FrontGesellschaft„Es war mir als Migrant eine Ehre“

„Es war mir als Migrant eine Ehre“

Während 13 Jahren war Franjo Ambrož (Bild) Vorsitzender der Geschäftsleitung von Pro Senectute Kanton Zürich. Jetzt geht er in Pension. Was hat ihn in dieser Zeit bewegt, wo steht Pro Senectute Kanton Zürich heute, welche Ratschläge gibt er seiner Nachfolgerin mit auf den Weg? 

Herr Ambrož, am 30 Juni ist es soweit. Dann räumen Sie das Chefbüro, übergeben es Véronique Tischhauser-Ducrot, der neuen Vorsitzenden? Können Sie so einfach loslassen, oder bleiben Sie mit Ihrer Erfahrung in der Altersthematik der Alterspolitik mit den verschiedensten Facetten weiterhin erhalten? 

Franjo Ambrož: Dem aktuellen Zeitgeist entsprechend werde ich mich hüten, mich dem Müssiggang und «Ruhestand» hinzugeben! Aber ernsthaft: Selbstverständlich werde ich in dieser oder jener Form weiterhin der Altersarbeit verbunden bleiben, so auch als Stiftungsrat in der Walder Stiftung in Zürich, aber auch als Supervisor und Coach für Führungskräfte und NPO-Organisationen.

Die letzten 4 Monate ihrer Amtszeit waren von einem ganz besonders geprägt: von der Corona-Krise. Mit welchen ganz besonderen Herausforderungen sahen Sie sich konfrontiert?

Die inhaltliche und betriebliche Herausforderung bestand darin, innert weniger Tage die notwendigen organisatorischen Massnahmen umzusetzen, um einerseits alle Beteiligten – Seniorinnen und Senioren, unsere Freiwilligen und Mitarbeitenden –  optimal zu schützen und andererseits unser vielfältiges Dienstleistungsangebot unter den neuen Umständen und Rahmenbedingungen weiterzuführen. Zentral war ferner die zeitnahe und gezielte Kommunikation mit unseren 3500 Freiwilligen im ganzen Kanton Zürich.

Ihre Organisation erbringt viele Dienstleistungen mit über 3500 freiwillig Tätigen. Diese sind meist über 65 Jahre alt, gehörten also zur Risikogruppe und konnten so in den letzten vier Monaten an sich nicht eingesetzt werden?

Dies ist absolut korrekt: Der Schutz und die Sorge um die Gesundheit unserer Freiwilligen stand in diesen Wochen ohne Wenn und Aber im Vordergrund. Unsere ambulanten Dienstleistungen wurden jedoch weiter aufrechterhalten und sogar ausgebaut, sie erfolgten auf schriftlichen, telefonischen und E-Mail-Wegen.

Welche Lehren hat die Pro Senectute aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen?

Gezieltes Krisenmanagement, schnelle und gezielte Kommunikation mit allen Betroffenen und proaktive Entscheidungen sind hier die wichtigsten Stichworte. Und: Wir mussten feststellen, dass mit zu einschränkenden und zu starren Massnahmen und Vorgaben ein Teil der älteren Bevölkerung zum ungerechtfertigten Ausschluss aus dem öffentlichen Leben gezwungen wurde. Diesbezüglich haben wir versucht, von Anfang an ein individuelles Vorgehen zu praktizieren, was in der Praxis leider nicht immer optimal gelungen ist.

Pro Senectute hat in der Schweiz eine ausgeprägt föderative Struktur. Die kantonalen Organisationen von Pro Senectute sind sehr autonom, verfügen jeweils über eigene Stiftungsräte. War das ein Vor- oder ein Nachteil?

Die kantonalen Pro Senectute Organisationen sind nicht einfach autonom, sie sind formal eigenständige und juristisch unabhängige Stiftungen, das ist ein Faktum. Dies ist auch ein Abbild der kantonalen Strukturen in unserem Land. Für die Bewältigung der Herausforderungen während der Corona-Situation spielte dies aus meiner Sicht jedoch eine untergeordnete Rolle.

Drängen sich strukturelle Veränderungen auf oder kann die aktuelle Organisationform auch weiterhin so bestehen bleiben?

Inhaltlich betrachtet und bezogen auf die Erbringung von einzelnen Dienstleistungen zugunsten der älteren Bevölkerung drängen sich aktuell keine strukturellen Veränderungen auf. Ein anderes Thema ist die langfristige Finanzierung der zahlreichen und wichtigen Angebote: Hier werden meiner Meinung nach in den nächsten zehn Jahren strukturelle Anpassungen sinnvoll und notwendig sein, indem die einzelnen kantonalen Organisationen ihre Zusammenarbeit besser koordinieren und fokussieren.

Welche Vorkehren hat Pro Senectute Kanton Zürich zu treffen, um beispielsweis bei einer zweiten Welle oder bei einer erneuten, ähnlichen Krise vorbereitet zu sein?

Angesichts der besonderen Umstände waren wir schon diesmal ganz gut vorbereitet, weil wir sozusagen schon in «normalen Zeiten» sehr flexibel und individuumorientiert vorgehen. Aber wir haben in den letzten Wochen auch viel dazu gelernt: Einerseits muss es darum gehen, den Kontakt zu betroffenen Seniorinnen und Senioren noch schneller aufzunehmen und diese in die Entscheidungsfindungsprozesse früh miteinzubeziehen. Und wir müssen darauf bedacht sein, transparent und gezielt zu kommunizieren, warum welche Massnahmen für alle gelten müssen, andere jedoch nach individuellen Kriterien flexibler gestalten werden können. Übergeordnet würden die heute bestehenden Schutzkonzepte und die betrieblich notwendigen Massnahmen (Homeoffice u.a.) reaktiviert werden.

13 Jahre sind eine recht lange Zeit. Was war für Sie das ganz entscheidende Erlebnis, das sie nicht missen möchten?

Ein einschneidendes, einmaliges Erlebnis gab es nicht: Die 13 Jahre waren persönlich und beruflich eine absolut herausfordernde Zeit. Die Tatsache, eine so komplexe und in der Bevölkerung so gut verankerte Organisation mit so vielen engagierten Mitarbeitenden und Freiwilligen mitprägen und mitgestalten zu dürfen, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Zufriedenheit. Vermutlich klingt es etwas nostalgisch, aber als Migrant erster Generation aus Slowenien empfand ich es als eine Ehre, die Geschicke einer 103jährigen, urschweizerischen Stiftung lenken zu dürfen…

Das Projekt CareNet+ Ihrer Organisation ist in seinem Ansatz sehr innovativ. Es versucht komplexe Krankheitsfälle mit all den involvierten Personen und Stellen gemeinsam mit der betroffenen Patientin, dem betroffenen Patienten zu analysieren und einer guten Lösung zuzuführen. Wo steht das Projekt heute?

Das Koordinationszentrum für Gesundheit und Soziales im Bezirk Affoltern nähert sich erfolgreich dem Ende der Pilotphase. CareNet+ wird ab 2021 in die Betriebsphase einschwenken. Als wichtigste Partner von Pro Senectute Kanton Zürich haben bereits mehrere Gemeinden im Knonaueramt ihre grundsätzlichen Absichtserklärungen zur Mitfinanzierung kommuniziert, weitere werden voraussichtlich bis Ende Jahr folgen. Die Überführung von CareNet+ in die Betriebsphase ist ein zentraler Schritt für die spätere Ausweitung im ganzen Kanton Zürich und darüber hinaus.  

Und eine letzte Frage: Welche Wünsche geben Sie Véronique Tischhauser-Ducrot, Ihrer Nachfolgerin, mit auf den Weg, mit zum Start am 1. Juli 2020?

Frau Tischhauser  übernimmt eine gut aufgestellte und finanziell auf einem soliden Boden stehende gemeinnützige Organisation, mit über 300 gut qualifizierten Mitarbeitenden und 3500 hochmotivierten und engagierten Freiwilligen. Auf diesem Hintergrund wünsche ich der neuen Vorsitzenden der Geschäftsleitung viel Freude, persönliche Hingabe und die Weitsicht, in den nächsten Jahren das gut Funktionierende und Sinnvolle zu bewahren und das notwendige Neue auf verschiedenen Ebenen einzuleiten. Und ich wünsche ihr ein offenes Ohr und einen wachen Blick für die Anliegen und die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung im Kanton Zürich.


Franjo Ambrož (65) studierte Politologie und Psychologie an der Universität Zürich, schloss 1984 mit lic. phil. ab. Er absolvierte Zusatzausbildungen in Projektleitung, Organisationsentwicklung und belegte einen Lehrgang in Non-Profit-Management (Uni Fribourg). Bevor er 2007 die Geschäftsleitung von Pro Senectute Kanton Zürich übernahm, war er in der Geschäftsleitung der Altersheime der Stadt Zürich,  verantwortlich für 11 der 27 städtischen Altersheime. Davor war er zehn Jahre lang Gesamtleiter der kantonalzürcherischen Suchtklinik Sonnenbühl bei Brütten.

 

 

 

 

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