FrontLebensartScheibenschlagen - ein mystischer Feuerbrauch

Scheibenschlagen – ein mystischer Feuerbrauch

Funkensonntag wird der Sonntag nach Aschermittwoch weitherum genannt. Das Scheibenschlagen ist eine Art einfaches Feuerwerk, ein Brauch, der vor allem in bäuerlichen Regionen zu Beginn der Fastenzeit ausgeführt wird. Als Anregung für einen einschlägigen Besuch in der Nähe die Reportage aus dem Südtirol.

Fährt man vom Reschenpass nach Süden fällt einem das Städtchen Mals auf. Auch von der Umfahrung aus stechen die sieben Türme aus dem Dächerwald hervor – einige davon gehören zu sehenswerten romanischen Kirchen. Hier im oberen Vinschgau von Mals bis Schlanders haben sich viele „heidnische“ Bräuche bis heute erhalten. Dazu gehört das Scheibenschlagen, das immer am ersten Fastensonntag durchgeführt wird. Dieses Jahr ist es der 1. März.

Vorbereitungen der Jungmänner und Buben auf die Nacht der Winteraustreibung in Schleis.

Wir kommen am späten Nachmittag ins kleine Dorf Schleis bei Mals im Obervinschgau. Der Abend ist düster, nebelig und kalt – besitzt so schon eine mystische Aura. Die Vorbereitungsarbeiten für das anschliessende Volksfest sind recht weit fortgeschritten. Ein grosses Feuer ist angezündet. Bier, Würste und Brot liegen bereit. Daneben steht eine etwa zehn Meter hohe Strohhexe, die den Winter symbolisiert, mit einem Querbalken in der Form eines Kreuzes. Mit Stroh und Reisig umwunden wird sie später angezündet. Sie muss nach dem Aufbau bewacht werden, damit die Burschen des Nachbardorfes sie nicht vorzeitig anzünden – das wäre eine unverzeihliche Schmach.

Auf dem Tarscher Bühel im Vinschgau: Die Strohhex brennt lichterloh. Im Hintergrund links das Feuer, wo die Scheiben glühend gemacht werden, rechts davon ein Scheibenschläger in Aktion. Foto:© IDM Südtirol/Frieder Blickle

In der Nacht dann wird sie brennen. Weitherum leuchtend wird sie so das Ritual beenden. Es soll dem Winter endgültig den Garaus machen, böse Geister vertreiben und dem Dorf Segen und Schutz bringen.

Doch der mystische Hauptteil des Brauches spielt sich auf einem Felsrücken oberhalb des Dorfes ab, zu dem ein steiler Weg hinauf führt. Oben stehen schon Buben, Burschen und einige ältere Männer um ein riesiges Lagerfeuer bereit. Als Akteure sind die Männer unter sich.

Die Stecken mit den ersten Scheiben werden ins Feuer gehalten.

Holzscheiben werden im Feuer zum Glühen gebracht. Brennend werden sie dann, begleitet von Reimgesängen und Glückwünschen, weit ins Tal hinaus geschlagen. Ist die Scheibe schön abgesprungen und „gut gegangen“, dann bringt sie Glück.

„Oh Reim, Reim, va wem weard eppar dia Scheib sein? Oh, Reim, Reim, von wem wird denn die Scheibe sein?“ – so ruft der Bursche seiner Scheibe nach, die er nun über eine Holzrampe abschlägt, so dass sie auf einer langen Feuerbahn über die Felsen fliegt.

Ein typischer Reim im Obervinschgau: „Käs in dr Tosch, Wein in dr Flosch, Kourn in dr Wonn, Schmolz in dr Pfonn, Pfluag untert Eart, schaug, wia mei Scheibele aussi geat.» Standarddeutsch: «Käse in der Tasche, Wein in der Flasche, Korn in der Wanne, Schmalz in der Pfanne, Pflug unter die Erde, schau wie meine Scheibe hinausgeht.»

Vor dem Abschlagen bekommt die Scheibe den nötigen Schwung.

Als Scheibe dient eine runde oder quadratische Holzscheibe mit einem Durchmesser bzw. einer Kantenlänge von etwa zehn Zentimeter und einer Dicke von knapp zwei Zentimeter, in der Regel aus Arven- oder Buchenholz. In der Mitte hat sie ein Loch, damit sie zum Transport auf eine Schnur oder einen Draht aufgereiht und vor allem auf den Stecken gesteckt werden kann. Die Glut wird vor dem Abschlag durch Schwingen des Steckens, meist aus Haselnuss, weiter gesteigert. Rund zwei Meter lang und möglichst gerade gewachsen müssen die Stöcke sein. Manch einer der Scheibenschläger macht daraus gar eine Wissenschaft, bis die richtigen Stöcke gefunden sind.

Die Scheiben werden zum Glühen gebracht, bis der Vorrat aufgebraucht ist.

Dieses Schwingen bringt atemberaubend schöne Bilder hervor von roten und gelben Feuerbahnen. Gleichzeitig baut sich für den Schläger wie für den Zuschauer eine Spannung auf. Geht eine Scheibe zu früh ab? Dann möchte ich sie nicht am Kopf haben. Gelingt der Abschuss am Scheibenbock schwungvoll und elegant? Wie dreht sie sich? Nach dem Abschlag macht die Scheibe, was sie will. Ein Blick über den Felsenkopf zeigt, dass unten trockenes Gras in Brand geraten ist. Offenbar kommt das regelmässig vor – auf der Talstrasse steht schon die Feuerwehr bereit.

Sind alle Scheiben glühend ins Tal gelangt, endet die Nacht in einem kleinen Volksfest.

Man braucht freilich nicht ins Südtirol zu fahren, das Reedlischwinge oder Schiibeschloo ist auch in manchen Gegenden der Schweiz – vom Birseck im Baselbiet bis ins Bündnerland lebendig. Besonders verbreitet ist der Brauch heute noch in und um den südlichen Teil der Oberrheinischen Tiefebene, Schwarzwald, Breisgau, Baselbiet und Elsass sowie im Vorarlberg, in Teilen West- und Südtirols sowie im Bündner Oberland (Dardin, Danis-Tavanasa), und im Churer Rheintal (Untervaz). In Deutschbünden heisst der Brauch  Schiibeschlaha, rätoromanisch eben Trer schibettas. Alle Knaben ab der 3. Klasse und alle ledigen Männer aus dem Dorf dürfen am Trer schibettas teilnehmen. Der Spruch beim Scheibenschlagen lautet: Oh tgei biala schibetta per …(Name eines Mädchens)! Oh welche schöne Scheibe für …!

Fotos: Justin Koller
Mehr zu dem Brauch lesen Sie hier: Scheibenschlagen

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