FrontKolumnenStrassennamen sind günstige Denkmäler, aber gefährlich

Strassennamen sind günstige Denkmäler, aber gefährlich

In Bern diskutiert man zurzeit, ob der René-Gardi-Weg anders heissen soll. Gardi war Schriftsteller und Fotograf in Afrika und hielt Schulvorträge. Nun wirft man ihm allzu intime Kontakte mit Buben vor. Strassennamen sind zwar günstige Souvenirs, haben aber Tücken.

Befleckte Erinnerungen. René Gardi ist nicht der einzige Geehrte, dessen Vergangenheit dunkle Flecken aufweist. Ulrich Wille, der Schweizer General im Ersten Weltkrieg, ist in Zürich und Meilen zwar noch in den Strassenverzeichnissen vertreten. Doch beschuldigt man ihn auch dort, dass er die Demokratie kritisiert hat und den Soldaten preussischen Kadavergehorsam aufzwang.

Unangenehmer Nachgeschmack. Konsequenter als in Zürich war man in St. Gallen. Zu Ehren des südafrikanischen Politikers Paul Kruger gab es dort bis 2009 eine Krügerstrasse. Weil man dem 1904 Verstorbenen Rassismus vorwirft, mussten sich die Bewohner an eine neue Adresse gewöhnen, sie leben jetzt an der Dürrenmattstrasse.

Verflossen, vergessen. Kruger (auch Krüger) kennt man, weil der berühmte südafrikanische Nationalpark nach ihm benannt ist. Bei anderen Namen machts nur noch bei durchtrainierten Lokalhistorikern Klick. In Zürich gibt es einen Albert-Näf-Platz und einen Joachim-Hefti-Weg. Näf war Oerlikoner Bürgermeister, Hefti Kirchgemeindepräsident.

Aus alt mach neu mach alt. Immerhin erleben wir mit unseren Schweizer Würdenträgern nicht derart schlimme Erfahrungen wie die Deutschen und Österreicher. Dort wurden in den Dreissigern viele Bahnhof- zu Hitlerstrassen. In der DDR mussten diese Verbindungen Lenin und Marx als Namenspatron erdulden, bis sie nach der Wende wieder zu braven Bahnhofstrassen wurden.

Schilderflut in Biel. In Deutschland darf fast jeder Oberbürgermeister auf ein Ehrenplätzchen am Strassenrand hoffen. Die Schweiz kennt keine solche Schilderflut. Am freigiebigsten ist vermutlich die Stadt Biel. Mit jeder fünften Tafel gedenkt sie verflossenen Honoratioren, von der Adam-Friedrich-Molz-Gasse bis zum Willhelm-Kutter-Weg.

Absturzgefahr in den Bergen. Wenn Strassennamen in Ungnade fallen, gibts Ärger. Das gilt auch für Berge. Das Agassizhorn erinnert an einen Gletscherforscher, der Rassist gewesen sein soll. Nun fordern Correctness-Facharbeitende als neue Bezeichnung den Namen eines Sklaven. Doch was, wenn auch dieser mal was Falsches getan, gesagt oder gedacht hat? Garantiert unverfänglich wären Grünhorn, Alphorn, Nashorn. Und mit einem Gruss nach Österreich: Tafelspitz.

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