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Islamisierung mit Augenzwinkern

Der Stoff ist hochpolitisch, die Zukunftsvision brisant: Das Schauspielhaus Bochum gastiert mit «Unterwerfung» nach dem gleichnamigen Roman von Michel Houellebecq am Schauspielhaus Zürich.

Der 2015 veröffentlichte satirische Roman «Unterwerfung» von Michel Houellebecq löst nach wie vor heftige Diskussionen aus, die Reaktionen reichen von Begeisterung bis zur totalen Ablehnung. In Frankreich wird, um den rechten Front National unter Marine Le Pen zu verhindern, 2022 der charismatische Muslimbruder Mohammed Ben Abbes zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Dieser führt die Theokratie ein, die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie.

François, ein atheistischer Literaturprofessor an der Sorbonne, wird aus dem Staatsdienst entlassen und erhält eine fürstliche Pension. Er flieht aufs Land, lebt fortan in völliger Verzweiflung und Desillusion, kommt dabei völlig herunter, zumal sich seine Freundin Myriam, mit der er früher leidenschaftlichen Sex hatte, von ihm verabschiedet hat, um als Jüdin mit ihren Eltern nach Israel auszuwandern. Zurück in Paris, erfährt er bei einem Essen mit dem Rektor der Sorbonne die Vorzüge, ein gemässigter Muslim zu sein, wird schwach und konvertiert im Konjunktiv zum Islam.

Spiel in vermülltem Bühnenchaos

Regisseur Johann Simons, Intendant am Schauspielhaus Bochum, verzichtet in seiner Inszenierung auf die ganze politische Vorgeschichte, wie es nach blutigen Auseinandersetzungen zu dieser utopischen Wahl kam, vielmehr konzentriert er sich auf den völlig entwurzelten François, der selbstgefällig mit sich und der Welt hadert und seine abwesende Freundin Myriam begehrt. Sex ist das, was François am meisten interessiert. Gespielt wird in einem vermüllten Bühnenchaos, aus dem die Spieler hervortreten, sich umziehen und Sitzgelegenheiten und Matratzen nach vorne holen. Im Hintergrund leuchtet eine Signalwand mit roten Lichtern (Bühnenbild: Bert Neumann).

Der Islamisierung schreitet voran (v.l.): Stefan Huntstein, Mercy Dorcas Otieno, Karin Moog, Mourade Zeguendi, Guy Clemens. 

Vorne agiert und monologisiert meist auf und ab schreitend François im Traineranzug, thematisiert mit ironisch-politischen Tiraden seine verzweifelte Lage, demonstriert seine männerdominierten Einstellungen, reagiert wütend auf seinen früher der identitären Bewegung nahestehenden Ex-Kollegen Steve, der zum Islam konvertiert ist, kugelt mit Myriam nackt über die ausgelegten Matratzen, derweil im Hintergrund eine undurchsichtige Gestalt, die sich später als Professor Rediger, dem neuen Leiter der islamischen Universität Sorbonne, herausstellt, arabische Litaneien murmelt. Spannend anzuhören ist der Disput zwischen Rediger und François über die Macht der Religionen und deren Wirkung auf die Zukunftsgestaltung.

Ein hypochondrischer François

Schauspielerisch am meisten überzeugt der Französisch sprechende Mourade Zeguendi als Professor Rediger, für den eigens eine Übersetzungstafel in das Bühnenchaos eingebaut wird. Einfach grossartig, wie er fein lächelnd und zuvorkommend François bei einem Nachtessen die Vorzüge des Islams und des Aufbaus eines muslimischen Wohlfahrtsstaates mit weltlichen Genüssen und Vielweiberei schmackhaft macht und dabei undurchschaubar und unbehaglich bleibt. Stefan Huntstein spielt einen hypochondrischen François, der etwas gar heruntergekommen und aufgedreht wirkt. Karin Moogs Myriam ist subtil und empathisch, aber insgesamt doch eher blass gestaltet.

François hadert mit Steve (v.l.): Guy Clemens, Stefan Huntstein, Karin Moog. Fotos: Tobias Kruse/Ostkreuz

Bleibt die Frage, ob die in Houellebecqs Roman angelegte provokante Dystopie in Simons Inszenierung zum Tragen kommt. Nur teilweise, wie uns scheint. Geboten wird mitnichten ein provokant wirkender Abend, vielmehr eine reflektiert-ironische Aufführung mit unaufdringlichen Zeichen, die unsere heutige Kultur der Gleichgültigkeit und Verführung thematisieren und uns zum Nachdenken verleiten. Die Zürcher Premiere der Bochumer Inszenierung fand wohlwollenden Zuspruch.

Weitere Spieldaten: 3., 5., 6., 11., 18., 21., 29. März

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