FrontKolumnenDie Schweiz: 50 Jahre nach „Schwarzenbachab“

Die Schweiz: 50 Jahre nach „Schwarzenbachab“

Jetzt, genau 50 Jahre danach, kommt wieder ins Bewusstsein, was damals geschah. Die Schweiz war in Aufruhr. Es tobte landauf landab ein gehässiger, ein turbulenter Abstimmungskampf an den Stammtischen, in den Gaststuben, an den Foren in den überfüllten, rauchgeschwängerten Sälen und grossen Veranstaltungshallen, auch in den Medien.

Wird sich das jetzt nach den Sommerferien wiederholen, wenn es am 27. September 2020 um die Abstimmung über die Begrenzungs-Initiative der SVP geht? Oder ganz anders? Wird es eine sachliche, eine nüchterne Abwägung der Vor- und Nachteile geben? Oder wird Christoph Blocher noch einmal alle Register eines erfahrenen Abstimmungskämpfers ziehen, wie dies James Schwarzenbach vor 50 Jahren vormachte? Zwar eher leise, aber effektvoll, weniger breitbeinig, weniger mit den Händen gestikulierend, wie wir das von Christoph Blocher kennen.

Am Sonntag, 7. Juni 1970 harrten wir ab 12 Uhr in der Redaktion der damaligen Basler „National-Zeitung“ der Dinge, die jetzt auf uns zukommen werden. Haben wir es geschafft, die Schwarzenbach-Initiative mit zu bodigen oder wird der elegante, gebildete, vornehme und reiche Bürgersohn aus Thalwil im Kanton Zürich, der in über 100 Veranstaltungen die Säle in der Schweiz zu füllen vermochte, als der wahre Retter der Schweiz, des Schweizertums einen Triumph feiern können? Die ausländische Wohnbevölkerung der Schweiz hätte mit Ausnahme im Kanton Genf auf 10% beschränkt werden sollen, über 300’000 Ausländerinnen und Ausländer hätten die Schweiz verlassen müssen.

Die ersten Resultate aus den Innerschweizer Kantonen waren ein Schock. Der Kanton Uri stimmte mit 63%, der Kanton Nidwalden mit 57,5%, der Kanton Obwalden mit 55% der Initiative zu. Jetzt musste es der Kanton Aargau richten, der damals immer in etwa so stimmte wie die Schweiz und dessen Resultat wir um etwa 15 Uhr erwarteten. Hochrechnungen gab es noch Jahrzehnte keine. Mit 52,5% sagten die Aargauer Männer Nein zur Initiative, schickten sie, wie es damals hiess, „Schwarzenbachab“; die Frauen mussten damals noch aussen vor bleiben.

Die Abstimmung war gelaufen, wir waren erleichtert, gingen den beauftragten Arbeiten nach, holten Stellungnahmen ein. Das Kommentieren war der Redaktionsspitze vorbehalten, die schon den Abstimmungskampf bestimmt und auf ein Ziel hin ausgerichtet hatte: die Initiative mit Fakten, mit fundierten Analysen mit kompetenten Meinungen zu bekämpfen.

Das Nein war letztlich klarer, als wir erwartet hatten: 54% der Schweizer Männer schickten bei einer Stimmbeteiligung von sage und schreibe sensationellen 74% die Schwarzenbach-Initiative bachab. „Der Superpopulist“ James Schwarzenbach, wie ihn Francois Schwarzenbach (81), sein Neffe, in der NZZ aktuell beschreibt, hätte beinahe geschafft, was die Schweiz in den letzten Jahrzehnten immer wieder und immer von neuem umtrieb: die sogenannte Überfremdung des Schweizer Volkes massiv zu begrenzen. Die aufstrebende Schweizer Wirtschaft wäre arg in Bedrängnis geraten, der wirtschaftliche Aufschwung wäre massiv gebremst worden. Vor allem die italienischen Gastarbeiter hatten all die Arbeiten übernommen, von denen die Schweizerinnen und Schweizer zum ersten Mal richtiggehend Abstand nahmen, die sich zunehmend den besseren Jobs zuwandten. Die Arbeiten auf dem Bau, die Arbeiten auf den Strassen, das Putzen, öffentlich und privat, das Bedienen in den Restaurants, Pflege- und Hilfsdienste in den Spitälern, Altersheimen, die Hilfsarbeiten überall wurden den ausländischen Arbeitskräften überlassen.

Die „Tschinggen“, die sich vor und in den Bahnhöfen herumtrieben, die „fremden Fötzel“, die in Baracken hausten, waren vielen privilegierten Menschen in unserem Land, waren auch den unmittelbaren Schweizer Arbeitskollegen der Fremdarbeiter ein Dorn im Auge. Die Schweizer Mütter sorgten sich um ihre Töchter, die vom Fremden fasziniert waren. Bilder und Verhaltensweisen, die uns heute seltsam anmuten, die aber immer noch vorhanden sind, immer wieder in den Vordergrund rücken. Gerade in der aktuellen Corona-Krise treten sie wieder auf. Renationalisierung ist das Stichwort dazu. Grenzschliessungen die Folge darauf.

Von den Nachkommen der damaligen „Tschinggen“ sitzen heute viele in gehobenen Stellungen bei den Banken, bei Finanzdienstleistern, Versicherungen, an den Schaltern der SBB, der Post, führen eigene Geschäfte. Sie trugen und tragen wesentlich zu unserem Wohlstand bei. Der Bürgersohn James Schwarzenbach würde sich heute wundern. Die Hilfsarbeiten haben andere übernommen, zuerst die Menschen aus Portugal, Spanien, später aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, dann die Tamilen, jetzt zunehmend Menschen aus Afrika.

Immer wieder standen und stehen wir vor einer entscheidenden Abstimmung. Wollen wir am 27. September 2020 eine Begrenzung der Zuwanderung vornehmen, wie dies die Initiative der SVP vorsieht? Eine Initiative, die aber weit mehr verlangt als nur die Kündigung  der Personenfreizügigkeit, die damit einhergehend als Folge davon die automatische Auflösung der bilateralen Verträge mit der EU mit sich bringt. Und das zu einer Zeit, in der die EU im Interesse der Schweiz zu stärken ist, damit sie im Wettbewerb zwischen den USA und China nicht zerrieben wird, sondern sich als dritte Kraft in der Welt zu etablieren versteht, einen Markt von 500 Millionen Menschen sichert, in den die Schweiz ihre Produkte als wichtigsten Markt auch exportieren kann. Und unsere hochkarätigen Produkte finden nur dann Absatz, wenn es den Menschen in Europa und in der Welt auch gut geht, wenn sie sich die Dienstleistungen und eben die Produkte auch leisten können, sei es auch nur Schokolade…

Das Schweizer Stimmvolk hat sich vor 50 Jahren nach einem brisanten Abstimmungskampf nicht vom „Superpopulisten“ James Schwarzenbach verführen lassen, ist der Vernunft gefolgt. Warum soll das am 27. September anders sein, vor allem auch deshalb, weil diesmal die Frauen – Gott sei Dank! – mitbestimmen können?

3 Kommentare

  1. Grüetzi Herr Schaller
    Mit Interesse habe ich ihren Beitrag gelesen und mich gefragt, ob es darauf wohl Kommentare gebe. Offensichtlich sind alle mit ihnen einverstanden oder sie getrauen sich nicht darauf zu schreiben.
    Ich habe diese Abstimmung damals als «Stift» im zweiten Lehrjahr in einem grossen Winterthurer Industriebetrieb mit vielen Fremdarbeitern wie sie zu jener Zeit genannt wurden miterlebt. Man hat bereits damals auf beiden Seiten Ängste geschürt und auf Arbeitgeberseite vor allem mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und Wohlstand gedroht. Den Ausgang und die anschliessende Entwicklung der Schweiz kennen wir ja jetzt. Zurückblickend frage ich mich heute wessen Wohlstand stand damals wirklich im Vordergrund?
    Ich meine nur, bevor wir uns am 27. September endgültig festlegen, sollten wir uns einige Gedanken darüber machen, wie es bei uns heute wohl aussähe, wenn wir uns an diesem denkwürdigen Tag vor 50 Jahren anders entschieden hätten. Oder hätte man bereits damals das Resultat so hingebogen, dass es wieder gepasst hätte. Ich weis, diese Frage kann niemand mit Sicherheit beantworten, sowenig wie was geschieht wenn wir uns am 27. September so oder anders entscheiden.
    10.5 Millionen Einwohner bis 2050 machen mir irgendwie Angst und werden Aufgaben und Probleme mit sich bringen die uns sehr beschäftigen werden. Da ist dann anstehen von Bedürftigen für Lebensmittel nur der Anfang.
    Ich hoffe ich habe ein Wenig zum Nachdenken angeregt.
    Vorausschauen in die Zukunft ist wichtig, zurückblicken und mögliche Lehren aus der Vergangenheit ziehen mindestens so.

  2. ich teile deine auffassung toni. wir «alten» haben es on der hand diese kopfab-initiative blochab zu schicken. die generation blocher wird ja auch immer älter. die svp gefährdet den wohlstand der schweiz.

  3. Gegen die Meinungen von Schaller, Schmid und Lehmann braucht man nicht zu kämpfen. Zu nahe liegt bei denen der Geizhals gegenüber Blocher und der SVP. Eines ist auf jeden Fall sicher, dass die Zeit für die SVP läuft und dannzumal will ich dann die Argumente der Blocherhasser und SVP-Gegner hören. Vermutlich wird es dann ein Schweigen der Lämmer.

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