FrontKolumnenOhrenlese

Ohrenlese

Wir kennen die Auslese, die Blütenlese. Was ich am Radio höre und davon behalte, ist für mich die «Ohrenlese». Davon handelt die Kolumne.

Eine Erkältung hat letzte Woche meinen Aktionsradius eingeschränkt. Schlafen und Teetrinken war die Devise. Weil ich damit meinen Tag nicht ausfüllen konnte und geistig zu schlapp war, ein Buch zu lesen, schaltete ich immer wieder das Radio ein.

Mein Sender ist SRF1. Ich bewundere täglich die Radiosprecherinnen und Radiosprecher, wie sie die Sendezeit füllen. So füllen, dass mir das Zuhören Spass macht. Wenn es mal nicht mehr passt, ist ja der Ein-/ Ausschaltknopf nicht weit. Richtig gelesen: Ich besitze noch einen uralten Apparat mit Knöpfen. Das ist besonders frühmorgens und bei einsetzender Schläfrigkeit optimal. Diesen Knopf finde ich immer!

Schmunzeln muss ich immer darüber, wie wir, sei es um 6 Uhr, um 7 Uhr, um 8 Uhr, in den neuen Tag geführt werden. Wer Radiofrühdienst hat, ist offenbar angewiesen, uns heiter und fröhlich in den Morgen zu geleiten.

Natürlich machen die «News», immer noch «Nachrichten» genannt, dann den Schwerpunkt aus. Manchmal denke ich, sie kratzen richtig zusammen, was sie uns da darbieten wollen. Und ich möchte gerne mal die Richtlinien lesen, die Kriterien kennen lernen, nach denen die sendewürdigen Fakten ausgewählt werden.

Keine Angst, ich habe keine Listen gemacht, ich schreibe aus dem Stegreif. Natürlich werde ich über all die blutigen Auseinandersetzungen zwischen «Rebellen» (oder «Freiheitskämpfern») und «Regierungstruppen» in fernen Gegenden aufgeklärt, unter genauer Angabe der jeweiligen Zahl der Toten auf beiden Seiten. Gerne möchte ich wissen, wie alt die «Kämpfer» sind, was ihre Lebenssituation ist, warum sie «Kämpfer» geworden sind? Das möchte ich nicht in Spezialsendungen hören, sondern sofort.

Auch Erdbeben und ihre Folgeschäden und das Leid der Bevölkerung sind ein nicht seltenes Sujet der Berichterstattung. Auch Hochwasser, die ganze Städte, Stadtteile, Quartiere unbewohnbar machen, Kulturgüter zerstören, führen zu Hochleistungen der Berichterstattung. Und Jahre später fragen wir uns gelegentlich: und jetzt? Konnte alles wieder aufgebaut werden? Reichten das Geld der «Glückskette» und die weltweit eingegangenen Spenden zur Wiederherstellung der betroffenen Gebiete?

Hier liegt noch eine unbearbeitete Quelle für gute News. Katastrophen ziehen vielfach grosse Geldversprechen der reichen Nationen nach sich. Es wäre interessant, zu vernehmen, wie rasch und wie vollständig dieses Geld dann eingeht: «Zur Katastrophe X können wir Ihnen mitteilen, dass die Geldgeber Y und Z im Verlaufe dieses Monates die gesamte zugesagte Summe überwiesen haben.» Das würde die Diskussion mit privaten Reisenden erleichtern, die uns als Augenzeugen von Katastrophengebieten erzählen: «Weisst Du, da ist noch gar nichts gegangen. Die Menschen schlafen immer noch in Notunterkünften.»

Ich denke, die meisten Hörerinnen und Hörer würden diese Zusammenhänge mehr interessieren, als wie viele Millionen Franken Banker bei einem Stellenwechsel kassieren.

Vor kurzem waren das Wort und der Fall «Crypto» in den Sendungen mehrfach vertreten. Wie weggefegt! War da was?

Den Platz eingenommen hat mit ungleich grösserem Getöse ein neuer Begriff: «Corona-Virus». Am Tag, als Bundesrat Berset das Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen bekannt gab, hörte ich am Nachmittag, im Halbschlaf, eine musikalische Nachmittagssendung, die mit Kommentaren zum Corona-Virus begleitet war. Die Aufgabe des Sprechers war offensichtlich, immer wieder das Notwenige mitzuteilen, Betroffene sprechen zu lassen (Autosalon Genf, Basler Fasnacht), aber alles in bekömmlicher Form. Im ernsthaften, nicht im Panikmodus.

Geblieben ist mir die Geschichte vom Knoblauch. Wie der Sprecher vernommen hatte, dass ein Hörer zum Schutz vor dem Virus drei Knoblauchzehen pro Stunde verzehrt. «Ja, gut», meinte der Sprecher. «Das schützt ihn zwar nicht vor dem Virus, hält aber wenigstens die Leute von ihm fern.»

Noch origineller fand ich die Unterhaltung mit dem Experten des Institutes für Schnee- und Lawinenforschung im Zusammenhang mit der Wettervorhersage. Radiosprecher und Experte tauschten sich aus über die Schneeverhältnisse, die Lawinengefahr und immer wieder fiel das Wort « Ansammlung». Ansammlung von Leichtschnee, Ansammlung von Schneepartikeln, bis der Sprecher äusserte: »Das sind ja auch Ansammlungen von mehr als Tausenden. Die werden aber nicht verboten, oder?» Amüsant war das ganz kurze Zögern des Experten, während des Bruchteils einer Sekunde. Dann stellte er den Zusammenhang her. «Nein, diese Ansammlungen werden nicht verboten.» Das begleitende Lächeln war akustisch wahrnehmbar!

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2 Kommentare

  1. Einfach und erfrischend wie Judith Stamm so eine alltägliche Situation beschreibt! Noch spät Abends mag ich ihre Artikel noch lesen bzw. immer möglichst als Erstes, wenn die Email eingegangen ist. Danke! S. Fröhlich Horgen

    Eo

  2. Ich freue mich auch immer auf Ihre Kommentare. Ihre Gedankengänge sprechen mir aus der Seele. Vielen Dank Frau Stamm und ich hoffe, es geht Ihnen mittlerweile gesundheitlich wieder besser. DANKESCHÖN

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