wie Ignazio Silone, Else Lasker-Schüler, Max Horkheimer, Heinrich Mann und Golo Mann, oft gegen die heimische Zensur und den Widerstand antisemitischer Fröntler. Schon früh publizierte der Europa Verlag Tatsachenberichte über Konzentrationslager, wie 1935 Wolfgang Langhoffs «Moorsoldaten» über das KZ Börgermoor im Emsland oder 1936 Walter Hornungs «Dachau». Das Naziregime schloss Oprechts Verlag aus dem «Börsenverein der Deutschen Buchhändler» aus, doch seine Bücher erreichten Deutschland über verdeckte Wege. Nach der Bücherverbrennung in Berlin stellte die Buchhandlung im Schaufenster einen Scheiterhaufen mit den Büchern aus, die in Berlin verbrannt worden waren.

Oprechts Engagement erhielt Anerkennung von Churchill und Roosevelt. Die Zeitschrift «Mass und Wert» (1937-1940) erschien unter Mitwirkung von Thomas Mann, denn auch er und seine Familie gehörten zu den geflüchteten Freunden. In einer Zeit, in der sich alle bedroht fühlten, strahlten Emil und Emmie Oprecht eine unerschütterliche Zuversicht aus, dass den Diktatoren die Macht nicht überlassen werden durfte. Sie waren erfüllt vom Willen zu helfen, ermutigten andere dazu, auch unter Androhung von aussen. So war auf Emil Oprecht vom Deutschen Reich ein Kopfgeld ausgesetzt; zudem war die deutsche Botschaft in Sichtweite zu Oprechts Wohnung. «Ein unbekümmerter Mensch», sei er gewesen, sagt Christoph Dejung.

Die junge Emmie Oprecht-Fehlmann.

Als der jüdische Schauspielhausdirektor und -besitzer Ferdinand Rieser (1886-1947) 1938 nach Amerika emigrierte, beauftragte er Emil Oprecht als Geschäftsführer des Zürcher Schauspielhauses. Als Literaturkenner und Organisationstalent brachte Oprecht das Haus zur Höchstform. Viele der geflüchteten Schauspielerinnen, Schauspieler und Regisseure konnte er unter der Leitung von Oskar Wälterlin und Kurt Hirschfeld einstellen. Wichtige Stücke von Bert Brecht feierten Weltpremiere. Das Theater am Pfauen stand in seiner Hochblüte, trotz den Drohungen massiv protestierender Gegner, die das Haus lieber unter nazifreundlicher Leitung gesehen hätten. Bei inneren Zwistigkeiten oder Problemen mit den Behörden war Oprecht stets zugegen, auch in seiner Militäruniform. In seiner unaufgeregten Art fand er stets den Ausgleich unter den Kontrahenten. Kurz nach der Rückkehr aus dem Exil starb Ferdinand Rieser. Nach ernsthaften Schwierigkeiten mit der Witwe und der Stadt konnten Oprecht und sein Team das Schauspielhaus mit zahlreichen Uraufführungen von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt weiterführen.

Doch viele aufregende Aufführungen erlebte Emil Oprecht nicht mehr. Eine Krebserkrankung war der Grund seiner zunehmenden Schwäche. Gleichwohl stürzte er sich weiter in seine Arbeit, liess keine Sitzung aus, bis er am 9. Oktober 1952 starb.

Emmie Oprecht, 1989. Foto: © Bärbel Miebach, mit freundlicher Genehmigung.

Emmie Oprecht hatte ihren Mann stets vertreten, sie führte den Verlag bis ins hohe Alter. Sie war die stille Kraft im Hintergrund, betreute die Buchhaltung und hielt die Fäden in der Hand, denn Emil war sehr oft unterwegs. So lernte ich Emmie Oprecht kennen, als ich die Buchhändlerlehre 1962 in der Buchhandlung Oprecht begann. Für uns Lehrlinge war sie immer die Frau Dr. Oprecht, eine Respektsperson, stets elegant schwarz gekleidet, begleitet von ihrem Airedale Terrier.

In der Buchhandlung beobachteten wir damals die berühmtesten Künstler, Schauspieler und Politiker aus der ganzen Welt, die ihre Bücher hier einkauften. Natürlich durften wir diese Herrschaften nicht bedienen, das war unserer Chefin, Fräulein Tanner, vorbehalten. Allerdings gab es Ausnahmen: An Golo Mann erinnere ich mich gerne, er war immer familiär und freundlich, auch Allen Dulles durften wir einmal die Hand schütteln. Dieser Besucher zeigte zehn Jahre nach Emil Oprechts Tod, dass der Verleger alle Kanäle zu nutzen wusste, auch den Geheimdienst, um Menschen in Not zu helfen.

Fotos: Zentralbibliothek Zürich, Ms Oprecht.

Christoph Emanuel Dejung, Emil Oprecht – Verleger der Exilautoren, Verlag Rüffer & Rub, Zürich 2020, 380 S., 29 Abb. ISBN 978-3-906304-37-3

 

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