FrontKolumnenAus der Krise in eine neue Gesellschaft

Aus der Krise in eine neue Gesellschaft

Stecken wir jetzt mitten drin, stehen die Spitäler vor dem grossen Ansturm, erreicht die Corona-Krise ihren Höhepunkt in wenigen Tagen, in einer, in zwei Wochen? Oder ebbt die Krise bereits wieder ab, können wir schon bald wieder, wie das hohe Wirtschaftsvertreter zunehmend fordern, zur Normalität übergehen? Können die Schulen, die Geschäfte, die Restaurants, gar die Bars wieder öffnen. Können wir das Arbeitsleben wieder so aufnehmen, wie wir das gewöhnt sind, das Home-Office schliessen, den Schulunterricht wieder der Lehrerschaft überlassen, können wir Grosseltern wieder unserer Enkel in Obhut nehmen?

Niemand weiss es. Ausser ein paar ganz Grosse wie Donald Trump; er will die US-Amerikaner bis Ostern wieder an die Arbeit schicken. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro will wider besseres Wissen seine Landsleute bereits jetzt wieder in die ungewisse Normalität entlassen. Boris Johnson, der äusserts selbstbewusste britische Premierminister, strebte zuerst eigenwillig eine sogenannte Herden-Immunität an, machte dann auf Druck der Öffentlichkeit doch noch eine Kehrtwende, war persönlich dennoch unvorsichtig und siehe da: er ist infiziert. Und Wladimir Putin verschiebt mal die Abstimmung über die neue Verfassung, die ihm weitere Präsidentschaften ermöglichen würde, in den Herbst. Das ist ihm wohl das wichtigste Anliegen in der Corona-Krise. In Moskau kursiert bereits ein Witz: Putin kann den Kreml gar nie verlassen, auch wegen Corona. Handeln tut vorerst Sergei Sobjanin, Moskaus Bürgermeister; er ist wohl etwas näher bei den Sorgen seiner Landsleute.

Und wir? Haben wir alle, auch wir Älteren, den Ernst der Lage nun wirklich erfasst? Noch nicht ganz. Viele verreisen in die Berge und treffen solche, die ebenfalls auf die engen Bergpfade drängen. Sie kommen sich so in die Quere, von zwei Meter Abstand keine Spur. Oder die kleine Geschichte, die sich in einem Laden zutrug, als die Frau an der Kasse eine ältere Frau darauf hinwies, dass sie im Interesse der anderen Kundschaft doch nur ein Paket Toilettenpapier kaufen solle. Die Frau legte sich aus Protest auf das Rollband an der Kasse und konnte nur von der herbeigerufenen Polizei vom Band gezerrt werden. Die Polizisten legten sie in Handschellen und spedierten sie aus dem Laden, ohne Toiletten-Papier.

Es sind kleine Meldungen, die zu denken geben. Dabei können wir uns in unserem Land umfassend informieren, können jeden Tag die Medienkonferenzen, ab jeweils 14:00 Uhr und später im Bundesshaus über den Bildschirm verfolgen, können zusehen und zuhören. Können wahrnehmen, dass sich Simonetta Sommaruga, Alain Berset, Ueli Maurer, selbst Guy Parmelin beherzt um uns kümmern. Daniel Koch, der nationale Experte für die Krise, versteht es jeweils, in kurzen Statements immer wieder und sofort auf den Punkt zu kommen. Er versprüht mit seiner trockenen, unaufgeregten Art Vertrauen. Einzig die Leute aus dem Staatssekretariat Seco, der Direktion für Aussenwirtschaft, um die Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, können nur mühsam erläutern, was sie in der zwar kurzen Zeit für Verordnungen erarbeitet haben. Es ist beispielsweise immer noch nicht klar, wie kleine selbständige Unternehmer wie Taxifahrer, freischaffende Medien, Kulturschaffende und Freelancer in vielen Branchen allenfalls entschädigt werden und überhaupt. Und immer wieder müssen die hohen Beamten korrigieren, präzisieren.

Der Bund tritt nun ein riesiges Unterstützungspaket von über 40 Milliarden Franken los. Über 500’000 Unternehmen wollen Kredite, tausende Firmen schicken ihre Mitarbeitenden in die Kurzarbeit. Leider auch solche, die durchaus über Reserven verfügen, die im vergangenen Jahr hohe Gewinne erzielten, hohe Dividenden in Aussicht stellten.

Das Staatssekretariat wird nun mit den Kantonen zusammen nicht nur für die reibungslose Umsetzung der Vergabe der Gelder und der Kredite zu sorgen haben, sie müssen sich auch um die Kontrolle der Rechtmässigkeit kümmern. So sind die Banken, die mit der Umsetzung zentral beauftragt sind, nicht ausser Kontrolle zu lassen.

Im Interesse der Volkswirtschaft geht es ja diesmal darum, den kleinsten, den kleinen und mittleren Unternehmen unter die Arme zu greifen. Sie sind nach dem „Geldsegen“ nach wie vor verunsichert. Können sie sich Kredite überhaupt leisten, die sie zurückzahlen müssen, können sie ihre Firma für das Danach retten?

Und gerade das Danach rückt immer mehr in den Focus. Die Wirtschaft will so schnell als möglich in das Bisher zurück. Ihre Exponenten fürchten eines: dass alles Danach nicht mehr so sein wird wie bisher. Dass sich die Rolle der bisher dominanten Wirtschaft zugunsten eines starken Staates verschieben könnte. Sie befürchten, dass zumindest in den demokratisch ausgerichteten Gesellschaften und Nationen die Menschen eine weit breitere Mitbestimmung verlangen und erstreiten könnten, auch und gerade in der Wirtschaft. Und nicht zuletzt werden sich die Wirtschaftsexponenten immer mehr mit Fragen zur Globalisierung konfrontiert sehen. Zu einer Globalisierung, die uns auch in der Schweiz zwar Reichtum bescherte, die uns jetzt aber von der weltumspannenden Coronakrise nicht verschonte. Im Gegenteil. Noch sind wir mitten drin.

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