FrontGesellschaftWir können uns nicht umarmen, freuen uns aber auf die Gäste

Wir können uns nicht umarmen, freuen uns aber auf die Gäste

Schweizerinnen und Schweizer sollen ihre Ferien dieses Jahr im eigenen Land verbringen, sagt der Bundesrat. Trotzdem bleibt Italien für viele Menschen nördlich der Alpen die Traumdestination per se. Aber öffnen die Grenzen rechtzeitig? Antonella Sormani (Bild) betreibt in Cattolica an der Adria ein traditionsreiches Familienhotel. Seniorweb sprach mit ihr über Pläne, Hoffnungen und ihr Wechselbad der Gefühle.

Das wird eine besondere Saison. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Antonella Sormani: Wir sind bereit. Trotz der begrenzten Zeit, die wir für die notwendigen Vorbereitungen hatten, können wir öffnen. Der italienische Hotelverband hat zusammen mit der WHO und mehreren Experten Massnahmen ausgearbeitet. Diese werden nun von der Regierung geprüft und danach alle Aktivitäten der Hotelindustrie regeln. Ohne diese Bestimmungen wäre die Öffnung kompliziert und riskant. In der Zwischenzeit schliessen wir bei uns im Hotel die Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten ab, die der Lockdown abrupt unterbrochen hat.

Können Sie überhaupt planen?

In den letzten Tagen haben wir versucht, nicht den Mut zu verlieren und unsere Mitarbeiter zuversichtlich zu halten. Wir haben diese Situation für neue Ideen und Anregungen genutzt, haben Online-Webinare besucht und uns überlegt, wie wir unsere Arbeit und unsere Abläufe im Hotel modernisieren und verbessern können. Natürlich haben wir uns auch etwas Zeit für uns und unsere Familien genommen, was in dieser Jahreszeit ungewöhnlich ist. Sicherlich wird die Pandemie unsere Lebensweise für lange Zeit verändern. Aber wir werden uns dieser Herausforderung stellen und neue Ideen umsetzen, immer im Respekt vor der Tradition unseres Hotels.

Die Website der Villa Fulgida ist so einladend wie eh und je…

Die Website und die sozialen Kanäle ermöglichen es uns, unser Haus sichtbar zu halten und die Kontakte mit unseren Kunden zu pflegen. Sie sind immer begierig darauf zu erfahren, was in ihrem geliebten Cattolica geschieht. Wir verwenden gerade jetzt viel Aufmerksamkeit auf diese Kommunikation.

Wann öffnen Sie Ihr Hotel?

Voraussichtlich nach Mitte Juni.

Wie geht physical distancing im Hotel, im Restaurant, am Meer?

Der geforderte Abstand ist ein physischer und kein sozialer! Man wird uns nicht daran hindern, zu plaudern, im Meer zu schwimmen, uns zu sonnen, spazieren zu gehen oder an einem Aperitif zu nippen. Aber es wird nötig sein, all diese Vorkehrungen zu treffen, die wir inzwischen gut kennen. Wenn nötig, werden wir im Speisesaal, im Frühstücksraum und in den Gemeinschaftsbereichen verschiedene Schichten organisieren und dabei auf die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Kunden Rücksicht nehmen. Unser über 2500 Quadratmetern grosser, von Bäumen gesäumter Garten wird solche Massnahmen erleichtern.

Wird es also trotzdem den gewohnten, herzlichen Empfang geben?

Wir können uns zwar nicht umarmen, aber wir werden dennoch jene Empathie vermitteln, die den besonderen Charakter des Volkes der Romagna ausmacht. Im Gegenteil, wenn es weniger Veranstaltungen wie Konzerte und Shows gibt, werden unsere Gäste einen Urlaub verbringen können, der sich auf das Meer konzentriert und auf die Entdeckung einer geschichtsträchtigen Hügellandschaft, um die uns viele italienische Regionen beneiden.

Ministerpräsident Giuseppe Conte versprach, auch dieses Jahr werde man ans Meer können. Und Tourismus-Präsident Giorgio Palmucci will sogar bilaterale Verträge mit den Schengen-Staaten schliessen, um den Tourismus zu fördern. Was sagen Ihre Stammgäste?

Italien ist dank seines diversifizierten Angebots seit jeher eines der wichtigsten Reiseziele der Welt. Unser Wirtschaftssektor liegt den Politikern am Herzen, weil er eine sehr wichtige Einkommensquelle für die Wirtschaft unseres Landes ist. Er erwirtschaftet 13% des gesamten nationalen BIP. Italien befindet sich noch immer in Covid-Phase 2, also der kontrollierten Öffnung, und obwohl sich die Ansteckungen verlangsamen, ist es immer noch besorgt über einen möglichen Anstieg des Virus. Aus diesem Grund sind Italiener und ausländische Kunden angesichts des nahenden Sommers noch immer unsicher und zögern.

Haben Sie Buchungen für diese Saison?

Wir bleiben optimistisch und glauben, dass bei einer fortschreitenden Abschwächung der Epidemie der Wunsch nach Meer und Urlaub rasch wieder da sein wird. Das bestätigen auch die Reservierungen für Juli, August und September, die wir in unserem Buchungsplan haben.

Wie ist die Stimmung unter den Hoteliers und den Bagnini in Cattolica?

Die Akteure der Tourismusbranche sind sehr unsicher, was die Öffnung betrifft, so sehr, dass in einer kürzlich durchgeführten Umfrage mehr als 50% der Befragten angaben, noch keine Entscheidung über die Gestaltung der Saison getroffen zu haben. Die von der Regierung zugesagten Zuschüsse und Finanzierungen könnten jenen Unternehmen helfen, die sich am meisten in Schwierigkeiten befinden, denn das Geschäftsrisiko ist nach wie vor sehr hoch. Viele familiengeführte Hotelbetriebe verfügen nicht wie grosse Ketten über finanzielle Liquidität und Reserven. Es bedarf konkreter und schneller Hilfe, um zu verhindern, dass sich kleine Unternehmen für eine dauerhafte Schliessung entscheiden.

Am Wochenende haben Sie auf Facebook wunderbare Fotos gepostet. Ist alles bereit, fehlen bloss noch die Gäste?

Mein Mann und ich praktizieren Nordic Walking und wir möchten, dass unsere Gäste diese Aktivität ausprobieren. Sie ist eine echte «Passoterapia». Der Park San Bartolo oberhalb von Gabicce und die natürliche Oase des Flusses Conca sind ein ausgezeichnetes Fitnessstudio und nur wenige Schritte von Cattolica entfernt. Zahlreiche Wege führen dorthin, die Gegend ist für jeden erreichbar. Ab Ende Juni werden wir wieder bereit sein, unsere Region mit unseren Gästen zu teilen. Und wenn es für jemanden schwierig wird, im Jahr 2020 Urlaub zu machen, werden wir ihn und sie im Jahr 2021 erwarten, wenn Covid 19 nur noch eine Erinnerung sein wird, über die wir sprechen werden.


Antonella Sormani ist Hotelière in Cattolica. Ihre Tante und ihr Vater haben das Hotel Villa Fulgida (https://www.villafulgida.it/de) 1933 übernommen und zu einem beliebten Familienhotel ausgebaut. Sie führt es seit den 80er Jahren mit geschickter Hand und einem erfolgreichen Team.

Das Interview wurde auf Italienisch geführt. Jürg Bachmann hat es ins Deutsche übersetzt.

 

 

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