FrontGesellschaftKlopapier gegen den Kontrollverlust

Klopapier gegen den Kontrollverlust

Das Corona-Virus grassiert, die Lage ist ernst, niemand weiss, wie lange die Krise uns einschränken wird. Jeder Mensch schaut mit gemischten Gefühlen in eine unbekannte Zukunft. Und was tun viele: Sie kaufen Klopapier. Wieso eigentlich?

Wir stellten die Frage an die Diplom-Psychologin Dr. Constanze Schreiner (Bild), die die Website www.hausfrauenpsychologie.de betreibt.

Wieso kaufen alle Klopapier?

Constanze Schreiner: Die aktuelle Corona Pandemie ist eine Situation des maximalen Kontrollverlusts und der maximalen Unsicherheit. Wir haben keine wirkliche Referenz durch den Vergleich mit ähnlichen Situationen und Erfahrungen aus unserer eigenen Vergangenheit. Wir haben aber sehr wohl Zugriff auf Simulationen einer exponentiell wachsenden Kurve, die uns drastisch vor Augen führt, wie sich die Situation entwickeln kann. In Kombination mit der medialen Berichterstattung ist es völlig nachvollziehbar, dass das Angst machen kann. Psychologische Studien konnten zeigen, dass Angst in Verbindung mit dem Gefühl geringer Kontrolle und Selbstwirksamkeit eine Bedrohung besonders gross erscheinen lässt. In dieser Situation wollen Menschen oft vor allem zweierlei, die Kontrolle zurückgewinnen und sich und ihre Liebsten schützen. Daher fangen die Leute an, Vorräte anzulegen. Sie kaufen Desinfektionsmittel, Mehl und eben Klopapier. Klopapier als Metapher der Sicherheit und Sinnbild der Corona-Pandemie. Weiss, weich, reissfest, vertraut.

Ist es also doch rational, wenn alle Klopapier kaufen, auch wenn sie es nur eingeschränkt im Hinblick den an sich vorgesehenen Zweck tun?

Das Phänomen des Klopapierkaufs folgt einem Muster, ist erklärbar und dadurch auf verdrehte Weise rational. In Situationen, in denen wir uns unwohl, überfordert und desorientiert fühlen, orientieren wir uns häufig am Verhalten anderer. Dabei fällt uns auch oft nicht auf, dass unsere Mitmenschen eigentlich auch gar nicht wissen, was das objektiv richtige Verhalten ist. Wenn nun einige Menschen anfangen, vermehrt Klopapier zu kaufen und wir zusätzlich überall mit den Bildern von leeren Regalen konfrontiert sind, bekommt man auch selbst den Drang, unseren Vorrat an Toilettenpapier aufzustocken. Selber diesen Impuls zu haben, ist also auf eine gewisse Art rational, dem Impuls zu folgen, ist aber irrational.

So kann man den Menschen, die massenweise Klopapier kaufen, also gar nicht wirklich böse sein?

Warum Menschen vermehrt Klopapier kaufen, ist – psychologisch gesehen – nachvollziehbar. Es geht nicht darum, unsere Mitmenschen, die diesem Impuls nachgeben, zu verurteilen. Viel wichtiger ist, sich selber nicht dazu verführen zu lassen, Toilettenpapier zu hamstern. Daher sollte man selber z.B. keine Bilder von leeren Regalen oder dem eigenen Klopapier-Vorrat posten. Ausserdem hilft es, wenn man sich bewusst macht, dass Menschen generell nicht immer rational handeln.

Menschen verhalten sich liebend gern irrational. Wieso?

Wir Menschen halten uns für unglaublich vernünftig, sind es aber nicht. Wir folgen Instinkten und Impulsen und lassen Emotionen unser Denken und Handeln beeinflussen. Dies führt teilweise zu zutiefst irrationalen Handlungen. Das Spannende daran ist aber, dass selbst dieses scheinbar irrationale Verhalten vorhersehbaren Mustern folgt und kein Zufall ist. Manche dieser Muster waren vor Jahrtausenden sogar sinnvoll für unser Überleben, haben aber in der heutigen Welt keinen Sinn mehr. Zum Beispiel wäre es aus heutiger Sicht deutlich sinnvoller, Angst vor Autos zu haben als vor Schlangen.

In Ihrer Website greifen Sie immer wieder rational kaum erklärbare Verhaltensweisen auf. Was fällt Ihnen am Verhalten der Menschen besonders auf?

Besonders spannend finde ich es zu beobachten, dass es verschiedene Muster im Verhalten der Menschen gibt, die sich wiederholen. Dabei ist das oft ganz unabhängig von Faktoren wie Intelligenz, sozialem Status oder Kultur. Egal wie unterschiedlich wir alle sind, in vielen Dingen sind wir Menschen uns ähnlicher als wir oft wahrhaben wollen. Die Psychologie versucht, diese systematischen Merkwürdigkeiten des menschlichen Verhaltens zu erforschen. Daher ist Psychologie ebenso interessant wie amüsant.

Und schliesslich: Ihre Website heisst «Hausfrauenpsychologie». Wie sind sie auf den Namen Ihrer Website gekommen? Ist das nicht despektierlich?

Für mich impliziert der Name Hausfrauenpsychologie «Nützlichkeit». Es geht um Tipps und Tricks aus der psychologischen Forschung, die sich in unseren Alltag übersetzen lassen. Für viele ist die psychologische Forschung etwas sehr Abstraktes, das wenig mit dem eigenen Leben zu tun hat. Mit meinen Artikeln möchte ich einen Beitrag dazu leisten, das zu ändern. Psychologie ist so spannend und so relevant für unseren Alltag, dass jeder auf dieses Wissen Zugriff haben sollte, um die Menschen und die Welt um sich rum besser zu verstehen.

3 Kommentare

  1. Eine Interessante Sicht auf eine absurde Erscheinung. Ich frage mich, würde das mit allen Gegenständen funktionieren? Was wäre wenn die Gestelle mit Taucherbrillen geleert worden wären? Oder Regenhosen? Ich könnte die Liste weiter spinnen.
    Interessant ist die ganze Hamsterei alleweil gewesen für mich, sowie die Witzfotos und – filme die bald im Netz auftauchten
    Gruss Franz

  2. Was heisst denn Klopapier hamstern? Da stehen dann alle unter Generalverdacht, etwas Unnötiges zu tun. Es kann doch durchaus sinnvoll gewesen sein, rechtzeitig noch genug Klopapier in günstigeren Grosspackungen angeschafft zu haben!
    Wenn diese Krise noch mehrere Wochen andauert und jemand nicht gross
    zum Haus raus will, da Risikopatient, tut er doch gut daran, sich mit dem einzudecken, was er für so
    eine Zeit benötigt, selbstverständlich in einem vernünftigen Rahmen, aber da kommen schnell mal ein bis zwei Grosspackungen zusammen… Kauft jemand tonnenweise tiefgefrorene Fleischpackungen, fällt das weniger auf.
    Ich bedaure inzwischen, dass ich das nicht so gemacht habe und nun auf kleine WC-Papier Packungen angewiesen bleibe, die grad zu sehr hohen Preisen noch verkauft werden.

  3. Erinnert mich an eine Karikatur aus der Zeit des zweiten Weltkrieges: Eine Hausfrau begegnet der anderen und ruft: «Im Läbis hets no Muschgetnuss» (Im Lebensmittelladen hat es noch Muskatnuss).

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