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Literarisch fliegen

Symphonische Dichtung in sieben Sätzen mit einem Epilog – das der Eindruck nach der ersten Begegnung mit Reto Hännys Buch.

Sturz. Das dritte Buch vom Flug ist im Berliner Verlag Matthes & Seitz anfangs 2020 erschienen. «Jedes Kind kann fliegen», meint nicht nur der Autor, und «fliegen» wird ihm in diesem Roman zum Schlüsselwort, eng verwandt mit dem Gegensatz dazu, dem «(Ab-) Sturz» eben. Rein historisch-faktisch ist das Fliegen im Roman einerseits in gewohnten Szenen am Flughafen und auf Flügen im Jet, andererseits mit Blériot, seiner Kanalüberquerung anfangs des 20. Jahrhunderts, dem anschliessenden Flugmeeting und damit zusammenhängend mit Risiko- und Bruchlandungen präsent.

Literarisch verknüpft ist das Fliegen jedoch auch mit Kindheitsfantasien und bruchnahen Schockerlebnissen. Fliegen um den Stubentisch bei den Grosseltern, gefolgt von Ausgleiten und Sturz… Nachhaltiger ist der symbolische Sturz: «…vom Berg kopfvoran ins Stadtlabyrinth gestürzt» (S. 164). Von der Bergheimat in die Stadt, ins Herausfordernde des Pubertär- und Erwachsenwerdens, ins Leben im umfassenden abenteuerlichen, schmerzlichen, unerhört fesselnden Sinne, mit Abstürzen der gewohnten jugendlichen Art, entstanden aus Protest, Irrtum und Selbstsuche. Allerdings auch mit befreiendem Sturz aus mannigfaltigen persönlichen Fesseln und solcher der Konvention.

Enthalten ist das im formalen Aufbau des umfangreichen Werks. Vom Anfang bis zum Schluss wölbt sich der Bogen des Fliegens. Als zweites formales Element steht die Kindheit im Bergdorf, wo die Fantasie des geistig fliegenden Knaben der berglerischen Kargheit des Lebens, erschwert noch durch Legasthenie und Linkshändigkeit, nur mit Mühe gewachsen ist. Es folgt der Hauptteil, das Grosswerden von der Sekundarschule in der Stadt über die Studentenzeit bis zum selbständig im Leben stehenden Manne. Als Epilog steht ein fiktiver Briefausschnitt an einen polnischen Freund. Sein Inhalt ist eine aktuell bezogene, in zeitgeschichtlichen Perspektiven wurzelnde Kritik an der Grossstadt und ihrem politisch-kulturellen Umfeld, wiederum mit einer Treffsicherheit gestaltet, die nur mit leiser Ironie und etwas Sarkasmus möglich ist.

Soweit eine Art Gerüst des Romans. Eines Romans allerdings, der sich nicht mit linearem Erzählen, konventionellem Spannungsaufbau, gewohnter Peripetie und schliesslich klärender Lösung definiert. Seine faszinierende Stärke ist die Form des Erzählens. Sie lehnt sich an die Sprache von James Joyces Ulysse an. Man lässt sich vom Fluss der nicht endenden Sätze und Teilsätze einfangen, beginnt sozusagen darin und damit zu schwimmen. Es entsteht so eine reiche, vielfältig bebilderte Welt in Form eines bewegten, sich dauernd wandelnden Raums, bewohnt und belebt von Tieren, Menschen, farbigen Formen und Gegenständen. Die Sprache gleicht einer mehrstimmigen Fuge mit mancherlei Themen und Motiven, bereitet Geschichte und Gesellschaft auf, immer wieder ironisch anspielend und kommentierend. Voll im Bann dieser so berauschenden wie herausfordernden Erzähltechnik, geführt zu einem Nachspüren und Mitdenken in mehrschichtig hypotaktischen Assoziationsgefügen, erkennt man eine Unmenge von Anspielungen und direkten Bezügen auf Personen oder Vorgänge.

Ein autobiographischer Roman? Erst mit dem Vordringen in die erzählte und erzählende Welt könnte man auf den Gedanken kommen. Doch der Autor liefert selbst die Deutung: «Was willst du die Wahrheit erzählen, so lang dir viel Interessanteres einfällt?» (Seite 146). Auf starken autobiographischen Bezug weist der Untertitel hin: Das dritte Buch vom Flug. Frühere Publikationen Hännys, vor allem Ruch (1979), Zürich, anfangs September (1979), Flug (1984/2007), Giorgio, guardati! (Nachwort zu C. F. Meyers Jürg Jenatsch, 1988), Blooms Schatten (2014) setzen sich mit denselben Themen auseinander, Themen, die stark autobiographisch geprägt sind.

In der Tat, es ist ihm viel Interessantes eingefallen, das er mit begnadeter Beredsamkeit zu einem inneren Monolog mit diesen unglaublich weitläufigen Verknüpfungen zusammenfügt, «auftürmt», wie er selber schreibt, «Traumwörter zu einem ausufernden Handlungsdickicht … (spinnend)».

Ein Thema ist die Literatur. Autoren vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart werden manchmal angetupft (so hat das Rapunzel-Märchen in einem Viertel eines Nebensatzes Platz), manchmal mehr oder weniger ausführlich dargelegt. Oft so versteckt oder umschrieben, dass man es nur bemerkt, wenn man schon eine Ahnung davon hat. Nach vielen knabenhaften Fantasien nach der Karl-May-Lektüre (man mag sich an eigene solche vielleicht erinnern) ist es «der grosse Cla…», der Sekundarlehrer, der dem Lesehungrigen die grosse Weltliteratur nahebringt. Das führt zu einer erlebnisreichen Art von Tauchgang in die sprachliche Bewältigung dieser grossartigen Erlebnisse des Heranwachsenden, reich gestaltet vom ausdrucksgewandten Autor. Mit diesem literarischen Thema verbunden ist auch das, was man beim Lesen als «Daheim» spürt, die vielen Anknüpfungen an Geschichte und Volkstum, an Sagen, Fabeln, Märchen; an «Nenis (Grossvaters) Geschichten», meistens eingewoben in Nebensätze von Nebensätzen. Vital, naturalistisch; Mensch, Sage, Geschichte, Landschaft, Tier – alles einbezogen zu einem Sprach-, Spiel-, Erzählraum, zu einem Lebensraum schliesslich, der Bewusstes und Unbewusstes zu parallelen und mehrschichtigen Geschichten und Bildern verknüpft. – Nochmals: Fabulieren schafft Heimat und die Erinnerung daran.

Anhand einer Postkarte der ausgewanderten Tante aus New York beschreibt Hänny die darauf abgebildete Häuserzeile und breitet damit ein Bildwörterbuch der Architektur vor dem Leser aus – fast unmöglich für Laien, ohne Nachschlagen alles genau sich vorzustellen. Wenn man da neugierig ist, kann sich das möglicherweise als Hemmung des Leseflusses erweisen. Doch es schafft Welt, Raum, Erlebnis – und enthält ganz leise wiederum einen Ruch Ironie, eine nur andeutungsweise Persiflage des Bildungsideals, wie es auch an anderen Stellen des Buchs hin und wieder glossiert wird.

Reto Hänny, Sturz. Das dritte Buch vom Flug, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 579 Seiten. ISBN 978-3-95757-870-9

Ein weiteres Hauptthema, in den Romantext integriert, ist die Musik, von der Spätromantik (Bruckner, Mahler) zur Moderne (Impressionisten, Neue Wiener Schule). Die Charakterisierung der Werke von Ravel, Debussy, Strawinsky sucht ihresgleichen. Liest man die Schilderung und Interpretation von Mahlers «Tongebirge» (sic) und kennt man die Symphonien, so scheinen Motive und Themen beim Lesen über das innere Ohr aufzuklingen.

«Ein Text ist keine lineare Wortfolge (…) sondern ein mehrdimensionaler Raum, ein Gewebe von Zitaten unterschiedlichster kultureller Provenienz», liest man auf Seite 515f. Dem ist nicht viel beizufügen. Höchstens noch die vom Autor erwähnte Metapher von der Flöte, deren Ton nur vernimmt, wer sie selber spielt. Was bedeuten soll, dass man Reto Hännys Sturz am nächsten kommt, wenn man auf irgendeine metaphysische Art versucht, lesend mitzuspielen.

Reto Hänny
Verlag Matthes & Seitz

2 Kommentare

  1. Danke, lieber Fritz, für diese Betrachtungen zu Reto Hännis Buch. Sie gehen in die Tiefe dieses starken Werkes; zugleich verstehe ich Deine Gedanken als «Wanderwegweiser», indem ich von den genannten Seitenzahlen aus weiterlese, erklimme ich einige der Gipfel. Denn das habe ich selbst schon bemerkt: Dieses Buch muss man nicht wie einen Kriminalroman von vorn bis zur letzten Seite lesen. «Hin- und Zurückspringen» scheint erlaubt.

  2. Zum Cover des Buches „Sturz“ von Reto Hänny

    Ich habe gerne Bücher, ich lese gerne. Im Gegensatz zum Film, lässt einem ein Buch mehr Freiheit: Man kann Bild und Ton anhand des Buchinhalts selber gestalten.
    Wichtig ist für mich auch, wie das Buch aussieht, denn es liegt ja während der Zeit in welcher man es liest, immer irgendwo herum, Tisch, Nachttisch. Dort ist es dann wie ein kleines Bild, man schaut es gerne an oder eben nicht. Ich habe schon Bucheinbände übermalt, wenn ich sie grässlich oder schon nur langweilig fand. Das cover ist die Visitenkarte.
    Nun ist das neue Buch von Reto Hänny herausgekommen, und ich muss sagen, die Gestaltung dieses Buches von Grafiker Felix Humm, die schiesst nun in der Bücherwelt den Vogel ab, oder ist einsame Spitze oder wie immer man etwas hochgradig Gelungenes bezeichnen möchte. Wir sehen einen Nachthimmel. Der Nachthimmel ist für die Menschen ein Urthema. Er lehrt uns wie klein wir sind und unvorstellbar gross dagegen das Universum. Wenn wir an Orten sind, wo es keine grosse Lichtverschmutzung gibt, erleben wir das. Und nun liegt es auf dem Tisch, als Buchumschlag. Und dann natürlich nicht mit quer darüber geschrieben: „Sturz» Reto Hänni, was alles zerstören würde, sondern mit weissen, relativ kleinen Buchstaben, die man fast zu den Sternen zählen kann. Schön! Eine hervorstechende bildnerische Leistung. Ich freue mich täglich darüber.

    Christine Knuchel, Gontenschwil

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