FrontKolumnen65+-Generation in Ehren - über die Zeit hinaus 

65+-Generation in Ehren – über die Zeit hinaus 

Derzeit sind Alt und Jung in vorgegebener Distanz unterwegs. Die Kontakte und der persönliche Dialog in die elterlichen Wohnungen, Altersresidenzen usw. sind über   Informatik und Handys zwar fernmündlich möglich. Grosseltern können die Kinder ihrer Kinder immer noch nicht hüten, die unterstützende Betreuung der Jugend bleibt aus. Immerhin, seit dem Montag dürfen die «Grosseltern Enkel wieder in die Arme nehmen.»

Fakt der letzten Corona-Wochen ist, dass die 65+-Generation, auch die gesunden, insgesamt als Risikogruppe betrachtet wird und «das Haus hüten» soll und den Weg in die öffentlichen Räume und die Natur soweit möglich zu meiden hat. Das Gros hält sich daran und versteht es, diese Zeit zu Hause zu geniessen. Dass es die ältere Generation gehorsam versteht, sich an die vorgegebenen gesundheitsbedingten Leitplanken zu halten, nimmt Jung und Alt mit Respekt zur Kenntnis.

Gerade während dieser schwierigen Zeit, die unsere Gesellschaft aller Generationen, in praktisch allen Ländern des zusammenwachsenden globalen Dorfes, hart trifft, gibt es philosophische Theoretiker, die Alt und Jung auseinanderdividieren. Schade. Man hält der 65+-Generation allzu gerne vor, dass sie zu Lasten der Jugend leben würden? Unverständlich. Die Kehrseite der Medaille: Die Beziehung zwischen Heranwachsenden und ihren Eltern und Grosseltern war doch nie so harmonisch wie heute. Die meisten Schulabgänger wollen ihre eigenen Kinder später mehr oder weniger genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Auch die Kontakte zu den Grosseltern sind in der Regle bestens. Die «Alten» unterstützen ihren Nachwuchs und die Enkel vielfach auch finanziell.

Von Generationenkonflikten, wie sie in den 68er-Jahren zum Ausdruck kamen, sprechen heute nur noch die Extremisten beider Seiten. Die häufigsten Konfliktgründe zwischen Generationen sind vielleicht gegensätzliche Ansichten, unterschiedliche Wertvorstellungen und unterschiedliche Arbeits- und Lebensstile. Generationenkonflikte gab es schon zu meiner Jugendzeit, zwischen Vater und Grosseltern. Die damaligen Jungen rebellierten gegen die Alten,   gegen ihre Politik, ihren Lebensstil, ihre Werte. Sie konfrontierten die Elterngene­ration mit ihrer Inkompetenz und riefen zum Umdenken auf. Im Widerspruch argumentierten die Alten an die Adresse der Jugend zu vermehrter Vernunft in jederlei Hinsicht.

Immerhin, zu keiner früheren Zeiten konnte die jungen Generationen in der westlichen Welt so viel Wohlstand und Komfort geniessen wie heute. Die Jugend fürchtet aber gleichzeitig auch um ihre Zukunft.  Ja, Sie will eine intakte Umwelt über ihre Zeit hinaus und ist willens, nicht nur zu konsumieren. Sie ist motiviert und engagiert sich: sie will die Welt zugunsten der kommenden Generationen retten und geht für diesen Kampf auf die Strasse und stösst damit sogar auf ökonomische Widerstände. So gesehen sind jungen Generationen politischer und mutiger als ihre Eltern und Grosseltern. Wahre Jugendlichkeit im Geiste von Innovation und engagierter Zukunftsfähigkeit, im Wissen, dass es in Europa immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt. Erfreulich und zukunftsgerichtet ist dabei allemal, dass die Jungen heute überall mitreden, gehört und ernst genommen werden ­wollen; und dass sie es, dank digitaler Technologien, auch können.

Der einzigen Diskrepanz in der Debatte zwischen den Generationen ist die Sicherung der Altersvorsorge. Beim Aufbau unserer Sozialwerke im letzten Jahrhundert war der Fokus auf die notwen­dige Sicherung des Lebensabends gerichtet. Seit Jahrzehnten ist absehbar, dass demographische Veränderungen die Gesellschaft massgebend tangieren werden. Auch für die notwendigen umlagefinanzierten Systeme der Alterssicherung stehen zweifelsohne die demographischen Fragestellungen im Zentrum. Der Rentnerquotient steigt. Die Systeme geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Nur die permanenten Bemühungen hinsichtlich der Steuer- und AHV-Reform sichere den Wohlstand und stabilisiere die Altersvorsorge.

Das Bundesgesetz über die Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF), welches die Schweizer Stimmberechtigten anlässlich der Volksabstimmung vom 19. Mai 2019 –  Bundesgesetz über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung (STAF) – mit 66,4 % Ja-Stimmen angenommen haben, war ein erster Schritt zur Sicherung der Altersvorsorge. Die nachhaltige Finanzierung und Sicherung der Sozialwerke ist und bleibt   eine permanente Aufgabe der Schweizer Finanzpolitik. Es ist daher zu begrüssen, dass der Bundesrat inzwischen weitere Anstrengungen aufgegleist hat, damit die gesetzlichen Rahmenbedingungen an die veränderten demographischen und finanzmarktechnischen Gegebenheiten anzugleichen. Die Reformvorlage AHV 21 hat nämlich zum Ziel, das finanzielle Gleichgewicht der AHV bis 2030 zu sichern und das Leistungsniveau der Altersvorsorge zu erhalten.

Ohne das Miteinander der Generationen können wir die Zukunft nicht gestalten. Gerechtigkeit zwischen den Generationen besteht immer darin, für alle Generationen, unter Einbezug der Wirtschaft, gleichermassen ein angemessenes Verhältnis von Beitrag zu Leistung im Alter zu sichern. Die heutige Jugend versteht den korrekten und dankbaren Umgang mit der Generation der Väter und Urgrossväter vorbildlich. Der «philosophische   Vorwurf» an die AHV-Generation, wonach diese in den Genuss verbilligter SBB-Tickets kommen und permanent alle Züge verstopfen würden, widerspricht dem Anstand und Respekt gegenüber älteren Menschen.


Roman Weissen war Gemeindepräsident von Unterbäch, Walliser CVP-Grossrat, Stabsmitarbeiter bei zwei Generalstabschefs, Info-Beauftragter des damaligen Auslandsgeheimdiensts SND und Info-Chef von Seilbahnen Schweiz.

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