FrontKolumnenDas Wohl unserer Kinder

Das Wohl unserer Kinder

Die Gewaltdelikte zwischen Jugendlichen haben 2019 im Kanton Zürich um 36 Prozent zugenommen – eine alarmierende Zahl, die nicht mit Schulterzucken übergangen werden darf. Was steckt dahinter? Eine bedrohliche gesellschaftliche Entwicklung zeichnet sich ab.

Es ist eine Binsenwahrheit, dass Kinder schutzbedürftig sind und Nestwärme brauchen. Das Kopfnicken geht durch alle Generationen, aber den Tatbeweis erbringen immer weniger Eltern. Aber was heisst schon Eltern? Die Scheidungsrate ist gesamtschweizerisch mit 16’611 im letzten Jahr zwar nur leicht gestiegen, aber das sind immerhin 45,5 Trennungen pro Tag (Sonntage eingerechnet). Von mehr als 12’000 jährlich betroffenen unmündigen Kindern ist in der Statistik die Rede, doch das wird als Kollateralschaden einfach so hingenommen.

Die Corona-Epidemie hat weitere Erkenntnisse an den Tag gebracht: In fast 70 % der Familien hierzulande übernehmen die ach so gescholtenen Grosseltern, die man als Risikogruppe stigmatisiert, einen Teil der Kinderbetreuung. Das hat unzählige Doppelverdiener in die Bredouille gebracht, als Bundesrat Berset und Daniel Koch vom BAG dieses gesundheitliche Risiko nicht mehr eingehen mochten. 

Und dann kam der grosse Aufschrei von Parteigremien mit Profilierungswünschen, als sich die Bildungsdirektorin Silvia Steiner getraute, die Öffnung der Schulen vorerst auf Halbklassen zu beschränken – und zwar bedachtsam zum Wohle der Kinder. Elternkreise liefen Sturm dagegen, aber nicht etwa aus Besorgnis um ihre Schutzbefohlenen, sondern weil sie sich nun noch länger um ihre Sprösslinge kümmern und ihre beruflichen Präferenzen zurückstellen sollten. Ja, der Flickenteppich Schule ist ärgerlich, aber die Unwägbarkeiten bezüglich der Ansteckungsgefahr der Grundschüler sind ernst zu nehmen. Tut die Schule zu wenig, hagelt es Kritik, tut sie zu viel, meckert die andere Seite. Allen Leuten recht getan…

Die Kitas, die einmal dafür bestimmt waren, Eltern in finanziellen Nöten beizustehen, die gezwungenermassen zusammen einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen, sind längst zum Wohlstandsphänomen eines Selbstbedienungsladens verkommen. Papa Staat soll zahlen. Er soll gefälligst seine Schatulle öffnen und „Einrichtungen der familienergänzenden Kinderbetreuung unterstützen und die Eltern von ihrer Beitragspflicht entlasten“, so die aktuelle Forderung der Gewerkschaft VPOD. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, solange Bedürftige damit entlastet werden können. Aber es ist nicht einzusehen, weshalb Gutverdienende mit einem Zweitauto, einem Ferienhäuschen und wiederkehrenden Badeferien auf den Malediven von ihren Beitragspflichten entbunden werden sollten. Die staatliche Kuh melken war halt schon immer verlockender, als die mühselige Erziehungsarbeit zwischen den Ehepartnern gütlich zu regeln. Das Erwachen in der Nach-Corona-Zeit wird schmerzlich sein.

Das japanische Sprichwort «Die drei Affen von Nikkō» / Foto © Wikipedia

Ich weiss schon, dass man zu den Ewiggestrigen zählt, wenn heutzutage noch sog. altmodische Mutter- und Vaterpflichten eingefordert werden. Und damit wären wir bei der signifikanten Zunahme von Gewaltdelikten von Jugendlichen. Die Ursachen liegen klar auf der Hand. Die Täter werden ja nicht als solche geboren, aber sie stammen aus Familien, „die durch Krankheit, Sucht, Kriminalität, Integrationsprobleme und geringe Erziehungskompetenzen gekennzeichnet sind.“ Dazu zählen auch Zugezogene, welche durch Gewalterfahrungen traumatisiert wurden und entwurzelt die natürlichen Hemmschwellen ablegen und – oftmals unter Alkoholeinfluss – besorgniserregende Delikte begehen. 

5027 Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren sind 2019 im Kanton Zürich „mit einfachen und schweren Körperverletzungen, (versuchten) Tötungen, Raufhandel, Raub, Erpressung, Drohung, Gewalt und Drohungen gegen Beamte sowie sexueller Nötigung und Vergewaltigung“ in die Fänge der Jugendjustiz geraten. Das Durchschnittsalter der mehrheitlich männlichen Täter betrug 15,6 Jahre – und die Gewaltexzesse haben ein erschreckendes Ausmass angenommen. In Windeseile werden über die sozialen Medien Mitläufer mobilisiert, welche noch so gerne in die angezettelten Randale eingreifen. Es muss erst Tote geben, bis die Rädelsführer mit einer Null-Toleranz-Haltung zur Räson gebracht werden.

Dass auch ganz junge Beschuldigte punkto Ausgang (von wem auch immer) einen Freibrief für ihre oft nächtlichen Eskapaden erhalten, zeigt auf, wie sorg- und verantwortungslos die Anything-goes-Mentalität einer degenerierten Elternschaft zugenommen hat. Sobald die Fussballstadien wieder öffnen, wird das Katz- und Mausspiel mit den ach so bösen Bullen wieder fröhliche Urständ feiern. Dann verursacht die  Eindämmung der Gewalt für die Steuerzahler pro Hochrisikospiel wiederum eine Viertelmillion und mehr. Aber dass die Eltern dafür zur Kasse gebeten werden, habe ich noch nie gehört. Sie haben das japanische Sprichwort der drei symbolischen Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen, derart verinnerlicht, dass nur noch ein Weckruf der Justiz sie in die Pflicht nehmen kann. Wem läutet es da endlich in den Ohren?

2 Kommentare

  1. Auch wir Alten und die Eltern werden durch die gesellschaftliche Entwicklung heraus- und überfordert, weil wir alte Werte schnell über Bord werfen, um «in» zu sein. «America first» ist eine Lüge und meint : «Ich zuerst». Dabei verschwinden die Nächsten und die Gemeinschaft aus dem Blickfeld.
    Kinder werden leider in allen Altersstufen ohne Anleitung sich selbst überlassen. Sie liegen ohne Zuwendung im Kinderwagen, weil die Begleitperson am Handy hängt. Später fehlen Rollenspiele mit andern Kindern und werden durch Geflimmer am Bildschirm ersetzt und die Verantwortung für nicht gelöste Hausaufgaben der Schule schiebt man den Kindern zu. Finden schliesslich erwachsene Personen, z.B. Lehrpersonen in Musik, Sport, Jugendgruppe etc. Zeit für direkte Auseinandersetzungen, hat der Jugendliche Glück gehabt. Andernfalls bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an Gleichaltrigen zu orientieren und seine Wirksamkeit in der entsprechenden Rotte, Bande oder Gemeinschaft zu erproben. Kommt es dabei zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, ist problematisches Verhalten leichter zu erkennen und anzupacken, als wenn die hormonbedingten Unsicherheiten junger Leute zur Flucht nach innen, Drogenkonsum, Depression und Suizid führen.
    Ich wünsche mir für erträgliches Zusammenleben in der Gesellschaft mehr Einblick in die Situation der Andern, nicht nur per Medien, sondern real. Also interessiere ich mich für Hilfeleistungen, Unterstützung beim Hobby, Begleitung von Berufsleuten usw. was zur Einsicht führt, dass ich auch beim Einkaufen auf die globale Gemeinschaft angewiesen bin, in die ich mich mit meinen Fähigkeiten vernünftig einfügen will und darf.
    Auch die Gesellschaft nach Corona ist leider alles andere als kinder- und jugendfreundlich. Umso wichtiger werden reale Vorbilder, die Verantwortung übernehmen und Vertrauen verdienen, sei es als Eltern, fremde Betreuungspersonen, Kolleginnen und Kollegen.

  2. Ich danke Ihnen, Herr Rohrer, für Ihren wertvollen Kommentar. Ihre Argumentation ist ein Lichtblick in selbstherrlichen Zeiten, in denen die Kinder immer öfter sich selbst überlassen werden. Die Quittung dafür wird ein böses Erwachen sein.

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