FrontKulturKleinkunst als Offenbarung

Kleinkunst als Offenbarung

„Kulturschiene“ nennt sich ein ausrangierter Güterschuppen schlicht, der an der ZVV-Haltestelle Herrliberg-Feldmeilen am Zürichsee vor 20 Jahren als Kleinkunstbühne aus der Taufe gehoben wurde. Wir sind zu Besuch bei Marielen Uster, der Pionierin der ersten Stunde.

Klein ist nur die jeweilige Besetzung, reduziert aufs Wesentliche. Wie durch ein Brennglas fokussiert sie sich auf den Kern der Botschaft – und peilt grosse Kunst an, jenseits des Mainstreams. Wir nehmen das Jubiläum zum Anlass, die «Kulturschiene» einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Frau Marielen Uster, vor 20 Jahren wurde aus dem verwaisten Güterschuppen im Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen ein kulturelles Kleinod, die „Kulturschiene“. Sie gehörten, zusammen mit Stephan Stucki, zu den Triebfedern der ersten Stunde. Wie kam es dazu? 

Ich lernte Stephan Stucki 1997 in der Herzbaracke von Federico Pfaffen kennen. Ich war dort in der Aufbauphase für die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen tätig.

Welche Schwierigkeiten waren zu überwinden? Was trieb Sie an? Von welcher Seite erhielten Sie Unterstützung? Und wie ist es heute?

Stephan Stucki war in der bildenden Kunst bereits gut vernetzt und so reifte die Idee, eine eigene Galerie zu eröffnen. Wir arbeiteten beide 80%, er in der Filmbranche, ich im sozialen Bereich. Schwierigkeiten sahen wir keine, wir freuten uns auf die Restaurierung unseres heruntergekommenen ‚Riesenbabys‘, die Arbeiten dauerten von Juni 2000 bis März 2001 und erforderten ca. 900 Arbeitsstunden. Unterstützung zu erbitten kam uns nicht in den Sinn, weder bei den SBB noch den Gemeinden, noch bei Stiftungen u.ä. Bis ca. 2010 finanzierten und erarbeiteten wir uns alles selber. Heute erhalten wir Unterstützung von treuen Sponsoren, Stiftungen, Gemeinden etc. Ohne diese Gelder wäre unser Kulturbetrieb nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Daniel Schnyder, Stefan Schulz und Adam Taubitz zu Gast mit «Händel in Harlem»

Die Gemeinden an der Goldküste werden gerne als kulturelle Schlafstätten tituliert. Zürich ist mit seinem überreichen Angebot an Veranstaltungen jeder Art ein Katzensprung mit der S-Bahn. Wie trotzen Sie der Konkurrenz?

Wir haben unseren eigenen Bahnhof. S6 und S16 halten vor unserem Tor. Parkplätze sind auch meist vorhanden. Die Kulturschiene ist rollstuhlgängig. Die Jungen zieht es nach Zürich, die älteren Menschen geniessen aber den Luxus, bei uns einen kulturellen Treffpunkt zu haben, ganz ohne die Hektik der Stadt.

Ziemlich führend sind wir in Sachen Gastfreundschaft und Qualität unserer Veranstaltungen. Dank unserer Stammkundschaft sind unsere Vorstellungen meistens sehr gut besetzt bis ausverkauft. Was auch die Künstler sehr schätzen. Sie kommen alle gerne wieder und geniessen das aufmerksame Publikum, die gute Akustik, die spezielle Atmosphäre, die in dieser Art sonst nirgends zu finden ist. 

Das kulturelle Angebot umfasst eine ganze Bandbreite und reicht von Kunstausstellungen und Fotografie über die mannigfaltige Kleinkunst, von Begegnungen mit kulturaffinen Persönlichkeiten bis zu Liederabenden, von biografischen Porträts zu Lesungen und Stummfilm-Vertonungen. Wie schaffen Sie das? Was ist Ihr künstlerisches Credo?

Schubert-Liederabend mit Ruben Drole und Andrea Wiesli

Das Auswählen und Zusammenfügen der vielen Angebote und Möglichkeiten zu einer stimmigen und vielfältigen Programmfolge ist für mich eine Art „Perlenfischerei“. Ich kann damit aufzeigen, welche Geheimnisse es auch in den kleinsten Kunstwerken zu entdecken gibt, wenn sie liebevoll und hochkarätig dargeboten werden.  

Ein singulärer Glücksfall und ein Markenzeichen für die Kulturschiene ist zweifellos Armin Brunner, ein nimmermüder Nischenplayer, der von Jahr zu Jahr mit seinen Klangchroniken, musikalisch-literarischen Soireen und Filmporträt-Vertonungen eine Perle ist in Ihrem Angebot.

Es war eine schöne Fügung und ein grosses Glück, dass Armin Brunner vor 10 Jahren, nachdem er die Leitung der Migros-Klubhauskonzerte beendet hatte, Zeit und Gefallen fand, seine Idee der „Klangchronik“ in der Kulturschiene weiterzuführen und dadurch einige seiner bisherigen künstlerischen Weggefährten mit nach Herrliberg brachte.

 Marlene Dietrich, die sagenumwobene, legendenumrankte Hollywood-Göttin und weltweit gefeierte Diseuse, die auch der Nazi-Diktatur trotzte

Diese „Klangchroniken“, in denen aufgezeigt wird, dass die scheinbar so schwerelose Musik nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern dass sie oftmals unter grossen Mühen das Licht der Welt erblickte, diese Art der Musikvermittlung hat auch in Herrliberg zahlreiche Anhänger gefunden und ist wirklich zu einem Markenzeichen unserer Institution geworden.

Die Jubilarin soll sich ja auch etwas wünschen dürfen: Was soll das sein bis zum nächsten Zwischenhalt, dem 25-jährigen Jubiläum?

Sie wünscht sich vor allem, dass auch das 20. Jahr gut über die Schiene rollt. Und sie freut sich schon jetzt auf viele glückliche Momente mit den Künstlern und dem Publikum. Wohin der weitere Weg führt, steht noch in den Sternen.

Das künstlerische Gewissen Armin Brunner, der Spiritus rector einer Vielzahl von Klangporträts, Musikchroniken und Stummfilm-Vertonungen

 

Die Jubiläumssaison startet am 13. März mit einer Kunstausstellung von Titus Meier (Vernissage 17-20 Uhr). Danach folgen sich Schlag auf Schlag die aufgeführten Highlights, alle verantwortet von Armin Brunner:

 

Händel in Harlem mit dem Saxophonisten Daniel Schnyder, Stefan Schulz, Bassposaune, Adam Taubitz, Violine, der Erzählerin Graziella Rossi und dem Chronisten Helmuth Vogel. Sie navigieren zusammen in unbekannten Gewässern und führen die Kammermusik Händels heraus aus dem Sperrbezirk musik-religiöser Feierstunden (27. März, jeweils 20 Uhr).

Pablo Casals: eine Klangchronik über den Jahrhundert-Cellisten und spanischen Widerstandskämpfer mit Cécile Grüebler, Cello, Tamara Chitadze, Klavier, der Erzählerin Mona Petri und dem Chronisten Gian Rupf (24. April).

Das Genie Franz Schubert: Der Bariton Ruben Drole wird am Flügel begleitet von Andrea Wiesli. Graziella Rossi und Helmut Vogel gehen u.a. der Frage nach: «Wie konnte Franz Schubert den Menschen so viel geben und von ihnen so wenig bekommen?» (8. Mai).

Marlene…und sonst gar nichts: Das Leben der Marlene Dietrich, ein Klangporträt mit Christina Jaccard, Gesang, Dave Ruosch, Klavier, Ronny Spiegel, Violine. Erzählerin: Graziella Rossi, Chronist: Helmut Vogel (27. Mai).

Weitere Veranstaltungen unter www.kulturschiene.ch

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