FrontGesellschaftUnnötige Sorgen um die Schulden?

Unnötige Sorgen um die Schulden?

Ulrike Herrmann (Bild), die deutsche Wirtschaftsredaktorin und Autorin, schreibt Bestseller zu Finanz- und Wirtschaftsfragen, tritt häufig und eloquent in Talkshows auf und hält mit ihrer pointierten Meinung jeweils nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Auch die Fragen von Seniorweb beantwortete sie spontan und freut sich auf die Reaktionen.

Ulrike Herrmann, Sie haben mit Ihrem Statement in der ARD-Sendung Presseclub „Die Schulden werden meistens ja nicht zurückbezahlt, müssen auch nicht zurückbezahlt werden“ Aufsehen erregt: Wie ist Ihre Aussage zu verstehen?

Ulrike Herrmann: Staaten zahlen ihre Schulden nicht zurück, die sie aufgenommen haben, um eine Rezession zu bekämpfen. Stattdessen hoffen die Länder darauf, dass die Schulden an Bedeutung verlieren, wenn die Wirtschaft wieder wächst.

Alle gehen davon aus, dass Schulden früher oder später beglichen werden müssen und dass vor allem die nachfolgenden Generationen zur Kasse gebeten werden. Sind diese Drohungen gerechtfertigt?

Nein. Die nächste Generation wird nicht belastet. Denn Schulden des Staates bedeuten, dass der Privatsektor in gleicher Höhe Finanzvermögen hat. Schulden und Geldvermögen gehören immer zusammen, sind zwei Seiten einer Medaille. Der nächsten Generation werden also nicht nur Schulden, sondern auch Vermögenswerte vererbt.

Gilt diese Beurteilung für alle oder nur für Staaten wie die Schweiz und Deutschland, die eine seriöse Finanzpolitik hinter sich haben?

Es gibt zwei Grenzen bei der Staatsverschuldung: Es darf dadurch keine bedrohliche Verschuldung im Ausland entstehen – und es darf nicht zu einer Inflation kommen. Eine Auslandsverschuldung ist in Deutschland oder der Schweiz nicht zu befürchten: Beide Länder haben sehr hohe Exportüberschüsse.  Eine Inflation ist momentan ebenfalls nicht zu erwarten. Durch die Corona-Pandemie stehen fast alle Unternehmen still, die Arbeitslosigkeit steigt. Es gibt also einen scharfen Wettbewerb und gleichzeitig eine schwache Nachfrage. Die Firmen müssen um jeden einzelnen Kunden kämpfen. Da erhöht niemand die Preise, stattdessen gibt es eher Rabattschlachten. Der Staat kann also gefahrlos Schulden machen, um die Krise zu bekämpfen.

Die Europäische Bank EZB flutet die Wirtschaft mit Geld. Für viele Zeitgenossen ist völlig unverständlich, dass so viel Geld in den Markt gepumpt werden kann. Viele stellen sich die einfache Frage, woher kommt das Geld, wer „druckt“ es, wer zeichnet dafür verantwortlich?

Das Geld entsteht ganz einfach „aus dem Nichts“. Dies sind schlichte Buchungsoperationen bei der EZB.

Die Schweiz und Deutschland haben in der Vergangenheit eine  sorgfältige, sparsame Finanzpolitik praktiziert. Nun wird das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Kommt hier nicht ein Widerspruch zum Ausdruck? Ist diese Politik noch verständlich zu kommunizieren?

Viele Menschen haben tatsächlich ein Problem zu verstehen, warum erst das Mantra der „Schwarzen Null“ galt – und nun  plötzlich viele Schulden gemacht werden. Es kommt eben auf die Situation an: In normalen Zeiten sollte der Staat nur maximal so viele Schulden machen, wie er investiert. In Krisenzeiten hingegen ist es zwingend, dass der Staat Kredite aufnimmt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Deutschland hat neben einem Überbrückungspaket für die Bewältigung der aktuellen Wirtschaftskrise nun noch ein historisches Konjunkturprogramm von 130 Milliarden Euro aufgelegt. Wird dieser „Wumms» der Wirtschaft Flügel verleihen?

Das Konjunkturpaket ist deutlich besser, als wenn es keines gegeben hätte. Trotzdem sind einige Massnahmen umstritten und zweifelhaft. Dazu gehört, dass die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr um zwei bis drei Prozentpunkte gesenkt wird. Dies kostet 20 Milliarden Euro, dürfte aber kaum Effekt haben. Denn viele Firmen werden diese Ersparnis nicht an die Kunden weiterreichen, sondern stattdessen ihre eigenen Gewinne erhöhen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte im ZDF die  Kreditaufnahmen. Auf der anderen Seite haben Sparer Angst, ihr Vermögen könnte sich durch Negativzinsen verringern. Was bedeutet das Programm für die Sparer? Ist das Aktiensparen eine Alternative?

Aktien sind keine Alternative. Jeder hat es miterlebt: Zu Beginn der Corona-Pandemie sind die Börsen weltweit abgestürzt. Der deutsche Aktienindex DAX hat beispielsweise 40 Prozent eingebüsst. Seither haben sich die Börsen zwar wieder erholt – aber nur weil der Staat riesige Rettungspakete aufgelegt hat. Ohne die Staatshilfen wären die Börsen komplett kollabiert. Die Konjunkturpakete sind im wahrsten Sinne des Wortes „alternativlos“. Die Sparer müssen sich klarmachen, dass viele arbeitslos wären, wenn es die staatlichen Rettungsprogramme nicht gäbe.

Mit rund 50 Milliarden Franken stützt zurzeit der Schweizerische Bundesrat, die Regierung, die Wirtschaft. Darin sind zurückzahlbare Kredite an die Wirtschaft enthalten. Ein Konjunkturprogramm ist allerdings sehr umstritten, während  Deutschland mit einem Konjunkturpaket ein Zeichen setzt. Werden die andern Länder nachziehen, oder sind sie in einer weit schwächeren Ausgangslage?

Eigentlich könnte sich jedes Land in der Eurozone ein Konjunkturpaket leisten – denn es gibt ja die EZB, die bereit steht, um Staatsanleihen aufzukaufen und die Zinsen aller Euroländer nach unten zu drücken.

Die südlichen EU-Staaten erwarten von  Deutschland eine Zusage zu einer solidarischen Verschuldung. Könnte das Konjunkturpaket, das sie sich selbst nicht leisten können, nicht gerade neue Ressentiments schüren?

Das deutsche Konjunkturpaket hilft auch den anderen Ländern, zum Beispiel auch der Schweiz. Denn ein Teil der zusätzlichen Nachfrage wird durch Importe befriedigt werden. Allerdings ist richtig, dass die Deutschen ihre ideologischen Vorbehalte überwinden müssen: Eine gemeinsame Währung wie der Euro ist auf Dauer nur möglich, wenn man sich auch gemeinsam verschuldet.

Foto: Herby Sachs / WDR


 Ulrike Herrmann (56) ist Wirtschaftsredaktorin der „tageszeitung“ (taz). Sie ist ausgebildete Bankkauffrau und hat Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert. Von ihr stammen mehrere Bestseller zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen, wie „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen: Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind“, erschienen 2019, oder „Älter werden, Neues wagen“ aus dem Jahr 2008.

 

3 Kommentare

  1. Das ist aber schön aus so kompetentem Mund zu hören, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Alles steht mit der Wirtschaft zum Besten solange jedermann Schulden macht. Ich habe aber trotzdem ein bisschen Mühe daran zu glauben.

  2. Wenn die Frau Ulrike Herrmann Historie studiert hat, dann sollte sie wissen, dass die Modern Monetary Theory ist nicht „modern“ist. Sie ist in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder ausprobiert worden und hat nie funktioniert. Jedes mal, wenn der Staat Geld gedruckt hat, um für Dinge zu bezahlen, waren das Ergebnis Boom- und Krisenphasen, Inflation (und Hyperinflation), wirtschaftliche Stagnation und soziales Chaos. MMT’ler verstehen einfach nicht das Wesen des Geldes und auch nicht die Gesetze der Wirtschaftszyklen und das Konzept der Fehlinvestition und der Kapitalvernichtung.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel