FrontGesellschaftDie Situation in Alters- und Pflegeheimen hat mich berührt

Die Situation in Alters- und Pflegeheimen hat mich berührt

Corona hat die gesellschaftliche Infrastruktur der Schweiz einem Stresstest unterzogen. Auf Regierungsrätin Natalie Rickli (Bild), Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich, waren viele Augen gerichtet. Sie packte zu und ging pragmatisch vor. Seniorweb sagt sie ihre Prioritäten.

Die erste Phase der Corona-Krise ist vorbei. Ihr Fazit mit Blick auf den Kanton Zürich?

Natalie Rickli: Die neuen Ansteckungen sind tatsächlich auf einem erfreulich tiefen Niveau. Das Gesundheitswesen hat die Krise bisher gut gemeistert. Sicher gibt es Verbesserungspotenzial. In den nächsten Monaten werden wir deshalb anschauen, was gut gelaufen ist und was weniger gut. Daraus können wir die Lehren ziehen. Ich bin froh, dass die Schreckensszenarien, die von einigen Experten prognostiziert wurden, nicht eingetreten sind.

Waren die Gesundheitseinrichtungen des Kantons Zürich stabil oder gab es auch Krisen?

Die Kadenz von neuen Entwicklungen war anfangs unglaublich hoch. Die Gesundheitsdirektion sah sich mit unzähligen Anfragen aus allen möglichen Bereichen konfrontiert, von Privatpersonen, Schulen, Veranstaltern, um nur wenige zu nennen. Damals sind wir wirklich an unsere Grenzen gestossen. Die grösste Herausforderung war für mich aber, dass wir lange ohne verlässliche Datengrundlage planen mussten. Dann wurde leider auch der Kantonsarzt krank – die wichtigste Person im Rahmen der Bekämpfung der Pandemie. Zum Glück konnten seine zwei ausgezeichneten Stellvertreterinnen die Situation auffangen. Ich bin überhaupt stolz darauf, was meine Leute von der Gesundheitsdirektion geleistet haben.

Ist der Spagat zwischen Gesundheit und Werkplatz bis jetzt gelungen?

Zu Beginn drehte sich verständlicherweise alles um die Gesundheitsthemen. Mittlerweile stehen Themen wie Bildung, Verkehr und Wirtschaft mehr im Fokus. Für die Entscheidungsträger in den Regierungen stellt der Spagat zwischen Volksgesundheit und Wirtschaftskraft eine Herausforderung dar. Dank der Disziplin der Zürcherinnen und Zürchern und der vielen innovativen Unternehmen hat unser Kanton diesen ziemlich gut gemeistert.

Mir fällt auf, dass wenig Menschen eine Maske tragen. Dabei sollten Masken Symbol gesellschaftlicher Verantwortung sein. Wie motiviert man Menschen, öfters Masken zu tragen?

Ich bin gegen eine generelle Maskenpflicht. Dies in Anbetracht der tiefen Ansteckungszahlen zu verordnen, wäre unverhältnismässig. Viel wichtiger scheint mir, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Wenn es im ÖV eng wird, macht es Sinn, eine Maske zu tragen. Ich habe immer eine Maske in der Handtasche und würde sie tragen, wenn der Abstand zu den anderen Fahrgästen zu klein ist.

Ältere Menschen sind vom Corona-Virus besonders gefährdet. Von der Krankheit und von der Isolation. Ist im Kanton Zürich für die älteren Menschen gesorgt?

Tatsächlich sind ältere Menschen besonders gefährdet. Der Altersdurchschnitt der Verstorbenen im Kanton Zürich im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung beträgt 84 Jahre. Fast zwei Drittel lebten in Alters- und Pflegeheimen. Wir haben den Heimen ergänzend zu den Regelungen des Bundesrates Vorgaben gemacht, um ihre Bewohnenden zu schützen. Diese Regeln haben vielerorts grossen Protest ausgelöst, was ich teilweise nachvollziehen kann. Die Verantwortung der Gesundheitsdirektion ist es aber, Menschen vor dem Virus zu schützen. Angesichts der guten Lage werden wir auf den 8. Juni hin nun auch für Besuche und Ausgänge in den Heimen weitere Lockerungen ermöglichen. In der ganzen Corona-Zeit hat mich die Situation in den Alters- und Pflegeheimen, die älteren Menschen, ihre Angehörigen und die Pflegenden, am meisten berührt.

In den Medien wurde ihr Führungsverhalten gelobt. Wie weit moderieren Sie, ab wann führen Sie?

Meinen Führungsstil kann man als partizipativ bezeichnen. Ich bin interessiert an der Meinung meiner Mitarbeitenden und externen Akteuren, bspw. von Spitälern, Ärzten oder Heimen. Ich höre gerne die unterschiedlichen Haltungen an, um mir eine Meinung zu bilden. Ich erwarte für Sitzungen eine gute Vorbereitung, Anträge und verschiedene Lösungsansätze. So ist es mir möglich, gute Entscheide zu fällen und zu führen.

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